Fusion in Chinas Autobranche
Von Jörg Kronauer
Der chinesischen Kfz-Industrie steht offenbar eine größere Umgruppierung mit möglichen negativen Folgen für Autokonzerne aus den Vereinigten Staaten und aus Japan bevor. Wie die New York Times berichtet, führen Repräsentanten der Unternehmen Dongfeng Motor aus Wuhan und Changan Automobile aus Chongqing bereits seit einiger Zeit Verhandlungen über einen Zusammenschluss. Die beiden im Westen recht unbekannten Konzerne zählen neben FAW und SAIC zu den »Big Four« der Autobranche, den vier größten staatseigenen Kfz-Herstellern der Volksrepublik. Sie verkauften im vergangenen Jahr mit 2,68 Millionen (Changan) respektive 2,48 Millionen Fahrzeugen (Dongfeng) mehr Autos als etwa Mercedes-Benz (knapp zwei Millionen) oder BMW (2,45 Millionen). Täten sie sich zusammen, dann erreichten sie ein Niveau wie die viert- und fünftgrößten Konzerne weltweit, General Motors (knapp sechs Millionen) und Stellantis (5,4 Millionen im Jahr 2024). Damit überholten sie zudem den boomenden chinesischen Elektroautohersteller BYD (2024: 4,3 Millionen verkaufte Pkw).
Anlass für die Fusionspläne, über die erstmals im Februar berichtet wurde, ist wohl die Absicht, angesichts der rasanten Umstellung des chinesischen Kfz-Markts auf Elektroautos die industriellen Kapazitäten zu konsolidieren. Laut Angaben der Beratungsgesellschaft Alix Partners sind die Fabriken sowohl von Dongfeng als auch von Changan derzeit nur zur knappen Hälfte ausgelastet, während eine Auslastung von 60 bis 80 Prozent nötig sei, um profitabel zu produzieren. Die geringe Auslastung hat unter anderem damit zu tun, dass der Marktanteil von Elektroautos in der Volksrepublik im vergangenen Jahr auf mehr als 40 Prozent gestiegen ist und in diesem Jahr die 50-Prozent-Marke knacken könnte. Parallel geht der Verbrenneranteil zurück, was die Verbrennerproduktion und damit die Auslastung der Verbrennerfabriken reduziert. Changan hat seine Produktion von Elektroautos 2024 um mehr als 50 Prozent auf 734.000 gesteigert und soll, dies berichtet die Tageszeitung China Daily, in Kooperation mit Huawei eine führende Rolle bei der Weiterentwicklung der Branche einschließlich des autonomen Fahrens einnehmen. Ein Zusammenschluss mit Dongfeng ermöglichte es, das mit vereinten Kräften zu tun und zugleich koordiniert alte Verbrennerkapazitäten abzubauen.
Noch nicht ganz klar ist, was der geplante Zusammenschluss für die Joint Ventures der beiden chinesischen Kfz-Konzerne mit US-amerikanischen bzw. japanischen Autoherstellern bedeutet. Changan unterhält seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Joint Venture mit Ford. Dongfeng verfügt über gleich zwei, eins mit Nissan und eins mit Honda. Alle drei konzentrieren sich auf Verbrenner, alle drei sind entsprechend mit sinkenden Marktanteilen konfrontiert. Der Absatz von Dongfeng Nissan ging im vergangenen Jahr nach Branchenangaben um 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, derjenige von Dongfeng Honda sogar um 29,2 Prozent. Welche Perspektive die verbrennerorientierten Joint Ventures angesichts des sich klar abzeichnenden Endes der Verbrenner in China noch haben, muss sich zeigen.
Ein Zusammenschluss von Changan und Dongfeng hätte darüber hinaus vermutlich Folgen für die chinesische Rüstungsproduktion. Changan gehört bislang der staatlichen China South Industries Group, einem Industriekonglomerat, das unter anderem Waffen fertigt. Dongfeng wiederum stellt Militärfahrzeuge her, etwa Lkw sowie geländegängige Fahrzeuge, aber auch Spezialfahrzeuge etwa zum Abfeuern von Granaten oder Raketen. Über eines der geländegängigen Fahrzeuge, den Dongfeng Mengshi, berichtete China Daily bereits vor zehn Jahren, er werde ausschließlich aus eigenständig produzierten Bauteilen hergestellt: »Von winzigen Schrauben bis zum Motor sind alle Teile von Dongfeng entwickelt worden.« Dies galt damals als ein wichtiger Schritt bei der Schaffung militärischer Unabhängigkeit. Schließen sich Changan und Dongfeng in der Tat zusammen, dann entstünde damit auch ein Konglomerat mit gebündelten Kapazitäten für die chinesische Rüstungsproduktion.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
- Kevin Lamarque/REUTERS22.08.2024
USA sehen Feinde überall
- imago/United Archives International09.08.2023
Laut gegen die Hexenjagd
- Yamam al Shaar/REUTERS22.09.2022
Am Rande in New York
Mehr aus: Kapital & Arbeit
-
Eigentor für Farmerlobby
vom 04.04.2025