Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 04.04.2025, Seite 16 / Sport
Radsport

Da ist man fassungslos

Überraschungssieg beim belgischen Kopfsteinpflasterklassiker: Der US-Fahrer Neilson Powless gewinnt die 79. Auflage von Dwars door Vlaanderen
Von Holger Römers
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Neilson Powless (vorn) fährt dem Team Visma/Lease a Bike davon

Seit Mittwoch weiß man, dass bei den beiden Monumenten des Radsports, die an diesem und dem darauffolgenden Sonntag anstehen, doch noch mit Team Visma – ­Lease a Bike zu rechnen ist. Denn beim 79. Dwars door Vlaanderen zeigte die Mannschaft plötzlich jene kollektive Stärke, die sie bei den bisherigen Kopfsteinpflasterklassikern hatte vermissen lassen. Nachdem die 184 Kilometer lange Strecke absolviert war, die von Roeselare nach Waregem führte, boten sich allerdings zugleich neue Gründe zur Skepsis, ob Superstar Wout van Aert nun endlich zum ersten Mal die Flandernrundfahrt oder Paris–Roubaix gewinnen könnte.

Als noch 95 Kilometer zu fahren waren, drängte sich der 30jährige Belgier bei rasanter Fahrt an die Spitze des Feldes. Sein fünf Jahre jüngerer US-Kollege Matteo Jorgenson wiederholte das Manöver. So konnten beide das Peloton bei der ersten Überquerung des Knoktebergs gezielt ausdünnen, woraufhin ihre Mannschaft die Kontrolle über das Rennen nicht mehr aus der Hand gab. Team Visma formierte sich 74 Kilometer vorm Ziel sogar zu sechst an der Spitze und nutzte Seitenwind, um dann auf einem schmalen Feldweg eine Windstaffel zu bilden. So konnten sich vier Fahrer aus dem langgestreckten Peloton absetzen, wobei Edoardo Affini bis zum Berg ten Houte das Tempo hochhielt.

An der Kuppe des kurzen Anstiegs hatten van Aert und Jorgenson noch ihren 31jährigen belgischen Kollegen Tiesj Benoot an ihrer Seite, als fünf Konkurrenten eingesammelt wurden, die einige Kilometer vorher ausgerissen waren. Von denen blieb bei der zweiten Überquerung des Knoktebergs 56 Kilometer vor dem Ziel nur Neilson Powless (EF Education – EasyPost) übrig. Da der Abstand zum Rest des Fahrerfelds bloß ein Dutzend Sekunden betrug, hatte der 28jährige US-Amerikaner Grund, anteilig Führungsarbeit zu übernehmen. Allerdings schien es nur eine Frage der Zeit, bis er sich abwechselnder Attacken der drei Visma-Fahrer erwehren müsste.

Dahinter mühte sich vor allem Mads Pedersen (Lidl – Trek), den Rückstand wieder aufzuholen, und gewann aus einer sechsköpfigen Verfolgergruppe schließlich den Sprint um Platz fünf. Vorne überschritt der Vorsprung indes nie die Minutenmarke, was jedoch mit zunehmender Nähe zum Ziel immer weniger gegen die erwarteten Angriffe auf Powless sprach. Dass sie trotzdem ausblieben, hieß wiederum, dass man bei Visma mannschaftsintern beschlossen hatte, van Aert den ersten Saisonsieg sozusagen auf dem Silbertablett zu servieren – noch dazu in jenem Rennen, bei dem er 2024 Opfer eines entsetzlichen Massensturzes geworden war. Das erhöhte freilich den Druck auf den Alleskönner, der zwar sehr sprintstark ist, aber nach seiner Rückkehr aus einem Höhentraining als 15. bei E3 Harelbeke am Freitag niemanden beeindruckt hatte. Während Vorjahressieger Jorgenson die Kollegen auf die Zielgerade führte, übernahm Benoot die Rolle des Anfahrers – und schlug sich dann beim Überqueren der Ziellinie als Dritter fassungslos an den Kopf, da van Aert vom soliden Allrounder Powless im Sprint überholt worden war.

Kurz darauf machte in Waregem eine Landsfrau van Aerts ihrer Enttäuschung über die eigene Tagesform Luft, die im Zielsprint bloß Rang zwei ermöglicht hatte. Im Frauenrennen, dessen 13. Austragung zwar niedriger klassifiziert, aber stärker besetzt war als das Männerrennen, geriet Lotte Kopecky (Team SD Worx – Protime) überraschend ins Hintertreffen, als Elisa Longo Borghini (UAE Team ADQ) nach gut drei Vierteln der 129 Kilometer langen Strecke auf Kopfsteinpflaster angriff. Die 33jährige Italienerin schüttelte schnell zwei prominente Begleiterinnen ab und überholte bald auch zwei ähnlich namhafte Ausreißerinnen.

Als Longo Borghinis Verfolgerinnen in einer Gruppe versammelt waren, machte Kopecky dann zeitweise höchstselbst das Tempo, womit klar war, dass sich die Weltmeisterin in den Dienst einer Kollegin stellen wollte. Fünf Kilometer vorm Ziel ließ sie nochmals abreißen, so dass ihr Tag endgültig gelaufen schien. Was die 29jährige aktuell von van Aert unterscheidet, ist aber wohl – trotz des bei ihr ebenfalls noch fehlenden ersten Saisonsiegs – die mentale Unerschütterlichkeit, mit der sie sich wieder an die gut ein Dutzend Fahrerinnen umfassende Verfolgergruppe herankämpfte. Obwohl Topsprinterin Elisa Balsamo (Lidl – Trek) für Platz zwei prädestiniert schien, überholte Kopecky sie irgendwie und untermauerte als »schlechte« Zweite, dass sie bei der »Ronde« am Sonntag wohl ebenso Topfavoritin ist wie Longo Borghini, die eine halbe Minute zuvor das Ziel erreicht hatte.

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