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Aus: Ausgabe vom 03.04.2025, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Kitakrise und weniger Geburten

Sparen statt besserer Personalschlüssel

Kitaschließungen in Ostdeutschland zwecks Haushaltskonsolidierung
Von Gudrun Giese
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In Brandenburg ist die Entscheidung schon gefallen: Lieber weniger, dafür volle Kindergärten

Vor nicht allzu langer Zeit klagten kommunale Träger von Kindertagesstätten, es gebe zu wenig Plätze und Erzieherinnen. Inzwischen ändert sich die Lage – vor allem in den ostdeutschen Bundesländern. Am 26. März beschlossen die Stadtverordneten in Brandenburg an der Havel mehrheitlich den Abbau von 360 der insgesamt 3.800 städtischen Kitaplätze. Drei Einrichtungen sollen geschlossen, die dort untergebrachten Kinder auf andere Kitas verteilt werden. Als Grund für den Abbau nannten Stadtverordnete den Geburtenrückgang. Genauso wichtig dürfte das Sparpotential sein: Die Reduzierung um 360 Plätze bedeute mittelfristig 530.000 Euro weniger Kosten, betonte die Beigeordnete für Jugend und Soziales Alexandra Adel (Freie Wähler) gegenüber dem RBB. Die Stadt könne es sich nicht leisten, »den Leerstand zu finanzieren«, sagte sie. Die eingesparte etwas mehr als halbe Million Euro solle für die bessere Betreuungsqualität der Kinder eingesetzt werden, erklärte sie, ohne das zu konkretisieren. Möglicherweise schließt das Geld auch einfach ein Loch in der Kasse. Während die CDU-Stadtverordnete Dietlind Tiemann die Schließungen unterstützte und zudem auf künftig sinkende Schülerzahlen verwies, sprach sich Daniel Keip von der SPD gegen den Abbau aus. Es sei der falsche Weg für eine wachsende Stadt und könne dazu führen, dass Stadtteile abgehängt würden.

Eine der von Schließung betroffenen Einrichtungen, die von einem evangelischen Verein betriebene Kita »Kleine Fische«, existiert bereits seit 130 Jahren. Obwohl von 28 Plätzen 24 belegt sind, soll sie nach dem Sommer schließen. »Wir wollen eigentlich weitermachen«, sagte Wolfgang Biedermann, Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Brandenburg an der Havel, dem RBB. Auch wenn die Kita nicht bis zum letzten Platz belegt sei, gehöre sie zu den gut nachgefragten. Die Eltern seien sehr zufrieden, betonte Biedermann. Außerhalb des Kitabedarfsplans könne das Diakonische Werk die »Kleinen Fische« aber nicht weiterbetreiben. Dafür würden jährlich 100.000 Euro benötigt, die »wir als relativ kleiner Verein niemals aufbringen können«, so der Geschäftsführer. Die beiden weiteren von Schließung betroffenen Kitas »Leben« und »Spatzenhaus« sind jeweils zu rund einem Drittel ihrer Kapazität belegt. Darüber hinaus sollen weitere Einrichtungen Plätze abbauen. Die Geburtenzahl in Brandenburg/Havel geht derzeit um etwa 150 pro Jahr zurück. Das habe man nicht vorhergesehen, müsse nun aber darauf reagieren, meinte die Beigeordnete für Jugend und Soziales, Alexandra Adel. Die Entscheidung zur Schließung von Kitas sei nicht leichtgefallen.

Auch andere Städte in Ostdeutschland erwägen, Einrichtungen für Kinder dichtzumachen. Im sächsischen Altenberg empfahl ein von der Stadt beauftragtes externes Beratungsunternehmen die Schließung von bis zu fünf der insgesamt acht Kitas, damit der Haushalt stabilisiert werden könne. Dagegen protestierten laut einem Bericht des MDR Sachsen vom 21. März betroffene Eltern. Altenbergs damaliger Bürgermeister Markus Wiesenberg (CDU) verwies darauf, dass die acht kommunalen Kitas im Durchschnitt jeweils nur zur Hälfte ausgelastet seien. Allerdings stünden bei einer Schließung plötzlich Ortsteile wie Schellerhau, Zinnwald und Geising ohne Betreuungseinrichtung für den Nachwuchs da. Ende März trat Wiesenberg von seinem Amt zurück. Der Stadtrat vertagte daraufhin die Entscheidung über mögliche Kitaschließungen.

Sinnvoller als Schließungen wären Verbesserungen bei den Betreuungsschlüsseln in den ostdeutschen Einrichtungen, betonte Ende Februar Elke Alsago, Leiterin der Verdi-Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit, im Interview mit jW. Sie seien extrem schlecht. Statt die sinkenden Geburtenzahlen für Nachbesserungen zu nutzen, schließe man Gruppen sowie Einrichtungen und entlasse Beschäftigte. Mit den miesen Betreuungsschlüsseln würden junge Familien aus Ostdeutschland vergrault, so dass die Region weiter ausblute.

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