Verbrannte Trainer
Von André Dahlmeyer
Einen wunderschönen guten Morgen! Drei Tage nach dem 1:4 im WM-Quali-Match gegen Weltmeister Argentinien entließ der Brasilianische Fußballverband (CBF) Auswahllehrer Dorival Júnior fristlos. Ebenfalls entlassen wurde der Direktor der nationalen Auswahlen Brasiliens, Rodrigo Caetano. Júnior hatte eigentlich noch einen Vertrag bis zum Ende der WM 2026. Laut lokalen Medien zahlt der Verband den in die Wüste gejagten Trainer komplett aus, inklusive der Vermarktungsrechte (die noch höher sind als sein Sold), plus einer vertraglich festgelegten Entschädigung. So lässt sich’s leben (nur wohl nicht mehr in Brasilien).
Der 62jährige Dorival Júnior hatte die Zügel der Seleção erst vor ziemlich genau einem Jahr übernommen. Kurz darauf scheiterte er in der in Kolumbien ausgetragenen Copa América mit Brasilien bereits im Viertelfinale nach Elferballern gegen das Uruguay von Marcelo Bielsa. Die Alarmglocken schrillten am Zuckerhut und anderswo. War der im Bundesstaat São Paulo geborene Dorival Júnior, ein Neffe von Palmeiras-Legende Dudu, überhaupt der richtige Mann für den Posten? Zwar konnte er in den sogenannten Eliminatorias der Conmebol, der WM-Quali Südamerikas, das Level der Seleção wieder heben (als er antrat, hatte der fünffache Weltmeister bereits drei WM-Quali-Spiele verloren), es reichte aber nicht. Die brasilianischen Klubs dominieren seit Jahren die kontinentale Copa Libertadores, gewinnen jedes Jahr, und manchmal stehen sich im Finale sogar brasilianische Teams gegenüber. Anders die Seleção. Seit dem WM-Gewinn 2002 beim Asien-Mundial gegen Kahn und Compañía heftet sie sich einen Misserfolg nach dem anderen an die Backe. Die Torcedores (Fans, nicht zu verwechseln mit kubanischen Zigarrenrollern) werden unruhig. Aus dem Wald bei den Wellenbrechern schallen Geräusche, immer lauter. Es hört sich nicht an, als würden sich Äste abgelacht. Brennen bald die ersten Neymar-Puppen in Brasilien?
Dorival Júniors Statistik der Pflichtspiele: fünf Siege, fünf Remis, zwei Niederlagen. Die letzte war historisch, brach ihm das Genick. Einen Job in Brasilien wird er nicht mehr finden, es sei denn als Popcornverkäufer. Als Nachfolger gehandelt wird der Portugiese Jorge Jesus, der 2019 mit dem Regattaverein Flamengo Rio de Janeiro die Copa Libertadores gewann. Der 70jährige ist aktuell bei Al-Hilal in Riad, dem Meister Saudi-Arabiens, angestellt, wo etwa der für Marokko spielende gebürtige Kanadier Bono das Tor hütet. Zuvor trainierte Jesus unter anderem Benfica Lissabon und Fenerbahçe Istanbul.
Dorival Júniors einziger großer Erfolg als Trainer war 2022 der Gewinn der Copa Libertadores mit Flamengo. 2023 beerbte ihn Fernando Diniz, der mit Fluminense die Libertadores einbüchste. Das brachte ihm den Job als Interimstrainer Brasiliens ein. Ein großes Missverständnis. Nach drei Niederlagen in Folge (in Uruguay, in Kolumbien und im brasilianischen Stadion Maracanã gegen Argentinien) wurde er rasch wieder entlassen, sein Nachfolger: Dorival Júnior. Die Scaloneta Argentiniens hat binnen eines Zyklus zwei brasilianische Nationaltrainer verbrannt. Zwar träumt der CBF noch immer von Carlo Ancelotti. Als es möglich war, waren sie zu geizig. Nun ist der Zug abgefahren. Vergessen wir nicht Ramon Menezes. Als der CBF 2023 noch mit Ancelotti scheinverhandelte, war auch der Interimstrainer, für drei Freundschaftsspiele. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Niederlagen gegen den Senegal und Marokko, ein Sieg gegen Guinea. Menezes ist seitdem arbeitslos.
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