»Sport statt Pillen«
Von Andreas Müller
Was hat es mit dem neuen, seit Beginn dieses Jahres gültigen »Rezept für Bewegung« bei Kindern und Jugendlichen auf sich?
Dieses »Rezept für Bewegung« ist eine Empfehlung und keine Verordnung im klassischen medizinischen Sinne, auch wenn es vielleicht wünschenswert wäre, junge Menschen zum Sporttreiben und zur Bewegung zu verpflichten. Die Grundidee dieser gemeinsamen Initiative unseres Berufsverbandes, des Deutschen Olympischen Sportbundes, DOSB, und der Deutschen Sportjugend, DSJ, ist es, Kindern und Jugendlichen möglichst leicht und unkompliziert sportliche Angebote zu vermitteln und ihnen den Weg dahin aufzuzeigen. Das wichtigste Instrument dafür ist der vom DOSB erstellte Bewegungsatlas, aus dem buchstäblich jedes Kind zusammen mit seinen Eltern im Netz unter der Postleitzahl des jeweiligen Wohnortes ersehen kann, wo und welche sportlichen Angebote es in der Nähe und im Umkreis gibt.
Was sind die konkreten Vorteile im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen ohne dieses Rezept?
Der große Vorteil für Rezeptinhaber besteht darin, dass ihnen von den Kinder- und Jugendärzten im Rahmen der Sprechstunden oder von Kindervorsorgeuntersuchungen gezielt Bewegungsempfehlungen mitgegeben werden. Und zugleich werden die Kinder und Jugendlichen damit aktiv ermuntert, nach solchen Angeboten zu suchen und sie regelmäßig wahrzunehmen. Sport statt Pillen, so lautet das übergeordnete Motto. Diese Angebote sollen den Kindern und Jugendlichen nicht nur Spaß machen, sondern sie fördern zugleich ihre physische sowie psychische Gesundheit und soziale Integration nachhaltig.
Wie muss man sich das Prozedere rund um das neue Angebot praktisch vorstellen?
Falls nach dem ärztlichen Urteil bei einem Kind oder Jugendlichen mehr Bewegung oder Sport überhaupt angeraten erscheint, gibt es einen kleinen Vordruck im Format A6 oder A5 mit auf den Weg, auf dem mitgeteilt oder angekreuzt ist, welche Art von sportlicher Betätigung empfohlen wird bis hin zum täglichen oder wöchentlichen Pensum. Es handelt sich also um sehr konkrete und sehr praktische Vorschläge.
Derzeit erreichen mehr als 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen hierzulande nicht das von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität von durchschnittlich 60 Minuten am Tag. Folgerichtig müssten in den Praxen Ihrer rund 11.500 Verbandsmitglieder ganze Heerscharen von Eltern wegen eines »Bewegungsrezeptes« für ihren Nachwuchs vorstellig werden? Sind Sie auf diesen Run vorbereitet?
Eigentlich müssten ausreichend Sport und Bewegung bei Heranwachsenden eine Selbstverständlichkeit sein. Leider werden wir im Alltag oft genug eines Besseren belehrt. Das gilt nicht nur für die großen Städte, auch auf dem Land und in den Dörfern sitzen Kinder und Jugendliche inzwischen zu oft und zu lange vor dem Bildschirm. Adipositas wird inzwischen leider sogar schon beim Nachwuchs diagnostiziert. Dagegen muss dringend etwas getan werden, und dazu kann das neue »Bewegungsrezept« hoffentlich einen Beitrag leisten. In den meisten Fällen wird dieses Rezept sicher im Rahmen turnusmäßiger Untersuchungen ausgestellt. Es ist eher nicht anzunehmen, dass Arztpraxen jetzt deswegen überrannt werden.
Für Erwachsene gibt es ein »Rezept für Bewegung« bereits seit 2011. Warum mussten 14 Jahre vergehen, bis dies nun auch Heranwachsenden zur Verfügung steht?
Gute Frage. Eigentlich hätte man Kinder und Jugendliche von Beginn an mit einbeziehen sollen. Vielleicht erschien das damals noch nicht so wichtig. Inzwischen hat das Thema eine völlig neue und für meine Begriffe gerade bei Kindern und Jugendlichen eine besorgniserregende Dimension bekommen. Im Kampf gegen Adipositas möchte man am liebsten jedem zurufen: Du musst etwas dagegen tun! Die positiven Effekte von Sport und Bewegung sind ja unbestritten, ganz egal, ob für Erwachsene oder für Kinder und Jugendliche.
Jakob Maske ist Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)
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