Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 01.04.2025, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Genderdebatte

Not und Freiheit

Wirrer Umgang mit der Geschlechterfrage. Ein Beispiel aus dem Schulunterricht
Von Felix Bartels
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Nicht geeignet als Kampffeld: Menschliche Eizelle

Jede Zeit hat ihre Mythen. Sie muss sich ja ausdrücken in ihrer Bezeichnung von Wirklichkeit, mehr noch aber in der Haltung zur Welt. Vermittels ihrer Erzählungen teilt eine Gesellschaft mit, wo sie hinwill. Dazu wird, was der Fall ist, unweigerlich deformiert. Wer Massen bewegen möchte, benötigt brauchbar portionierte, konsumierbar gemachte, dem Fassungsvermögen angepasste Inhalte. Wissenschaft wird hier zum Material, zum Mittel der Legitimation.

Ein Kampffeld der Gegenwart ist die Geschlechterfrage. Hier toben Auseinandersetzungen, die, ohne ihren politischen Charakter verloren zu haben, längst vom Feld der Politik auf das der Wissenschaft verlagert wurden. Manche beharren darauf, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Andere vermitteln soziales und biologisches Geschlecht. Wieder andere dekonstruieren biologische Verhältnisse hin zu bloßen Sprechakten. Der Streit tobt auf zwei Ebenen, der um die wissenschaftliche Definitionsmacht und der um die menschliche Freiheit. Und man vermischt sie beständig. Wer Biologie sagt, muss den Konservatismus mit einkaufen. Wer progressiv gestimmt ist, scheint angehalten, Wissenschaft zu deformieren.

In diesem Geist stellt die Bundeszentrale für politische Bildung den Schulen seit einigen Jahren die Broschüre »Geschlechter, Liebe und Grenzen« zur Verfügung, exemplarisch für die Implementierung eines Denkens, das sich nicht auf die politische Natur des Konflikts konzentriert, sondern in die wissenschaftliche Substanz eingreifen möchte. Keine Kleinigkeit, Schule ist schließlich der Ort, an dem die Idioten von morgen gemacht werden. Im Abschnitt »Geschlecht, Körper und Identität« versammeln sich wissenschaftlich valide Inhalte mit vagen oder regelrecht falschen Behauptungen. Sinnvoll beginnt er mit der Unterscheidung zwischen Geschlecht und Identität: Was bin ich meinem Körper nach? Und: Wie fühle ich mich damit? Diese zwei Fragen werden im folgenden aber immer wieder verkreuzt.

Zunächst schon beim Begriff des Geschlechts selbst. »Biologie und Medizin teilen Körper in drei Geschlechter ein«, heißt es dort, nämlich: weiblich, männlich und intersexuell. Was offenkundig nicht zutrifft. In »Biologie und Medizin« gibt es Debatten, einen Konsens nicht. Von den Diskussionen erfahren Schüler, denen die Broschüre vorgelegt wird, nichts. Auffällt die manipulative Sprache: »Mein Körper wird als männlich eingeordnet.« So evoziert man ein Bild, demnach geschlechtliche Bestimmung bloße Zuschreibung ist, ohne tiefere Entsprechung in der Wirklichkeit. Sie kommt aber nicht einfach aus der Verlegenheit, mannigfaltige Individuen in irgendwelche Töpfe zu sortieren, dient nicht lediglich der besseren theoretischen Fasslichkeit. Männer und Frauen unterscheiden sich geschlechtlich darin, dass sie unterschiedlich große Keimzellen produzieren. Entsprechend besitzen sie unterschiedliche Organe. Diese Differenz hat eine andere Natur als die sonstiger Merkmale, die zur Unterscheidung von Individuen hergenommen werden können. Geschlechtliche Organe besitzen Funktionen bezüglich der Fortpflanzung.

Verschiedene Ebenen

Wären die Merkmale lediglich Merkmale, ließe sich der Komplex in einem bloßen Spektrum erfassen. Zwischen zwei Dingen zu stehen macht aber noch keine Eigentümlichkeit, Privation keinen Inhalt. Weder »weder noch« noch »sowohl als auch« sind spezifische inhaltliche Bestimmungen, weil sowohl »sowohl als auch« als auch »weder noch« allein dadurch bestimmt sind, dass sie sich auf eine bereits bestehende duale Korrelation beziehen. Somit gibt es kein drittes Geschlecht. Was es gibt, sind Menschen, die nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können. Von einem dritten Geschlecht ließe sich erst dort reden, wo eine dritte Funktion im Rahmen der Fortpflanzung bestimmbar wäre. Mit einem Wort: Die Broschüre vermischt zwei Dinge: die begriffliche Ebene nämlich und die Frage, wie dieses oder jenes Individuum in den Komplex einzuordnen sei.

Kaum minder disparat nimmt sich die Darstellung des Verhältnisses von Geschlecht und Geschlechtsidentität aus. Während diese Kategorien zu Beginn noch recht griffig in Beziehung gesetzt werden, löst die Darstellung sie bei den anschaulichen Beispielen diskret auf. Auch hier fällt die manipulative Sprache ins Auge. In einem Schema, das in seiner Ordnungswut an die minutiöse Zoologie Linnés erinnert, werden die verschiedenen logischen Möglichkeiten zwischen Geschlecht und Identität erläutert. Das »trans Mädchen« zum Beispiel erklärt sich dort in einer Sprechblase: »Bei meiner Geburt hieß es: ›Es ist ein Junge!‹ Das passt aber nicht – ich bin ein Mädchen.« Die materielle Verfasstheit erscheint als bloßer Sprechakt (»bei der Geburt hieß es« statt »ich wurde in einem männlichen Körper geboren«). Die Unzufriedenheit wird dafür objektiviert (»das passt aber nicht« statt »das passt mir aber nicht«). Schließlich tritt Gefühl an die leer gewordene Stelle der materiellen Verfasstheit (»Ich bin ein Mädchen« statt »Ich fühle mich als Mädchen«). Ergänzt wird die sprachliche Suggestion durch eine visuelle. Die Sprechblase des Jungen, der sich als Mädchen fühlt, ist einem Gesicht mit deutlich mädchenhaften Zügen zugeordnet. Selbst die Bilder also teilen mit: Du bist, was du fühlst.

Menschlichkeit versus Natur

Die Welt als Wille und Vorstellung, Sein und Bewusstsein wechseln die Plätze. Wo progressive Haltung durch Auflösung materialistischer Haltung behauptet wird, löst sie sich selbst auf. Das Eintreten für Selbstbestimmung repräsentiert ja nichts anderes als den Kampf des Reichs der Freiheit gegen das Reich der Not, von Humanität, meint das, gegen Natur. Wo das noch gewusst wird, kann er souverän geführt werden. Es ist menschlich, seine Identität selbst bestimmen, seine Lebensweise selbst wählen zu wollen, sich mithin nicht zwingen zu lassen in Korsette, die dem persönlichen Glück im Wege scheinen. Aber dieses Prinzip ist ein humanes. Man sabotiert den Streit für die eigene Sache, wenn man ihn zu gewinnen sucht, indem man auflöst, wogegen man streitet. Wer den Konflikt mit der Natur dadurch erledigt, dass er seinen Willen zur Natur erklärt, hat sich ihrer Maßgabe untergeordnet, noch ehe das Widersetzen gegen sie begonnen hat.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph H. (31. März 2025 um 23:28 Uhr)
    Vielen Dank. Ein weiterer nützlicher Beitrag zur Unterscheidung von links und progressiv. Progressive sind liberale, antimaterialistische Ultraidealisten, deren Welt aus Sprache konstruiert ist. Daher auch der modische Kult ums »Narrativ«. Und das progressive Idealparlament beschließt keine Gesetze mehr, sondern nur noch Resolutionen. Wenn die Zaubersprüche nicht wirken wollen, hilft man sich mit Autosuggestion.

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