Stadt der Angst
Von Unai AranzadiMeine Reise beginnt in den Straßen von Charkiw. Ich bin auf der Suche nach Menschen und Geschichten. Mein Ziel ist ein Gebiet, das als Schlüsselkorridor für die Beendigung des Krieges in der Ukraine gilt. Es beginnt in Charkiw, der mit 1,4 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt des Landes, und endet im Norden an der Grenze zu Russland. Luftlinie sind das 40, auf der Straße gut 50 Kilometer. Viele Jahre lang haben Ukrainer und Russen ganz selbstverständlich diese Wege passiert, zu Fuß, per Zug oder mit dem Auto. Zwischen diesen Schienen und Straßen liegen verstreut eine Reihe von Städten und Siedlungen, die seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 schwer getroffen wurden. Ihre Bewohner haben sehr unterschiedliche Phasen der Beziehungen zwischen beiden Ländern kennengelernt. Sie kennen noch das brüderliche und grenzüberschreitende Zusammenleben mit ihren Nachbarn. Zugleich haben sie die russische Besatzung in den ersten sechs Monaten des Krieges erlebt. Auf der anderen Seite der Grenze, in einer Entfernung, die fast der nach Charkiw entspricht, liegt die russische Stadt Belgorod. So wie Charkiw von den Russen wurde Belgorod von den Ukrainern angegriffen, als Vergeltungsmaßnahme, wie die ukrainische Armee sagt. Wenn der Krieg beendet ist, wenn ein Waffenstillstand herrscht, werden die Menschen dieser Region wieder Beziehungen zueinander knüpfen.
Doch vorerst herrschen Krieg und Tod. An Orten wie dem Charkiwer Friedhof Nr. 18 kennen sie das nur zu gut. Dort steht bereits das Kreuz bereit, das über das Grab des Soldaten Konstantin Ferebkow genagelt werden soll. Es ist nur eines von vielen, die an die Familien anderer Soldaten verteilt werden, die im Laufe des Tages begraben werden. Mit großer Feierlichkeit, aber ohne Zeit zu verschwenden, beginnt Nikolai, ein Kommandeur der ukrainischen Armee, der die Leiche des jungen Rekruten gebracht hat, den bürokratischen Teil des Begräbnisses, bei dem Armee, Familie und Friedhofsverwaltung verschiedenste Dokumente austauschen. »Er starb am 7. Januar im Kampf«, sagt Nina, die Mutter des Soldaten. »Es war in Russland«, erklärt Igor, der Bruder des Verstorbenen, »in Kursk, wo er einige Monate lang gekämpft hat.«
Die ukrainische Invasion in Russland begann am 6. August vergangenen Jahres völlig unerwartet. Das schwer umkämpfte Gebiet, das die ukrainische Armee seitdem kontrolliert, ist eher klein, bedeutender ist der psychologische Aspekt, auf russisches Territorium vorgedrungen zu sein.
»Lass uns nach draußen gehen, alles ist bereit«, sagt Igor zu seiner Mutter. Sie begeben sich zu einem großen Gräberfeld, in dem Hunderte Soldaten unter frischer Erde liegen. Der Sarg wird aus einem Lieferwagen geholt. Eine Ehrengarde, bestehend aus drei schlecht uniformierten Mittfünfzigern, ist anwesend. Der Sarg wird geöffnet, damit die Familie sich verabschieden kann. Zehn Meter weiter die gleiche Szene. Und so überschneiden sich die Schreie Ninas mit denen einer anderen Mutter, die ebenfalls ihren Sohn zu Grabe trägt. Darüber hinweg knallen die Schüsse der Ehrengarde.
Tabuthemen
Während die Totengräber den Sarg ins Grab absenken, blicke ich über das Gräberfeld. Mit Plastikblumen bedeckt und unzähligen Fahnen belegt, verweisen viele auf die Einheiten, in denen die Soldaten gekämpft haben. Besonders das »Kraken«-Regiment und das »Asow«-Bataillon fallen durch ihre großen Banner auf. Im Kontrast dazu stehen die Gräber getöteter Zivilisten, die keine militärische Zugehörigkeit ausweisen.
Die Zahl der Toten auf ukrainischer Seite ist eines der großen Geheimnisse dieses Krieges. Das Verteidigungsministerium vermeidet es, Angaben zur Zahl der Todesfälle in seinen Reihen zu machen. Präsident Wolodimir Selenskij hat die Zahl jüngst mit 46.000 angegeben. Andere Quellen wie die New York Times gingen Ende des vergangenen Jahres von 100.000 Gefallenen aus. Das ukrainische Verteidigungsministerium beziffert die Zahl russischer Opfer auf 837.610 Menschen, darunter Tote, Vermisste und Verletzte. Über die genaue Zahl der ukrainischen Verwundeten schweigt es sich aus.
Dabei sind sie kaum zu übersehen, denn sie prägen das Bild der ukrainischen Städte. Überall sieht man junge Menschen und alte, die sich mit Hilfe von Krücken oder einem Stock fortbewegen oder deren Gang auf eine Beinverletzung hindeutet. Auch Igor, der Bruder des auf dem Friedhof Nr. 18 begrabenen Soldaten, ist eines dieser Opfer, die unbemerkt bleiben. Als er den Ärmel seines Trikots hochkrempelt und »Mariupol 2022« sagt, verstehe ich, was dieser durch Verbrennungen völlig deformierte Arm bedeutet.
Ein weiteres der vielen Tabus dieses Krieges ist die Desertion. Wladimir, den ich vor fast drei Jahren in Charkiw traf, schreibt mir aus seinem Exil in den Niederlanden: »Wenn man in den Jahren 2022 und 2023 einberufen wurde, ging man zum Rekrutierungsbüro, sprach mit dem Kommandeur, und im allgemeinen gab es keine Probleme, seine Freilassung für ein paar hundert Dollar zu erkaufen. Dann wurden die Behörden gesäubert, und es wurde komplizierter, so dass viele illegal das Land verließen. Als sie begannen, Leute auf der Straße anzuhalten, um sie mit Gewalt zu rekrutieren, änderte sich alles. Ich weiß, dass Putin scheiße ist, aber ich habe beschlossen, nicht zu kämpfen, denn auf die Amerikaner zu hören bedeutet, umsonst zu sterben.«
Dass korrupte Kommandeure Bestechungsgelder angenommen hatten, kam erst im August 2023 ans Licht, war aber eigentlich ein offenes Geheimnis. Auch danach sollen verschiedenen Medienberichten zufolge weiterhin Bestechungsgelder geflossen sein, um den Kriegsdienst abzuwenden. Gleichwohl ist die Stimmung in der Bevölkerung nicht so schlecht, wie es sich der Kreml wohl wünschen würde. Trotz der fehlenden Rotation – es gibt viele Soldaten, die schon seit langer Zeit an der Front sind – und der offensichtlichen Entmutigung – schließlich spricht niemand mehr vom Sieg – sind viele Soldaten bereit, weiterzukämpfen.
Entsprechend weit verbreitet sind die Geschichten über den Heldenmut und die Opferbereitschaft der Soldaten. Im Zentrum von Charkiw verweisen unzählige Plakate darauf. Auf einem Klebezettel wird eine Ausstellung beworben: »Besuchen Sie die Fotoausstellung ›Ich werde mein Leben zurückbekommen‹ des Helden Maxim Kriwzow im Makers-Café in der Skoworod-Straße.« Bei dem »Helden« handelt es sich um einen 29jährigen Kiewer, der unter dem Pseudonym »Dali« Gedichte »über Liebe und Krieg« veröffentlichte. Er fiel am 7. Januar des vergangenen Jahres. In dem Café, in dem die Ausstellung zu seinen Ehren stattfindet, werden Cappuccinos zu Preisen serviert, die für die meisten Ukrainer unerschwinglich sind. Über den Dichter Kriwzow wissen die anwesenden Gäste des hippen und urbanen Cafés nicht viel. Dass er ein Patriot gewesen, dass er als Held für sein Land gestorben sei, dessen sind sie sich sicher.
Der Fall Kriwzow zeigt beispielhaft, wie sich die Ukraine nicht erst seit dem russischen Angriff, sondern im Zuge der nationalistischen Revolution, die im Februar 2014 zur gewaltsamen Absetzung des gewählten Präsidenten führte, entwickelt hat. Denn was die Fotoausstellung, deren Übernahme in verschiedene Museen geplant ist, verschweigt, ist, dass »Dali« ein prominentes Mitglied der extrem rechten paramilitärischen Gruppe »Rechter Sektor« war. Der »Rechte Sektor« wollte die Ukraine vom »inneren Feind« befreien (Roma, Russischsprachige, Homosexuelle, Linke). Entsprechend fragwürdig sind auch die Gedichte von »Dali«, die an ein intolerantes Heimatland appellieren, in dem unzählige Bürger ausgegrenzt werden. Das war nicht immer so. Bis zum »Euromaidan« erkannte die Ukraine die Rechte von 130 Minderheiten an und schützte sie. Heute ist sie ein eintöniges Land, in dem Verteidiger der Intoleranz wie der unglückselige »Dali« an die Stelle ukrainischer Schriftsteller wie Gogol treten, der sich schuldig gemacht hat, seine Werke auf russisch zu verfassen.
Vertrauensverlust
Doch trotz der Versuchung, die Kräfte, die sich der russischen Invasion widersetzen, allesamt als Faschisten zu betrachten, genügt ein Besuch der Randviertel der Metropolregion Charkiw, um zu verstehen, dass, obwohl der Nationalismus fast alles durchdrungen hat, die Opfer des Konflikts größtenteils Soldaten mit geringer oder keiner politischen Bildung, Hausfrauen, Rentner, Kinder und einfache Menschen sind, die nichts mit dem Staatsstreich von 2014 und der darauffolgenden ultranationalistischen Entwicklung zu tun hatten.
Wladimir Putin stellte das Argument, in Kiew herrsche ein »Neonaziregime«, das es zu beseitigen gelte, zu Beginn der »Sonderoperation« in den Vordergrund. Dabei ging es doch von Anfang an um etwas anderes, nämlich darum, die NATO daran zu hindern, sich in der Ukraine festzusetzen. Dass die Ukraine tatsächlich ein Mitglied der NATO wird, scheint heute kaum noch realistisch. In diesem Sinne mag der Kreml auf dem besten Weg sein, sein Ziel zu erreichen. Aber zu welchen Kosten? Putin hat einen Großteil der russischsprachigen Bevölkerung der Ukraine, die er doch angeblich verteidigen wollte, verloren.
»Russland mag gewinnen, aber der Preis dafür ist der Verlust des Vertrauens der russischsprachigen Bevölkerung. Hier in Charkiw, wo wir immer Russisch gesprochen haben, wurden wir hart bestraft. Nicht nur hier in der Stadt, sondern in der gesamten Provinz wollen wir nicht länger mit unseren russischen Nachbarn verbunden sein«, sagt Tatjana, eine junge Anwältin, die aus ihrem polnischen Exil zurückgekehrt ist. Sie besucht ihre Eltern, die in einer der Kleinstädte wohnen, die in den ersten Tagen der Invasion besetzt waren. »Sie erschienen sehr schnell und unterbrachen die Kommunikation. Die ersten Tage schlossen wir uns im Keller ein, und als sich die Gelegenheit ergab, flüchteten wir. Monate später, als die Russen abzogen und wir zurückkehrten, sahen wir, dass unser Haus das einzige war, das noch stand. Die Häuser der Nachbarn waren alle zerstört«, beklagt sich die junge Frau. Heute fühle sie sich in Lwiw oder in Kiew durchaus sicher. Hier in Charkiw aber, der am meisten bombardierten Großstadt der Ukraine, habe sie beständig Angst.
Die Sirene ertönt. Aber es scheint niemanden zu kümmern, zumindest geht niemand in Deckung. Es sind Shahed-Drohnen, die meist von der Luftverteidigung vom Himmel geholt werden. Die Abschüsse erhellen den Nachthimmel. Im vergangenen Jahr starben 98 Einwohner Charkiws an den Folgen russischer Bombenangriffe, darunter neun Kinder. »Aber es gibt noch andere Dinge, die die Presse oft nicht berücksichtigt«, sagt Tatjana. »Etwa die Schwierigkeit, einen Job zu finden oder ein Geschäft zu eröffnen. Wer möchte schon an einem Ort investieren, der eine halbe Autostunde von der russischen Grenze entfernt liegt? Nach allem, was in diesen Jahren passiert ist. Und wer soll einem versichern, dass der Krieg nach der Unterzeichnung eines Abkommens nicht zurückkehren wird?«
Charkiws Seitenwechsel
Die Wahrheit ist, dass sich Charkiw nach dem »Euromaidan« in einer Krise befand. Die Stadt hatte zu sowjetischen Zeiten eine herausragende Stellung, aber in der traditionellen Geographie des ukrainischen Nationalismus spielte sie keine besondere Rolle. Die am stärksten industrialisierte Stadt der Ukraine war einst das Tor nach Russland wie nach Asien. Wird die einst so russophile Stadt nach dem Krieg zu einer rein ukrainischen Stadt werden? Tatsächlich ist das Russische in der Ukraine, was die Institutionen anbelangt, komplett verschwunden, und das nicht nur in der Westukraine, sondern auch im Osten des Landes, wo nach wie vor gut 80 Prozent der Menschen im Alltag Russisch sprechen. Es gibt keine russischsprachigen Medien mehr. Auch in den Lehrplänen der Schulen ist die Sprache nicht mehr vorhanden, und selbst die Bibliotheken haben die Werke von Tolstoi, Puschkin, Dostojewski und Tschechow aus den Regalen genommen.
Anders als man meinen könnte, hat dies weder in der Stadt noch im Gebiet um Charkiw zu Protesten geführt. Schon im April 2014 waren die Proteste gegen den Maidan-Putsch im Zentrum von Charkiw eher klein verglichen mit anderen Oblasthauptstädten wie Lugansk oder Donezk. Dabei war die im 17. Jahrhundert zur Verteidigung der Südgrenze des Russischen Reiches gegründete Stadt mehrheitlich russischsprachig und wählte Parteien, die gute Beziehungen zum Nachbarland befürworteten. Doch obwohl einer Umfrage der Wochenzeitung Dserkalo Tischnja zufolge 40,8 Prozent der Charkiwer das Post-Maidan-Parlament für illegitim hielten, äußerten sich innerhalb der Stadt kaum Stimmen wie in Donezk und anderen Teilen der Ostukraine. Das lag einerseits daran, dass die einflussreichen Industriellen der Region Charkiw pragmatisch agierten, was die Öffnung der Ukraine nach Westen und das Verhältnis zu Russland anging. Zum anderen und wohl noch entscheidender: Der nach dem »Euromaidan« eingesetzte neue Innenminister Arsen Awakow stammte aus der Stadt. Zwei Monate nach seinem Amtsantritt leitete er persönlich den Einsatz zur Rückeroberung des Gebäudes der Staatlichen Gebietsverwaltung in Charkiw, das von prorussischen Demonstranten besetzt worden war. Einzig der Bürgermeister Charkiws, Gennadij Kernes, der gute Beziehungen zu Russland unterhielt und genauso mafiös wie seine Gegner agierte, sympathisierte mit separatistischen Bestrebungen. Das änderte sich schlagartig, als Kernes am 28. April 2014 von einem Scharfschützen in den Rücken geschossen wurde. Der Bürgermeister überlebte knapp. Fortan erklärte er seine Loyalität gegenüber dem neuen Präsidenten Petro Poroschenko und agierte für einen Verbleib Charkiws in der Ukraine.
Welchen Weg die Stadt gehen würde, zeigte sich am 28. September 2014, als die 1963 errichtete Lenin-Statue abgerissen wurde. Von da an gab es kein Zurück mehr. Federführend beteiligt an diesem Denkmalsturz war der »Rechte Sektor«. Ich war seinerzeit vor Ort und konnte beobachten, wie frei sich die Kämpfer dieser paramilitärischen Gruppe, die heute vollständig in die ukrainischen Streitkräfte integriert ist, bewegten. Ihr völlig ungeniertes, gewalttätiges Auftreten zeugt vom Schutz durch die Beamten des Innen- und des Verteidigungsministeriums. Das Denkmal war in den Wochen zuvor von prorussischen Demonstranten besetzt worden, um es vor einem Abriss zu schützen. Immer wieder kam es zu Provokationen durch Angehörige des »Rechten Sektors«, die Tränengasgranaten in Richtung der Demonstranten schossen und Schlägereien anzettelten. Die Polizei stand herum und tat nichts.
Charkiw war als bedeutender Rüstungsstandort und Verkehrsknotenpunkt während des Zweiten Weltkriegs stark umkämpft. Mehrmals wechselte die Stadt den Besitzer, bis sie im August 1943 endgültig von der Roten Armee befreit wurde. Von den vier Schlachten um Charkiw erzählte mir im September 2014 einer der rechten Krawallmacher voller Stolz. Ob Charkiw heute noch einmal die Seite wechselt? Ist vorstellbar, dass die Stadt noch einmal unter Kontrolle der Russen gerät? Nichts deutet darauf hin.
Unai Aranzadi ist freier Journalist. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Dezember 2018 über die Nuklearkatastrophe von Fukushima: »Im Niemandsland«.
Übersetzung aus dem Spanischen: Ronald Weber
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Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (3. März 2025 um 05:42 Uhr)»Einst Tor nach Russland, hat sich die Stimmung in Charkiw im Zuge des Krieges entschieden gewandelt.« Wie die Stimmung der Bevölkerung dort ist, wird niemand einem Interviewer anvertrauen oder anderweitig in der Öffentlichkeit äußern, sollte er Sympathien für Russland haben. Wenn allerdings die USA oder GB diesen Krieg geführt hätten, wie es im Irak der Fall war, dann wäre Charkiw nur noch ein Schutthaufen. Es fällt auf, dass Russland darauf verzichtete, bei seinem »brutalen Angriffskrieg« Großstädte wie Charkiw oder Kiew zu »irakisieren«, was theoretisch ja möglich gewesen wäre. Die Stimmung in der deutschen Bevölkerung hatte sich übrigens damals sehr gewandelt, je nachdem, ob man sich in der Öffentlichkeit am 20. April 1945 äußerte oder am 20. Mai 1945. Charkiw befindet sich von der russischen Grenze so weit entfernt wie Berlin von der Oder. »Ob Charkiw heute noch einmal die Seite wechselt? Ist vorstellbar, dass die Stadt noch einmal unter Kontrolle der Russen gerät? Nichts deutet darauf hin« … außer ein Blick auf die Landkarte, den Frontverlauf sowie der Zustand der Ukraine. Aber was bedeutet das schon?
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Joachim S. aus Berlin (1. März 2025 um 11:43 Uhr)Es fällt nicht leicht, diesen Bericht zu lesen. Aber es ist eben die Wahrheit, dass Kriege nicht nur Menschen töten und Häuser zerstören. Viel wichtiger noch ist, dass sie eine Atmosphäre hinterlassen, in der sich Menschen nicht mehr als Mitmenschen erkennen können. Als Menschen mit ganz ähnlichen Ängsten, Sehnsüchten und Träumen, die weitaus mehr verbindet, als sie trennt. Und denen abgewöhnt wurde, das wahrnehmen zu können. Hoffnung gewinne ich aus den Erfahrungen meiner Elterngeneration, der es in der DDR in historisch kurzer Zeit gelang, ein ähnlich tief sitzendes Trauma weitgehend überwinden zu können. Es wäre zu hoffen, dass letztendlich auch deutsche Politik dazu beitragen möge, die entstandenen Verletzungen zu heilen. Allerdings befürchte ich eher, dass unser Land in der in den letzten 15 Jahren geübten Praxis weiter Salz in die aufgerissenen Wunden streuen will. Rüstungsgüter verkaufen sich so viel, viel leichter. Menschen interessieren dabei eher nicht, egal, ob sie Russen, Ukrainer oder Deutsche sind.
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