Von wegen mehr Netto
Von Ralf Wurzbacher
Haben Sie es schon bemerkt? Ihr Geldbeutel fühlt sich wieder praller an. Soll heißen: Da ist wieder mehr drin. Zumindest erweckt das Statistische Bundesamt diesen Anschein. Wie die Behörde am Mittwoch mitteilte, sind die Reallöhne in Deutschland 2024 im Vergleich zu 2023 im Schnitt um 3,1 Prozent gestiegen. Die Entwicklung ist sogar nicht weniger als rekordverdächtig, wissen die Wiesbadener Statistiker. Denn nie seit Beginn der Zeitreihe vor 17 Jahren hätten die Einkommen stärker zugelegt. Die Meldung knüpft an eine Reihe früherer Quartalsberichte mit demselben Tenor an, der da lautet: Für die Werktätigen im Land geht es wirtschaftlich bergauf.
Das ist eine ziemlich beschränkte Sicht der Dinge. Malte Lübker, Referatsleiter Tarif- und Einkommensanalysen beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, zieht eine längere Zeitreihe zu Rate. »Bei den Löhnen sehen wir im wesentlichen eine Aufholbewegung«, äußerte er am Mittwoch gegenüber junge Welt. »Trotzdem lagen sie im vergangenen Jahr preisbereinigt noch immer unter dem Niveau des Jahres 2019.« Hintergrund ist eine Zeit multipler Krisen, angefangen mit dem ersten Coronajahr 2020, als die Löhne um 1,2 Prozent nachgaben. So richtig bitter wurde es 2022 mit der Preisexplosion im Zuge der Wirtschaftssanktionen gegen Russland und einem realen Lohnminus von vier Prozent. Das wirkt bis heute fort. »Per Saldo konnten die Kaufkraftverluste der Vorjahre bisher nur zu etwas mehr als der Hälfte kompensiert werden«, befand Lübker. »Aber immerhin wachsen die Löhne inzwischen wieder schneller als die Preise.«
Das Bundesamt verkneift sich diese Einordnung und rapportiert lieber im Stil eines Hofberichterstatters. Zum Beispiel zu »überdurchschnittlichen Nominallohnanstiegen bei Frauen und Geringverdienenden«. Letztere hätten demnach – nicht preisbereinigt – im Mittel 7,8 Prozent mehr verdient und Frauen, vielfach als Billigjoberinnen unterwegs, plus 5,8 Prozent (Männer 5,3 Prozent). Neben der abgeschwächten Teuerung hätten sie dabei von den Inflationsausgleichsprämien profitiert, die in der Regel unabhängig von der Gehaltsstufe als Festbetrag ausgezahlt wurden. Derlei Zulagen gab es in den jüngsten Tarifrunden nicht, was die vermeintliche Lohnrallye in naher Zukunft wieder ausbremsen wird. Das gilt auch für die jüngst angehobenen Beiträge der Pflege- und Krankenversicherung, die endlose Mietenabzocke, das um neun Euro teurer gewordene Deutschland-Ticket und die absehbar steigenden Spritpreise durch eine höhere CO2-Bepreisung.
Dazu kommen düstere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young dürften bis zum Jahresende weitere 100.000 Stellen in der Industrie verlorengehen, nach 70.000 im Vorjahr. Seit 2019 sei die Zahl der Arbeiter in diesem Schlüsselsektor »unterm Strich um 141.400« geschrumpft. Passend dazu ist das Beschäftigungsbarometer des Münchner Ifo-Instituts im Februar auf 93 Punkte nach 93,4 im Januar gesunken. »Die Unternehmen in Deutschland planen mit weniger Personal«, hielt Klaus Wohlrabe fest, der bei Ifo die Umfragen leitet. »Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen, die Beschäftigung nur noch stagnieren«, gab am Mittwoch außerdem Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zu bedenken. »Die Arbeitsagenturen blicken mit Sorge auf 2025.« Wer eigentlich nicht?
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