Noch immer droht eine Katastrophe im Oderbruch
Von jW/APDer am Donnerstag morgen entdeckte Deichriß an der Oder bei Hohenwutzen ist nach Angaben des lokalen Krisenstabs im Laufe des Tages unter Kontrolle gebracht worden. Die zunächst aus Sicherheitsgründen zurückgezogenen Bundeswehrsoldaten hätten die Arbeit an der Schadstelle wieder aufgenommen, sagte ein Sprecher des Krisenstabs.
Trotz dieses Erfolges hält das brandenburgische Umweltministerium einen Durchbruch der Wassermassen für kaum noch abwendbar. Ständig tauchten neue Risse auf, sagte Innenminister Alwin Ziel (SPD) am Donnerstag in Bad Freienwalde. Auch bei Reitwein im südlichen Oderbruch könne ein weiterer Längsriß ähnlich dramatische Folgen wie in Hohenwutzen haben. Wie durch ein Wunder habe die Bundeswehr die Deiche in der Nacht noch halten können. Ziel sagte: »Ich kann kein optimistisches Bild zeichnen. Wir müssen auch für den schlimmsten Fall Vorbereitungen treffen.«
Die Lage wurde am Vormittag durch heftige Regenfälle im Oderbruch zusätzlich verschärft. Dadurch wurden die Deichkronen noch weiter durchweicht. Umweltminister Matthias Platzeck erklärte, die Helfer hätten in der Nacht ihr Leben eingesetzt. Alle Möglichkeiten, die die Flut noch lasse, würden genutzt. Aber sobald eine Schadstelle abgedichtet sei, tauchten woanders neue Risse auf. Im gesamten Oderbereich stehen die Deiche unter großem Druck. Entlang der Bundesstraße 167 wird bereits versucht, eine weitere Verteidigungslinie zusätzlich zum Deich und zum Schlafdeich aufzubauen.
Marinetaucher versuchen südlich der Ortschaft Hohenwutzen, die weitere Durchnässung der völlig aufgeweichten Dämme mit Folien an der Wasserseite zu stoppen. Eine solche Folie soll auch an der Schadstelle südlich von Hohenwutzen angebracht werden, an der der Deich bereits mehrfach abgerutscht ist. Die Krisenstäbe arbeiten derweil unter Hochdruck an der Evakuierung von insgesamt 14 500 Menschen. In der Nacht waren die Hoffnungen gestiegen, einen Durchbruch und damit großflächige Überschwemmungen in dem Hochwassergebiet doch verhindern zu können. In einer dramatischen Aktion hatten 4 000 Helfer von Bundeswehr, Bundesgrenzschutz und aus der Bevölkerung nach dem ersten Riß am Mittwoch versucht, die Sandsäcke mit Holzgeflecht und Folien zu einer stabilen Krone für den Deich zu verarbeiten.
Sollte der Deich brechen, würde sich nach Einschätzung des Umweltamtes eine acht Meter hohe Flutwelle über das Gebiet im Oderbruch ergießen. Binnen zwei bis fünf Tagen wäre eine Fläche von 3 000 Hektar zwischen Oder und Alter Oder überschwemmt. Der Deich bei Reitwein war zuletzt 1947 gebrochen. In der Flut kamen damals mehr als 20 Menschen ums Leben. Ein Sprecher des Krisenstabes in Bad Freienwalde sagte, ein Deichbruch in dem akut gefährdeten Gebiet könnte noch verheerendere Folgen haben.
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