Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Wie in den 90ern

Von Marco Bertram
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Gib den Ball her: Zweikampf zwischen Timo Mauer (BSG Chemie Leipzig, vorn) und Hamza Saghiri (VSG Altglienicke)

Das war für mich ein Novum! Als am Sonntag die VSG Altglienicke die Regionalligapartie gegen die Chemiker aus Leipzig-Leutzsch vor insgesamt 901 Zuschauern im Zoschke-Stadion in der Schlussphase nach 0:1-Rückstand mit zwei Treffern drehen konnte, war das akustisch nicht zu vernehmen. Rund 500 Chemie-Fans waren anwesend, sangen in einer Tour durch, schwenkten ihre Fahnen und bejubelten in der 43. Minute lautstark den Führungstreffer von Elias Oke. Mit einem Lächeln filmte während des Spiels der eine oder andere Fußballfreund den Gästeblock, doch als Grace Bokake Bolufe und Malick Sanogo in der 84. und 89. Minute die Tore für die VSG schossen, jubelten gefühlt nur die Spieler auf dem Rasen. Verrückt! Immerhin befanden sich rund 400 Fußballfreunde im Heimbereich der beliebten Lichtenberger Fußballpilgerstätte.

Und ja, da haben wir es! Pilgerstätte. Das trifft es. Ein Blick auf die Futbology-App spricht Bände. »122 andere waren auch da«, ist bei der betreffenden Partie zu lesen. Zieht man die 28 Chemie-Fans, die sich ebenfalls eingeloggt haben, ab, bleiben noch immer genügend Groundhopper-Fußballfans, welche die Gelegenheit genutzt haben, diesem klasse Stadion einen Besuch abzustatten. 14 KSC-Fans und 13 Hertha-Fans hatten sich bei Futbology eingeloggt. Kein Wunder, ging am Tag zuvor das »blau-weiße« Freundschaftsduell über die Bühne. Acht Union-Fans und acht Hansa-Fans setzten ebenso in der App ihr Häkchen, hinzu kamen fünf Aue-Fans, drei BVB-Fans und drei Rasenballisten-Anhänger.

Mir kam zu Ohren, dass sich Zuschauer über das Catering bei früheren Heimspielen der VSG Altglienicke beschwert hatten. Beim Duell gegen die Chemiker war alles dufte! Schwarzbier, eine passable Bratwurst, keine langen Schlangen. Und da das hässliche Regengebiet bereits eine Stunde vor Anpfiff über Berlin-Lichtenberg hinweggezogen war, stand einem Fußballfest nix mehr im Wege. Nun kann man sich darüber amüsieren, dass von den 901 Zuschauern vielleicht knapp 100 Leute der VSG die Daumen gedrückt haben – beim 2:1 gingen ein paar Kids an der Bande allerdings hübsch ab –, doch war es Gold wert, dass nach der tristen Zeit im Amateurstadion von Hertha nun die Heimspiele im Lichtenberger Kiez ausgetragen werden. »Das ist ja wie bei Union in den 90ern«, meinte jemand und nippte zufrieden am Bier. Ränge direkt am Spielfeldrand, humane Preise und ein entspanntes Gesamtambiente. Gleiches gilt natürlich auch für Lichtenberg 47, das hoffentlich wieder aufsteigen wird. Dann gibt es im Zoschke jede Woche Regionalliga zu sehen. Doll! Kommende Woche kommen in der Oberliga erst einmal die Hansa-Amateure. Ich bin dabei. Ahu!

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