Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 05.03.2025, Seite 16 / Sport

Wir melden uns vom Abgrund

Von André Dahlmeyer, Buenos Aires
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Hast du Scheiße am Schuh, hast du Scheiße am Schuh: Bocas Edinson Cavani zielt daneben (28.2.2025)

Einen wunderschönen guten Morgen! Die Highlights der vergangenen Woche im lateinamerikanischen Fußball waren zweifellos der Untergang der Boca Juniors in den Libertadores und der immense Triumph des Racing Clubs, der in Rio de Janeiro in überlegener Manier den südamerikanischen Supercup gewann.

Boca Juniors hatte sich am letzten Spieltag der vergangenen Meisterschaft dank passender Resultate der Konkurrenz noch wie durch ein Wunder für die Play-offs zur Copa Libertadores qualifiziert. Dort erwartete die Xeneizes mit Alianza Lima das traditionell beste Team Perus. Das wurde vorab von der argentinischen Presse schlechtgeschrieben, Lima sei einfach nur noch »zweitklassig«. Doch Boca verlor das Hinspiel in Peru mit 0:1. Das kann passieren, aber die Art und Weise, wie es geschah, ließ die Alarmglocken schrillen. Ein 0:3 hätte dem Match als Resultat besser gestanden, die überbezahlten Kicker des Teams von der Ribera glänzten durch Arbeitsverweigerung.

Die Fans der Xeneizes waren sauer. Sie wollten nicht kapieren, warum etwa die Kicker von Racing auf dem Platz ihr Herz lassen, während ihre eigenen sich immer wieder irgendwo auf dem Platz verkrümeln. Nach der Überzeugung der Fans hat ein »Bostero« nicht im Smoking zu spielen, sondern im Blaumann. Nehmen wir es vorweg: Nach dem Rückkampf am 26. Februar waren die Boca-Heinis so richtig aufgebracht! Was war geschehen? Warum sangen sie »Haut alle ab, niemand soll mehr bleiben!«, das »Revolutionslied« von 2002, als der Staat Argentinien mal wieder bankrott war und die Sozialdemokraten während des Ausnahmezustands Menschen in den Straßen umlegen ließen, während der Sozi-Präsident im Hubschrauber aus Buenos Aires flüchtete?

Eigentlich spielte Boca gar nicht so schlecht. Einsatz war da. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, aber ein 0:1 zu drehen ist immer noch einfacher als Eiskunstlauf mit Rollschuhen.

Na ja, man versuchte es. Die Inkakicker machte das fuchsteufelswild. Hatte also geklappt. Nach fünf Minuten brach unter den Heimfans Euphorie aus, weil der peruanische Linksverteidiger Miguel Trauco den Ball ins eigene Tor gelenkt hatte. Eigentlich wollten die Boca-Fans ja, dass Boca wegen Boca gewinnt und nicht wegen Alianza, aber was soll’s. Boca baute ab. Bereits eine Viertelstunde darauf sprang der 40jährige Argentinier Hernán Barcos höher als einen Bierdeckel, also als die gesamte Hintermannschaft der Boca Juniors, und glich das Spiel mit dem Dez aus. Wieder begannen die Schmähgesänge. Was blieb ihnen schon? Diese waidwunden Lieder führten jedoch dazu, dass Boca immer unkoordinierter auftrat und in der Defensive anfälliger wurde. Dennoch gelang nach einer Stunde Kevin Zenón per Kopf das 2:1 für die Xeneizes. Dem vorausgegangen war ein Kopfball von Marcos Rojo, den Lima-Tormann Guillermo Viscarra nur hatte abklatschen können. Zwei Kopfbälle am Stück im Strafraum sind nach Adam Riese immer: Gol! Damit stand es über beide Partien unentschieden.

Viscarra war es in der Folge zu danken, dass es ins Penaltyballern ging. Edinson Cavani vergab in der letzten Sekunde des Spiels für die Argentinier eine Tausendprozentige (traf den Ball nicht). Boca wechselte im Kasten Leandro Brey für Agustín Marchesín ein, was im nachhinein stark kritisiert wurde. Brey hielt keinen Elfmeter, Viscarra aber den letzten von Alan Velasco.

Racing Club gewann derweil am Freitag die Supercopa gegen Botafogo, Hin- wie Rückspiel gingen 2:0 aus. Stadtviertelklub schlug Aktiengesellschaft. Das schmerzt die Boca-Fans noch mehr als der Umstand, dass sie nicht nur im zweiten Jahr hintereinander keine Libertadores spielen werden.

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