Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 24.02.2025, Seite 16 / Sport
Quälix Austria

Die Schneenation

Von René Hamann, Wien
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Der den Slalomhasen küsste: Raphael Haaser auf der Piste (14.2.2025)

In Berlin lag Schnee in der Woche, in der die Ski-WM im salzburgerländischen Saalbach stattfand. In Wien jedoch erstarrte die Kälte die Menschen und machte jede Bewegung beschwerlich, Schnee fiel keiner. Überhaupt scheint es ein weiterer schneefreier Winter in der österreichischen Hauptstadt zu werden, sieht man einmal von dem Industrieschnee ab, der hier vor ein paar Wochen herunterrieselte und dann rasch schmolz wie Schokolade bei Wärme. An der »Klimawende« aber scheint sich in Wien kaum jemand zu stören. Im Radio laufen die Liveübertragungen der Abfahrtsrennen wie eh und je, während alle Zuhörer mit ihren übergroßen Benzinern weiter durch die Stadt brausen und die klimafeindliche FPÖ, so viel Politik muss sein, nach der misslungenen Abfahrt mit der ÖVP von der absoluten Mehrheit bei der nächsten Nationalratswahl träumt.

Die Ski-WM drohte ein großer Misserfolg für die Schneenation Österreich zu werden. Man munkelte von einer Krise und einem großen Reinfall. Der Auftaktsieg ging dann auch nach Italien, und die Schweiz schien die enteilte Konkurrentin. Doch dann geschah ein mittleres Schneewunder, und eine Lawine von Medaillen prasselte auf Tiroler, Salzburger, Kärntner und Steirer nieder. »Die Tiroler sind lustig, die Tiroler sind froh«, wie es in einem Tiroler Kinderlied so schön heißt.

Am Valentinstag holte sich »ÖSV-Held Haaser«, Sieger im Riesentorlauf, natürlich aus Tirol, »Goldkuss von Skistar ab«, wie die Wegwerfzeitung Heute titelte. Der Skistar, der den Slalomhasen küsste, ist eine Deutsche namens Fabiana Dorigo, selbst so abgeschlagen und chancenlos wie alle deutschen Skifahrenden bei dieser WM. In Deutschland interessieren sich nur noch reiche Bayern für Skisport, auch wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen ganze Programmtage mit Schneekanonen zuballert. Wer guckt das alles eigentlich?

Man könnte also behaupten, dass wenigstens hierzulande der Klimawandel im Bewusstsein der Sport- und Freizeitindustrie angekommen ist. Oder schlicht das Geld fehlt. Oder Deutsche lieber Betonröhren runterrasen, in gelben Post-Zigarren oder japanischen Küchenpfannen oder traditionell auf einfachen Kufen. Im Medaillenspiegel der Ski-WM tauchen sie mit einmal Bronze auf. Neuseeland mit einmal Silber. Von oben grüßt übrigens die Schweiz, da haben die Wunder nämlich ein Ende.

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