Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 08.10.1997 / Ausland

Tschechische NS-Überlebende von der BRD enttäuscht

Opferverbände fordern individuelle Entschädigung

Die letzten überlebenden tschechischen Opfer der Nazi- Herrschaft sind »tief und bitter« von Deutschland enttäuscht. Falls sich das Nachbarland weiter weigere, eine individuelle Entschädigung der Opfer zu gewähren, stelle dies »eine neue Ungerechtigkeit dar, die nicht mehr getilgt werden kann«, sagte am Dienstag Jiri Danicek, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Prag. Diese Forderung würden auch die überlebenden Häftlinge der Konzentrationslager »nie aufgeben«, bekräftigte der Vorsitzende des tschechischen KZ- Häftlings-Verbandes, Oldrich Stransky.

In der vergangenen Woche hatte der deutsche Außenminister Klaus Kinkel (FDP) Prag besucht und eine individuelle Entschädigung ausdrücklich abgelehnt. Statt dessen soll ein »überwiegender Teil« des Zukunftsfonds, den beide Länder im Januar in ihrer Aussöhnungserklärung vereinbart hatten, den NS-Opfern zugute kommen. In der tschechischen Presse war unmittelbar nach dem Besuch Kinkels zum deutschen Einheitsfeiertag ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

Die regierungsnahe Zeitung Dnes schrieb von »Kinkels Schande in Prag«. Sowohl Kinkel wie sein Amtskollege Josef Zieleniec hätten nicht angeben können, auf welche Weise die Opfer nun konkret entschädigt werden sollten, kritisierte Stransky. Eine individuelle Entschädigung sei aber nun einmal »die einzige Möglichkeit für uns, die Entschuldigung Deutschlands zu spüren«. Eine Lösung sei dringend notwendig, »weil jeden Monat Dutzende von uns sterben«.

Die jüdischen tschechischen Organisationen hätten beschlossen, ihre seit sieben Jahren geübte Zurückhaltung aufzugeben, weil das Vertrauen, das sie der BRD- und der tschechischen Regierung geschenkt hätten, nun gegen sie kehre. Druck solle künftig vor allem mit Hilfe von Glaubensgenossen in den USA und von US-Senatoren ausgeübt werden, die sich im vergangenen August in einem offenen Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) gewandt hatten. Darin hatten sie kritisiert, daß die NS-Opfer in Osteuropa noch immer nicht entschädigt wurden.

An Kinkels Besuch hatten sich die Hoffnungen der rund 10 000 tschechischen Überlebenden des deutschen Faschismus geknüpft. Der Fonds, für den die BRD 140 Millionen Mark und Tschechien umgerechnet 45 Millionen Mark in Aussicht stellten, soll unter anderem Projekte der Altenfürsorge, der Verständigung zwischen beiden Völkern und der Pflege von Baudenkmälern und Grabstätten finanzieren. Pro Kopf der Bevölkerung bedeutet dies einen Beitrag von 1,50 Mark für jeden Deutschen und 4,25 Mark für jeden Tschechen.

AFP/jW

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