Trophäen aus Menschenhaut
Von Marc Bebenroth
Den von ihnen ermordeten Häftlingen hat die SS im KZ Buchenwald nicht nur Goldzähne herausgerissen. Die Faschisten fertigten aus Körperteilen ihrer Opfer auch Trophäen und makabre Geschenke an. Von den Objekten aus den Sammlungen des ehemaligen Konzentrationslagers bei Weimar in Thüringen sind mehr als bislang bekannt aus Hautstücken ermordeter Häftlinge hergestellt worden. »Darunter befinden sich ein weiterer Lampenschirm und eine Taschenmesserhülle, die uns aus Westdeutschland beziehungsweise England zugeschickt worden sind«, sagte der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke am 18. Februar der Nachrichtenagentur epd. Vergleichende mikroskopische Untersuchungen mit Menschenhaut und Erbgutuntersuchungen hatten ihm zufolge zweifelsfreie Ergebnisse geliefert.
Der Forensiker stellte am vergangenen Donnerstag abend (Ortszeit) seinen Abschlussbericht dazu auf der 77. Jahreskonferenz der American Academy of Forensic Sciences in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland vor. Zusammen mit den Forscherinnen und Forschern Antoaneta Trommer, Sandra Stenzel, Kristina Baumjohann und Holm Kirsten hatte Benecke mit unterschiedlichen Methoden über einen Zeitraum von drei Jahren das entsprechende finale Gutachten erstellt. Neben dem Mikroskop kamen auch Haar- und Faseranalysen, Vergleiche der Objekte mit Archivaufnahmen, historische Forschungen und Genuntersuchungen hinzu.
Neben zwei Lampenschirmen und der Taschenmesserhülle untersuchten sie auch einen Schrumpfkopf und ein in Flüssigkeit eingelegtes Herz. »Wir sind schrittweise vorgegangen, um so viel Material wie möglich zu erhalten«, teilte Benecke am 16. Januar auf seiner Internetseite zu seinem Referat auf der Konferenz mit. Man habe »so kleine Proben wie möglich« genutzt und jede Analyse erst dann durchgeführt, »nachdem die vorhergehende vollständig abgeschlossen war«. Dies habe zu langen Verzögerungen geführt. Um möglichst verlässliche Ergebnisse zu erhalten, seien die Resultate doppelt und in verschiedenen Laboren überprüft worden.
Die Proben der beiden Lampenschirme und der Messertasche ähneln demzufolge auf mikroskopischer Ebene der Struktur menschlicher Haut, die zu einem lederähnlichen Material verarbeitet worden ist, und enthalten menschliche Gene. Deren Sequenzierung habe eine »99prozentige Übereinstimmung mit Homo sapiens« ergeben. Bei dem konservierten Herz seien dagegen alle Versuche erfolglos geblieben, Erbgut zu extrahieren. Anatomisch sei eine Unterscheidung zu einem Schweineherz nicht möglich gewesen. Anhand von Vergleichen mit alten Fotoaufnahmen sei man zu dem Schluss gekommen, dass das Herz »höchstwahrscheinlich« (»most likely«) das eines Menschen ist. Der untersuchte »Schrumpfkopf« dagegen sei aus Ziegenhaut und -haar gefertigt worden, das hätten genetische Analysen ergeben.
Für das KZ Buchenwald sei die Forschung damit abgeschlossen, sagte Benecke der epd. Das sei gut, die Untersuchung sei ihm nahegegangen. Da in geschichtsrevisionistischen Kreisen die Verbrechen der SS und auch die Echtheit der überlieferten menschlichen Überreste immer wieder in Frage gestellt werden, hatte sich die Gedenkstätte Buchenwald entschlossen, neue forensische Gutachten in Auftrag zu geben. In keinem anderen Konzentrationslager der Nazis seien derartige Gegenstände hergestellt worden, hatte Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, bei der Vorstellung der Untersuchung eines anderen Lampenschirms durch Beneckes Team am 21. März 2024 in Weimar erklärt.
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