Kühne und Nagel will aufarbeiten
Der Logistikkonzern kündigt eine Untersuchung seiner Rolle im deutschen Faschismus an
Mit dem Tod des Firmenpatriarchen Klaus-Michael Kühne ist offenbar das Haupthindernis für eine Aufarbeitung der Geschichte des Logistikkonzerns Kühne und Nagel zur Zeit des deutschen Faschismus entfallen. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte der Agentur dpa am vergangenen Donnerstag, einen Monat nach Kühnes Ableben, der Verwaltungsrat von der Kühne und Nagel International AG wolle sich mit dem Thema befassen. Wann genau, sei noch nicht entschieden. Dem Vernehmen nach geht es um eine unabhängige Untersuchung, die in den nächsten Monaten begonnen werden soll.
Klaus-Michael Kühne, der einer der reichsten Deutschen war, hatte sich zeitlebens gegen eine Aufarbeitung der dunklen Seiten der Firmengeschichte gewehrt. Denn: Wie bei vielen Clans des deutschen Kapitals basiert auch der Reichtum der Kühnes auf einer Bereicherung in der Zeit des Faschismus. Die Spedition war unter den Nazis ein Hauptprofiteur der »Arisierung« jüdischen Eigentums. Ihr kam eine Schlüsselrolle bei der »M-Aktion« zu, in deren Rahmen bis August 1944 die Inneneinrichtung von rund 65.000 Wohnungen geflohener oder deportierter Juden in Frankreich und den Benelux-Ländern abtransportiert wurde.
Die Firma wurde im Juli 1890 von den Geschäftsleuten August Kühne, dem Großvater von Klaus-Michael Kühne, und Friedrich Gottlieb Nagel in Bremen gegründet. Nach dem Tod Nagels 1907 ging das Unternehmen in den alleinigen Besitz von Kühne über. 1908 wurde der jüdische Kaufmann Adolf Maass, der die Hamburger Niederlassung aufgebaut hatte, Teilhaber von Kühne und Nagel. 1932 starb August Kühne und seine Söhne Alfred – Vater von Klaus-Michael Kühne – und Werner übernahmen das Geschäft. Im April 1933 verließ Maass die Firma, vermutlich von den Kühnes hinausgedrängt. Werner und Alfred Kühne wurden am 1. Mai 1933 Mitglieder der NSDAP. Maas und seine Frau wurden 1945 im KZ Auschwitz ermordet.
Mit dem Ausscheiden des jüdischen Teilhabers und dem Parteieintritt der Kühnes waren die Weichen gestellt, um an Staatsaufträge zu kommen. In den 1940er Jahren profitierte Kühne und Nagel unter Einsatz seiner Logistikstruktur vom Transport von sogenanntem Judengut, dem Hausrat von Deportierten, den sich der Nazistaat angeeignet hatte. Die »M-Aktion« des Naziregimes war ein Bereicherungsprogramm für den Kühne-Clan.
Die verantwortliche Dienststelle ließ bis August 1944 in den Niederlanden, Belgien, Frankreich und Luxemburg die Einrichtungen von rund 65.000 Wohnungen abtransportieren, so jedenfalls laut Wikipedia. 500 Frachtkähne und 674 Züge seien dafür nötig gewesen. Für den Historiker Wolfgang Dreßen, der sich mit der Geschichte des Konzerns befasst hat, ist die Sache klar. Die Firma sei »mitverantwortlich für den Tod von Leuten, sie haben damit Geld verdient«, hatte er im März 2018 konstatiert.
Wie in ähnlichen Fällen wurden Alfred und Werner Kühne nach dem Krieg nicht zur Verantwortung gezogen. Der Geheimdienstexperte Erich Schmidt-Eenboom berichtete im März 2015 gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, Kühne und Nagel habe zu den wichtigsten Tarnunternehmen der neu aufgebauten Organisation Gehlen, der Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes, gehört. So wurden Alfred und Werner Kühne schnell »entnazifiziert«, ihre Konto- und Vermögenssperren wurden zum 1. Juli 1948 aufgehoben. Die Weichen für den Wiederaufstieg des Konzerns waren gestellt.
Wie unabhängig die jetzt angekündigte Untersuchung am Ende sein wird, bleibt abzuwarten. Zu Lebzeiten von Klaus-Michael Kühne hatte das Unternehmen stets behauptet, die Firmenarchive seien im Zweiten Weltkrieg durch die Zerstörung der Bürohäuser in Bremen und Hamburg weitgehend verlorengegangen. 2015 hieß es in einer Stellungnahme, Kühne und Nagel sei wie andere in die Kriegswirtschaft »eingebunden« gewesen und habe »in dunklen und schwierigen Zeiten seine Existenz behaupten« müssen. Eingeräumt wurde lediglich, dass das Unternehmen in Transporte von beschlagnahmten Gütern Verfolgter involviert war.
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