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Satan trägt Latex

Mit »Novitzky/Dawson« toppt das Stuttgarter Ballett seine jüngeren Uraufführungen

Generalproben haben ein interessantes Flair. Die Aufführungen sind meist so gut wie fertig, premierenreif eben – aber es gibt noch einen Spielraum für die Phantasie, wie sie sich bis zum großen Abend entwickeln könnten. Der Meisterchoreograph David Dawson beraubte mich des Vergnügens, seine jüngste Kreation als Durchlaufprobe zu sehen. Dafür arbeitete er lieber noch mal mit den Tänzern und Musikern am Werk, das dann zusammen mit dem ersten großen Tanzhit von Roman Novitzky am Freitag abend beim Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Was soll man sagen? »Novitzky/Dawson« ist ein fulminantes Programm, das zwei Handschriften zeigt, die stilsicher Aussagen zur Gegenwart machen.

Es beginnt mit einem Mann in Freizeitkleidung, der auf der düsteren Bühne rückwärts auf das Publikum zugeht. Mit seinen Händen veranstaltet er ein Geflatter und Gezappel, als wollten sich die oberen Gliedmaßen verselbständigen. Aber der junge Mann beugt sich im Lichtkegel plötzlich vornüber. Bedrückt ihn etwas? Ein Paar kommt hinzu, in schickes, auch sportliches Weiß gekleidet. Unser Held schaut sie an, als kämen sie von einem anderen Stern. Wähnt er sich bei ihnen im Paradies?

Genau das ist der Fall. Auch die weiteren der insgesamt 26 Tänzer tragen modisches Weiß, und in eleganten Pas de deux illustrieren sie, während im Hintergrund eine Art Scheibe in violettem Licht erstrahlt, eine moderne Version vom Garten Eden. Roman Novitzky ließ sich nämlich von Dantes »Göttlicher Komödie« inspirieren, aber er erzählt die Geschichte rückwärts. Harmonie und Liebe, Souveränität und Sicherheit – all das gibt es für den Erdling nur zum Ausprobieren.

Die Lichtscheibe verwandelt sich in ein rosa Feld. »Wer ohne Freund ist, geht wie ein Fremdling über die Erde«, befand schon Friedrich Schiller. So ist es auch hier. Der Eindringling in die sanfte Sphäre bleibt ein Außenseiter. Aber er spiegelt sich ebenso wie die Bewunderten auf dem glänzenden Boden, wünscht sich, Teil dieses Kosmos zu werden. »The Place of Choice« (Der Ort der Wahl) heißt das Stück, das darauf anspielt, dass alle selbst für ihre eigenen Entscheidungen büßen könnten. Aber wo ist es schon so gerecht?

Die Stimmung kippt. Das lila Licht blendet. Der Solist scheint von Aliens bedroht, kämpft gegen Unsichtbare. Ein Mann verfolgt ihn, nimmt ihn in Besitz. Ist es der Tod? Ein weiterer Mann rettet ihn, wirkt engelhaft. Dunkle Silhouetten zappeln im Licht. Der Satan ist eine Frau und trägt Latex. Es folgt die Hölle à la Erdball: Im Hintergrund taucht eine düstere Moorlandschaft auf, die Gesichter der Gestalten um den Wanderer verschwinden unter Kapuzenmänteln. Gruselig. Das Leiden beginnt.

Elektronische Trommeln, knirschende Geräusche, lautes Atmen, Bläser und Streicher, die mal berücken, mal an den Nerven zehren, bilden die akustische Kulisse. Bis dahin war sie sanft, beruhigend. Die Musik von Henry Vega ist eine Auftragskomposition, von Mikhail Agrest am Dirigentenpult mit großer Genauigkeit umgesetzt.

Ein Heer zarter Walküren taucht auf. Gibt es Rettung durch die Frauen? Das Ende hat eine Pointe: Der Held findet sich im Alltag wieder. Normalität als Ziel. Alles nur ein Traum? Auch dieser Schluss nur ein Traum? – Man darf rätseln.

Ebenfalls mystisch und doch von großer Klarheit ist »Under the Trees’ Voices« von David Dawson. Den Titel spendet die Musik von Ezio Bosso: mit soghaft berauschender Minimal Music, violinensatt, aus dem Orchestergraben. Intensiv wie vielleicht nie zuvor tanzen Dawsons fleischgewordene Träume in hochästhetischer Manier den Kampf ums Überleben. Es ist Dawsons erste Stuttgarter Arbeit, und ganz ehrlich: Er gehört dorthin.

Menschen lieben sich, Menschen unterstützen sich. Menschen helfen, Menschen versagen. In der Natur, sagt David Dawson, fühle er sich zu Hause. Und in der Musik von Bosso, der an einem Hirntumor starb, findet er Anfang und Ende der inneren und äußeren Welten. In federleicht wirkenden, in jedem Bruchteil der Sekunden bildschönen, bis zur absoluten Perfektion durchgestylten und dennoch expressiven Posen verkörpern die Menschen hier nachgerade philosophische Gedanken. Pirouetten und Hebungen erreichen ein Maximum an Raffinesse.

Kopf, Arme, Hände, Taille, Hüften, Beine und natürlich die Füße – alles scheint nur für den Tanz gemacht. Die neoklassische Anmutung weicht dabei einer modernen Exzellenz, die selbst im hochgezüchteten modernen Ballett selten ist. Anna Osadcenko ist unter den ohnehin phantastischen Tänzern nochmals hervorzuheben: Sie zu sehen ist ein Erlebnis für sich.

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