Lebenszeichen aus Wales
Von Bernhard Krebs
Nach 14 Niederlagen in Folge war für das walisische Rugby die Trennung von Head Coach Warren Gatland unausweichlich. Zwar hagelte es im »Six Nations«-Turnier am Samstag gegen Irland die 15. Niederlage in Folge, dennoch zeigte sich das von Interimstrainer Matt Sherratt, der im Hauptberuf den Klub Cardiff Rugby trainiert, wie ausgewechselt. Die Männer in Rot präsentierten sich vom Anpfiff weg dynamisch und flüssig im Spielaufbau, wie schon lange nicht mehr gesehen.
Dennoch nahm das Spiel zunächst den von allen erwarteten Verlauf: Nach Versuch von Number Eight Jack Conan (7. Spielminute), Erhöhung und Straftritt Sam Prendergasts (8. und 21.) stand es rasch 10:0 für die Gäste. Zwei Minuten später sorgte Fly-half Gareth Anscombe per Straftritt für den 3:10-Anschluss. In der 35. Spielminute musste der irische Center Garry Ringrose nach einem rücksichtslosen Tackling, bei dem er mit dem Kopf des walisischen Centers Ben Thomas kollidierte, mit Rot vom Platz. Die zwanzigminütige Unterzahl der Iren – nach einer im diesjährigen »Six Nations«-Turnier neu eingeführten Regel darf ein mit Rot bestrafter Spieler nach 20 Minuten durch einen anderen Spieler ersetzt werden – wusste Wales für sich zu nutzen. Anscombe verkürzte mit dem fälligen Straftritt auf 6:10, und Flanker Jac Morgan (40. plus zwei) besorgte nach einem »Pick-and-Go« die sensationelle 13:10-Halbzeitführung für Wales. Und auch nach dem Seitenwechsel machten die Waliser einfach weiter. Nach schöner Ballstafette in der irischen 22-Meter-Zone kam der Ball von Full-back Blair Murray zu Wing Tom Rogers (42.), der den Ball mit einem artistischen Sprung in die äußerste rechte Ecke des Malfelds zum 18:10 für Wales drückte. Die rund 75.000 im restlos ausverkauften Principality Stadium in Cardiff standen Kopf.
Doch mehr als an der Sensation schnuppern durften die Waliser dann doch nicht: Drei Prendergast-Straftritte (49., 67. und 70.) sowie ein Versuch von Full-back Jamie Osborne (56.) sorgten für den 18:27-Endstand. Irland sicherte sich damit zum 14. Mal den Gewinn der »Triple Crown«, die jenes britische Team erringt, das alle drei anderen britischen Teams schlagen kann. Irland führt auch weiterhin die Tabelle souverän nach drei Siegen mit 14 Punkten an.
Nachdem England vor zwei Wochen Frankreich denkbar knapp mit 26:25 schlagen konnte, wiederholten die Engländer dieses Kunststück am Samstag abend in London mit einem 16:15 gegen Schottland. Dabei machte vor allem Schottland das Spiel und konnte insgesamt drei spektakuläre Versuche erzielen. Doch die Brillanz und Schlagkraft von Scrum-half Ben White (4.), Center Huw Jones (19.) und Wing Duhan van der Merwe (79.) reichten nicht, um zähe Engländer zu bezwingen. Tragischer Held des Abends war der schottische Spielmacher Finn Russell, der das Offensivspiel seiner Mannschaft erneut mit feinen Pässen und präzisen Kicks bestimmte. Allein beim ruhenden Ball wollte es nicht klappen. Russell verwandelte keinen einzigen der drei Erhöhungskicks – dabei hätte einer für einen schottischen Sieg gelangt. England genügte so ein Versuch von Full-back Tommy Freeman, bei dem nicht klar war, ob der Ball tatsächlich im Malfeld auf dem Boden abgelegt worden war, und Straftritte von Marcus Smith und Fin Smith (55., 66. und 70.) sowie ein Erhöhungskick von Marcus Smith (9.), um eine vier Spiele währende Niederlagenserie gegen Schottland zu beenden. Damit holte man zugleich erstmals seit 2020 den »Calcutta Cup«, der seit 1879 jährlich zwischen den Rivalen ausgespielt wird. England liegt nun mit zehn Punkten auf Platz drei der Tabelle und hat immer noch Chancen auf den Turniersieg.
Auf Platz zwei liegt derweil Frankreich mit elf Punkten. In einer wahren Rugby-Gala zerlegte die »Équipe Tricolore« Italien im römischen Stadio Olimpico am Sonntag nachmittag mit 73:24. Elf Versuche standen am Ende auf der französischen Habenseite. Mit lediglich drei Versuchen waren harmlose Italiener in allen Belangen deutlich unterlegen. Frankreich gelang es mit so ziemlich jedem Angriff, über die Vorteilslinie vorzustoßen und in den Rücken der italienischen Verteidigung zu kommen. Die französischen Wings Louis Bielle-Biarrey, Théo Attissogbé und vor allem der neu in die Mannschaft gekommene Full-back Léo Barré kamen immer wieder auf den Flügeln in Überzahl, was sie mit gepflegtem Kurzpassspiel und spektakulären Kicks in die Tiefe in Punkte ummünzten. Mit dem Sieg hat sich Frankreich zudem die »Giuseppe Garibaldi«-Trophäe gesichert, um die die beiden Länder jährlich im Rahmen der »Six Nations« spielen.
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