Ostberlins letzte Festung
Von Nick Brauns
Ostberlin 1978: Janz weit draußen in Schweineöde, wo die langhaarigen Proleten zu einem Fußballverein noch weiter draußen in Köpenick halten. Eine tapfere Minderheit hält das weinrot-weiße Banner des landauf, landab verhassten, aber vom Genossen Minister Erich Mielke persönlich protegierten BFC Dynamo hoch. Notfalls tut’s auch eine geklaute polnische Fahne. Doch wer mit einem Schal in den Farben in Schöneweide auf die Straße geht, sollte schneller Flitzer oder schlagkräftiger Boxer sein, sonst gibt’s Dresche.
Ahne, nach nicht ganz unrealistischer Selbsteinschätzung »einer der bekanntesten Lesebühnenautoren der Welt«, geboren 1968 in der Hauptstadt der DDR und BFC-Fan, hat mit »Reinhard Lauck. Einer von uns« weniger ein Porträt des 1973 vom 1. FC Union zum BFC Dynamo gewechselten und darum weithin als Verräter gescholtenen Spielers als ein Buch über das Lebensgefühl einer Ostberliner Jugend in den 70er Jahren verfasst. Lauck ist das Idol von Lutz, dem Stasisohn und Draufgänger, und seinem schüchternen Freund Steve. An dem Spieler scheitert schließlich die geplante Republikflucht – nicht aus politischen Gründen, sondern weil es in Westberlin Platten von Udo Lindenberg und Heavy Metal gibt – der beiden Jungs durch den Kanalschacht. »Wir jehören hierher, Lutz. Dit is unser Revier. Schöneweide. Ostberlin. Dit Sportforum. Wat meinste, wat Reinhard Lauck sagt, wenna erfährt, dit wir beede ihn verraten hätten«, beschwört Steve die Autorität des Mittelfeldspielers.
Erschienen ist das Bändchen in der von Frank Willmann im Verlag Voland & Quist kuratierten »Ikonen«-Reihe, in der Literaten in freigewählten Formen über Fußballspieler und ihre Herzensvereine schreiben. Es sei der Versuch, »sich der wunderschönen Sache Fußball mit schriftstellerischen Mitteln zu widmen«, fasst Anne Hahn, die selbst ein Bändchen über den Traum einer ehemaligen Magdeburger Krankenschwester über die Entführung der 1. FCM-Legende Christian Beck beigesteuert hat, den Ansatz der bereits zehn Bücher umfassenden Reihe gegenüber jW zusammen.
Und was treibt Ostberlins Jugend heute so? Ein kleiner Teil steht weiterhin zum BFC. Aus der weinrot-weißen Ultraszene gibt es seit kurzem ein neues, bei Heimspielen im Sportforum Hohenschönhausen zu erwerbendes Fanzine. Der bereits mit der zweiten Ausgabe vorliegende, reich und in Farbe bebilderte Pionier bekennt sich schon mit der Namensgebung zu den Wurzeln des Vereins im Arbeiter- und Bauernstaat und sieht sich in der Traditionslinie legendärer BFC-Fanzines der letzten Jahrzehnte wie dem Zonenzombie und dem Zugriff. Bei beiden dabei war Fanzineurgestein Andreas Gläser, jW-Lesern als Unterklassenkolumnist bekannt, der der BFC-Jugend nun in »Opa erzählt vom Sieg« seine Erinnerungen an eine Sensation im Spiel gegen Nottingham Forest beim Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister 1979 mitteilt.
Der Pionier beklagt das Verschwinden der ostdeutschen Identität im Berliner Stadtbild – gerade auch im Sport. Wo einst das Stadion der Weltjugend stand, residiert jetzt der Auslandsgeheimdienst. Das Stadion im Jahn-Sportpark, wo der BFC lange gespielt hat, wird bereits eingerissen, das Sport- und Erholungszentrum (SEZ) ist akut vom Abriss bedroht. Und ob das Stadion im Sportforum Hohenschönhausen, Heimat des BFC, wie im Berliner Koalitionsvertrag vereinbart und vom Regierenden Bürgermeister Kai Wegner gegenüber Vereinsoberen per Händedruck zugesichert, tatsächlich drittligatauglich ausgebaut wird und nicht einfach als vermeintlich unzeitgemäßes Relikt verschwinden wird, steht weiterhin in den Sternen. »Ostberlins letzte Festung« titelt Der Pionier und liefert einen Ausblick in das Jahr 2027. In einem kleinen Erdbunker unter dem Block D hat sich eine Gruppe Ultras verschanzt, um den Abriss des Sportforums zu verhindern. Der Pionier dokumentiert ihre letzte Rundfunkansprache: »Wir wenden uns an die Männer Dynamos, die Ultras, Skinheads, Popper und Hooligans, die man verfolgen wird. Sprengt Brücken, blockiert Eisenbahnlinien und zerstört Öl- und Gasleitungen.« Vielleicht hat der Senat ja noch ein Einsehen?
Ahne: Reinhard Lauck – Einer von uns. Verlag Voland & Quist, Berlin 2024, 96 Seiten, 12 Euro
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