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Aus: Ausgabe vom 03.04.2025, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Neokolonialismus

Brückenkopf Marokko

Königreich als großer Wirtschaftsfaktor in Westafrika. Großaufträge für Bahn- und Pipelineprojekte
Von Georges Hallermayer
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Station Casablanca: Von dort geht es auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Tanger

Den Rahmen für die Einverleibung der Westsahara hatte Marokkos König Mohammed VI. Anfang November 2023 auf diplomatischem Parkett gesetzt – mit der Partnerschaft von 21 afrikanischen Atlantikanrainerstaaten, kurz PEAA. Eine »Zone des Dialogs, der Verständigung und des Handelns zur Förderung von Frieden, Stabilität und Wohlstand in der Region« würde entstehen.

Ein Effekt: Marokkos Pläne ziehen das internationale Kapital an. Das Königreich will große Infrastrukturprojekte realisieren und die Industrialisierung vorantreiben, heißt es. Zu den aufgelegten Investitionsprogrammen gehört etwa die Verdreifachung des Bahnhochgeschwindigkeitsnetzes. Einen Großauftrag konnte die französische Alstom-Gruppe ergattern. Im Kontext der Fußballweltmeisterschaft 2030, die Marokko mit Spanien und Portugal ausrichtet, hat das marokkanische Regime den Kauf von 168 Zügen, darunter 18 Hochgeschwindigkeitszüge (TGV), im Gesamtwert von rund 2,8 Milliarden Euro angekündigt. Den Auftrag erhielten drei Unternehmen: eine Alstom-Tochter, das spanische Unternehmen CAF und das südkoreanische Unternehmen Hyundai Rotem.

Alstom wird nach der ersten 2018 in Dienst gestellten Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Tanger und Casablanca eine zweite Strecke errichten: zwischen Kenitra und Marrakesch. Die zweistöckigen Züge der neuesten Generation fahren mehr als 300 Kilometer pro Stunde. Das Projekt hatte der französische Präsident Emmanuel Macron bei seinem Besuch in Rabat Ende Oktober vorigen Jahres auf den Weg gebracht.

Ferner hatte Macron im Juli in einem Brief an König Mohammed VI. den Autonomieplan für die Westsahara anerkannt als »einzige Grundlage für eine gerechte und dauerhafte politische Lösung im Einklang mit den Resolutionen des UN-Sicherheitsrats«. Und das, obwohl die UNO den gegenteiligen Standpunkt einnehmen: Sie stufen das Gebiet als »nicht autonom« ein und fordern seine Dekolonisierung mittels eines Referendums, in dem die dort lebende Bevölkerung abstimmt. Was kümmert die französischen Imperialisten und ihren Präsidenten die Lage der Menschen in der westafrikanischen Kolonie? Seit 1975, also seit 50 Jahren, leben von den 626.000 Sahrauis an die 177.000 in den Flüchtlingscamps in der Nähe der algerischen Stadt Tindouf.

Zurück zu den Investitionen in der Region: Kreditfinanziert werden soll der Bau von Entsalzungsanlagen zur Trinkwasserversorgung, der Ausbau erneuerbarer Energieträger und der Hochspannungsübertragungsnetze in den Süden, auch in die von Marokko kolonialisierte Westsahara. Geplant ist zudem das Projekt »White Dunes«, ein mit »grünem« Wasserstoff betriebenes Kraftwerk in Dakhla. Dabei soll künftig Strom nach Westafrika geliefert werden, was auch Marokkos Antrag auf Mitgliedschaft in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas verständlich macht.

Bedeutungsvoll wird auch das Megaprojekt einer Gasleitung von Nigeria bis Marokko, der Nigeria-Morocco Gas Pipeline (NMGP). Dieses Vorhaben steht in scharfer Konkurrenz zur transsaharischen Gaspipeline (TSGP) von Nigeria bis Algerien über Niger. Jede der Pipelines hat im Vergleich zu ihrem Konkurrenten Vor- und Nachteile. Das algerische Projekt hat eine Länge von 4.100 Kilometer, während die westafrikanische Pipeline 5.660 Kilometer lang ist. Auch die Kosten sprechen für das Transsaharaprojekt: 13 Milliarden US-Dollar gegenüber 25 Milliarden US-Dollar für die marokkanische Gasleitung. Aber die marokkanisch initiierte Pipeline hat den Vorteil, dass sie 13 westafrikanische Länder mit Gas zu versorgen beabsichtigt.

Unter dem Strich scheint sich die PEAA rasant im Sinne des internationalen Kapitals zu entwickeln. Schon im August des zurückliegenden Jahres rühmte die Generaldirektorin des marokkanischen Nationalen Amtes für Kohlenwasserstoffe und Bergbau, Amina Benkhadra, die »äußerst günstigen Fortschritte« des strategischen Projekts, das »praktisch in der Endphase« sei. Dabei betonte Benkhadra, dass die NMGP-Pipeline den Export von Gas nach Europa ermöglichen würde.

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