Unter den Drohnen
Von Unai Aranzadi
Ich lasse Charkiw, die Hauptstadt des Ostens, hinter mir und fahre mit dem Taxi nach Norden in Richtung russische Grenze. Die Autobahnen sind gesäumt von militärischen Kontrollpunkten. Der Zugang zum Zentrum der strategisch bedeutsamen Provinzhauptstadt wird streng kontrolliert. Hinter den verbunkerten Kontrollpunkten mit ihren Panzersperren und Stacheldrahtrollen beginnen die Vororte. Ich erreiche die nordwestlich gelegene Gemeinde Dergatschi. Hier wurde im März 2022 der unerwartete Ansturm der russischen Armee gestoppt. Es dauerte sieben Wochen, bis es den Ukrainern am 21. April gelang, die russischen Soldaten zurückzudrängen. Gut 40 Kilometer sind es von hier bis zur Grenze. Die Dörfer und Siedlungen dazwischen liegen immer wieder unter Beschuss. Ab hier wird die Reise gefährlich.
Einer Karte aus der Zeit vor dem Krieg zufolge lässt sich die Grenze über zwei Routen erreichen. Die eine wäre die Autobahn M 20. Sie ist mehrere Kilometer tief bis in die Ukraine hinein von der russischen Armee blockiert und besetzt. Die andere ist eine Eisenbahnlinie, die die Grenze selbst aber nicht erreicht. Sie endet fünf Kilometer davor. Sie ist immer noch die einzige öffentliche Verbindung dieser Dörfer mit der Stadt Charkiw. Die Züge sind alt. Man sitzt auf langen Sitzbänken unter zimtfarbenen Glühbirnen. Alte Frauen gehen von Waggon zu Waggon und verkaufen selbstgemachte Heilmittel. Es gibt viele Soldaten. Soldaten, die an die Front zurückkehren. Verwundete, die in ein anderes Leben fahren, als Zivilisten, für immer gezeichnet. Noch immer verwirrt von einem Bruderkrieg, den sich hier niemand hätte vorstellen können.
Ein Zug fährt am frühen Morgen von Charkiw aus los, mit beschlagenen Scheiben und Eisklumpen an den Seiten. Am Nachmittag fährt er zurück, wenn keine Granaten die Schienen zerstört haben, wie es schon unzählige Male passiert ist. Es gibt nur zwei Gelegenheiten pro Tag, den Korridor zwischen Charkiw und der Grenze mittels der Elektritschka, wie diese Züge seit Sowjetzeiten genannt werden, zu erreichen oder zu verlassen. Trotz all dieser widrigen Umstände fahren die Züge erstaunlicherweise pünktlich.
Als Alternative zum Zug lässt sich auch mit dem Auto fahren, jenseits der gesperrten Autobahn, über schmale Landstraßen und Viehwege. Die Landschaft ist ockerfarben. In den Senken liegt Schnee. Immer wieder tauchen kleine ärmliche Häuser wie aus dem Nichts auf. Auf dem Friedhof von Besruki wird der lokalen Helden gedacht, die im Kampf gegen die Nazifaschisten gefallen sind. Auf den Gräbern Fotos der Verstorbenen unter einem roten Stern aus der Sowjetzeit oder einfach an ein Kreuz genagelt. In der Ferne hört man die Artillerie. Gegenwart und Vergangenheit des Krieges.
Schlamm und Schnee
Die Geologen des Russischen Reiches nannten die Gegend ihrer fruchtbaren Böden wegen »Schwarzerde«. Aber wo früher Traktoren den Boden zerfurchten, finden sich heute verlassene Schützengräben. In einigen von ihnen finde ich Munitionsdosen des Kalibers 7,62 mal 51 Millimeter, eine NATO-Standardpatrone, dazu Patronenhülsen und zerfledderte Militärkleidung. Trotz der unheimlichen Szenerie – eisiger Wind, entfernte Detonationen und immer wieder Kampfhubschrauber im Tiefflug – ist es ruhig. Menschen sind nicht in Sicht.
Der Boden ist eine Mischung aus Schmutz und Eis. Kaum zu unterscheiden, was Schlamm und was Schnee ist. Man versucht, einen Schritt zu machen, und kommt nicht vorwärts. Rasputiza, Wegelosigkeit, nennen die Russen die Periode im Frühjahr und Herbst, wenn die Wege durch Schneeschmelze und Regen aufweichen. Eine unsagbar dicke, zähflüssige Masse, auf der nur Panzer und Raupenfahrzeuge fahren können. Nicht umsonst sagt man, es sei der Schlamm gewesen, der Napoleons und Hitlers Pläne zur Eroberung Moskaus zunichte gemacht habe.
Aus einer Hütte steigt Rauch auf. Hier wohnt Walentina, eine alte Frau. Ihr Haus wurde mehrmals bombardiert, steht aber noch. Das Haus ist wie die russischsprachige Bevölkerung in der Gegend: weder das eine noch das andere. Es entspricht weder einer traditionellen Chata, dem Archetyp des ukrainischen Hauses, wie es in unzähligen Gemälde verewigt ist, noch einer russischen Isba oder Datscha. Es ist ein einfaches Haus aus Lehm und Brettern, in dem Arbeiterfamilien leben, die sich der Landwirtschaft, der Erbringung von Dienstleistungen oder der Ausübung kleiner Handwerksberufe widmen.
»Ich lebe allein«, sagt Walentina, während sie Kaffee zubereitet. »Meine Töchter sind ausgewandert wie fast alle hier.« Als sie jung war, war es schön hier, und es gab Arbeit. »Aber jetzt ist alles teuer und unsicher«, sagt sie ernüchtert. Obwohl sie keine schlechten Erinnerungen an die Sowjetzeit hat, ist Walentina vehement gegen die russische Invasion. »Sie haben den Krieg gebracht. Sehen Sie sich die Latrine an, die ich draußen habe. Die erste Bombe fiel ganz in meiner Nähe, als ich dort drin saß. Die zweite« – sie zeigt auf ein Loch in der Decke, das ihr halbes Haus zerstört hat – »fiel hier, als ich im Bett lag. Die Splitter flogen nach oben und verfehlten mich wie durch ein Wunder«, sagt sie und schaut auf eine Ikone des heiligen Nikolaus, die in ihrem Schlafzimmer hängt.
Nicht weit von Walentinas Haus entfernt besucht eine andere Frau ein Grab auf dem Friedhof von Slatine. »Das ist mein Sohn Artjom«, sagt Nadja und zeigt auf ein Grab mit dem Bild eines Soldaten. Auf dem Foto wird der Mann von zwei jüngeren Männern in Uniform begleitet, die ebenfalls aus dem Dorf stammen. »Er hatte eine Frau und zwei Kinder«, flüstert sie. Er starb gleich in den ersten Tagen des Einmarsches. Wären die Verhandlungen, die Ende Februar 2022 stattfanden, erfolgreich gewesen, wäre Artjom heute noch am Leben. Und wie er mehr als hunderttausend Ukrainer.
Im Zentrum von Slatine ist der Krieg unübersehbar. Es gibt nur zwei oder drei geöffnete Geschäfte. Vor den Fenstern Holzlatten. Die Kundschaft ist spärlich. Ich sehe fast nur alte Männer. Wenn überhaupt, geht man schnell zum Gemeindehaus, um die humanitäre Hilfe in Empfang zu nehmen, die schnell in ein oder zwei Kisten verteilt und auf Fahrräder oder Einkaufswagen geladen wird. Autos sind hier ein Luxus, den schon vor dem Krieg kaum jemand genossen hat.
An einer Wand befindet sich ein großes Neonazigraffito – nicht das erste und auch nicht das letzte seiner Art, das mir auf dieser Reise zu Fuß begegnet. Es lautet: »Division Nord« und trägt das von der deutschen SS verwendete Symbol der »Wolfsangel«. Als die Russen 2022 dieses Gebiet verließen, tauchten offenbar einige ukrainische Brigaden auf, die sich eher mit dem faschistischen Deutschland als mit der Roten Armee identifizieren, in der die meisten Großväter der Soldaten gekämpft haben. In Deutschland, dem Land, das die Ukraine seit Beginn des Krieges mit Geld und Waffen unterstützt, ist das Symbol verboten.
Politik der Namen
Es sind nicht die Ultranationalisten aus Lwiw oder die sie schützenden Politiker in Kiew, die den Preis für den Krieg bezahlen, sondern unschuldige Menschen wie die Kinder der örtlichen Schule, die durch eine Rakete völlig zerstört wurde. Grotesk die Bilder von Tafeln, Spielzeug und Büchern auf drei zerschmetterten Stockwerken. »Der Einschlag fand nicht während der Schulzeit statt, aber der materielle Schaden ist enorm, wie Sie sehen können«, sagt Waleri, ein älterer Mann, der die Ruinen der Schule durchsucht. Einer Schule, die die russische Sprache nicht mehr kennt. Einer Schule ohne russische Bücher. Aus dem Unterrichtsprogramm entfernt wie der Name der Stadt und ersetzt durch einen patriotischeren Namen. Der Grund? Slatine wurde 1913 nach dem Dirigenten Ilja Slatin, dem Begründer des Charkiwer Konservatoriums, benannt, der gut 40 Kilometer weiter nördlich in der russischen Stadt Belgorod geboren wurde, aber sein ganzes Leben in der ukrainischen Provinz Charkiw verbrachte. In Slatine befand sich sein Sommerhaus.
Auch in Charkiw ist die nach ihm benannte Straße nicht mehr zu finden. Ebenso wie die Straße im Zentrum der Stadt, die den Namen Puschkins trug. Der Grund: Der 1837 verstorbene Dichter war Russe. Es spielt kaum eine Rolle, dass Puschkin durch ein Gedicht namens »Ode an die Freiheit« berühmt wurde, das ihn in Konflikt mit dem russischen Zaren Alexander I. brachte – eine Affäre, die mit der Verbannung des Schriftstellers in der Ukraine endete.
Bogdan hingegen ist ein Name, der nicht nur in der Ukraine, sondern im gesamten slawischen Sprachraum weit verbreitet ist. Er bedeutet »Geschenk Gottes«. Genau das müssen sich die Eltern des jungen Mannes gedacht haben, der sich bereit erklärt, mich für einige Minuten zu begleiten. Er gesteht mir, dass seine Familie nicht will, dass er dem neuen Aufruf Selenskijs folgt und zur Armee geht. Auf die Frage nach seinen Beweggründen überlegt Bogdan lange. Er hat wohl Angst, die Wahrheit zu sagen. »Es ist kompliziert. In dieser Phase des Krieges, in der Verhandlungen kurz bevorstehen und der Präsident bereit ist, mehr als 20 Prozent des Territoriums abzutreten, ergibt es keinen Sinn zu kämpfen.«
Ich laufe von Slatine aus in Richtung Grenze, querfeldein, parallel zu den Bahngleisen. Das Feuer kommt hier nicht nur von den russischen Stellungen im Norden, wo die Ukraine endet, sondern auch von Osten, wo russische Truppen in Panzerreichweite entlang der Autobahn M 20 positioniert sind. Das Befahren der Straßen in dieser Gegend, die ohne die bedrohlichen Rudel verwilderter Hunde auf Nahrungssuche komplett leer wären, wird immer schwieriger. Plötzlich taucht ein gepanzertes Fahrzeug auf. Als sich die Heckklappe öffnet, kommt nicht etwa ein mürrischer Offizier heraus, sondern eine Gruppe verwundeter Soldaten, die für eine Raucherpause halten.
Folgt man dem Lauf des Lopan, erreicht man das Dorf Prudjanka – oder besser gesagt: das, was davon übrig geblieben ist. In dieser Gegend verlassen die Menschen, die nicht geflohen sind, kaum noch ihre Häuser. An diesem Morgen jedoch steht ein Kreis alter Frauen um einen Mann. Es ist der Pfarrer der Geburtskirche, Petro Stachow, der extra aus Berditschiw angereist ist. Es heißt, dass nach seiner von Artillerie unterbrochenen Predigt humanitäre Hilfe verteilt wird. Geduldig, aber zitternd, warten die Frauen auf den Moment, wenn die Konserven ausgegeben werden. Im Hintergrund ein sowjetisches Denkmal mit der Figur einer trauernden Mutter. Ihr Brustkorb ist von Granatsplittern zerfetzt. Auf dem Sockel stehen die Namen von 123 Kämpfern des Dorfes, die in den 1940er Jahren im Kampf gegen den Faschismus gefallen sind.

»Alles vermint«
»Nehme Sie sich vor Kamikazedrohnen in acht«, warnt mich ein Hirte. Am Vortag hat mir Bogdan, den ich in Slatine getroffen hatte, erklärt, dass es eigentlich eine gute Idee sei, allein zu Fuß zu gehen. »Sie werden dich nicht angreifen, aus wirtschaftlichen Gründen. Bevor sie die Drohne auf einen einsamen Wanderer abschießen, werden sie eine Gruppe von Menschen oder ein Fahrzeug ins Visier nehmen, um mehr aus den Kosten für das Gerät herauszuholen.«
Ich gehe weiter nördlich nach Zupiwka. Vor einigen Tagen haben russische Sturmtruppen versucht, einige Dörfer östlich von hier einzunehmen. Das bedeutet, dass ihre Stellungen extrem nah sind, nicht mehr als drei oder vier Kilometer entfernt. Hier gibt es weder Zivilisten noch Militärs zu sehen. Dennoch sind Geräusche aus einer Hausruine zu hören. Es ist ein Mann, der gestohlene Kabel verbrennt, um aus ihnen das Kupfer zu extrahieren. Er will nicht mit mir reden, geschweige denn fotografiert werden. Plünderer werden hart bestraft. Oft werden sie an Pfähle gebunden und mit Seljonka besprüht, einem grünen Antiseptikum, das Haut und Augen verbrennt.
Einen Kilometer weiter, in einem der wenigen Häuser, die nicht von den Bomben getroffen wurden, sehe ich einen Mann, der Brennholz sammelt. Sein Name ist Anatolij. Er hat eine Hand verloren. Er warnt mich davor, durch den Wald zu gehen, um den Drohnen auszuweichen. »Alles vermint.« Als die Detonationen immer deutlicher werden, kann er deren Quelle und Kaliber angeben. Nach einer Weile bleibt er am Rande einiger Gleise stehen und warnt: »Dort, wo gelbe Bänder an die Äste der Bäume gebunden sind, gibt es Minen. Gehen Sie niemals dort entlang.«
Um von Zupiwka zur Siedlung Nowa Kosatscha zu gelangen, muss man ein Ödland aus Feldern und verlassenen Schützengräben durchqueren. Als ich ein Waldgebiet erreiche, entdecke ich einen Panzer, der neben den Bahngleisen versteckt ist. Es ist auf die russischen Stellungen in Kadijiwka gerichtet. Er muss der Urheber des ersten Feuers gewesen sein, das vor einer Stunde die Bombardierung dieses Gebiets auslöste. Die Soldaten sind derart beschäftigt, dass sie meine Anwesenheit glücklicherweise nicht bemerken.
Ich gehe weiter und erreiche Nowa Kosatscha. Es ist die letzte Ortschaft im Grenzgebiet zu Russland, in der die Anwesenheit von Journalisten erlaubt ist. Wie auf der übrigen Eisenbahnstrecke Charkiw–Belgorod ist der Bahnhof zerstört. Das Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht. Es gibt hier niemanden, mit dem ich sprechen könnte. Niemanden, den ich befragen könnte. Viel hinzuzufügen gibt es ohnehin nicht. Die Ukraine hat den Krieg verloren, davon geht die gesamte Bevölkerung aus. Die Sorge, die die Menschen umtreibt, ist nicht so sehr, welche Territorien das Land an Russland abtreten muss, sondern welche Garantien es geben wird, damit der Krieg nicht wieder von neuem beginnt.
Zwei Kilometer weiter nördlich liegt die Grenzstadt Kosatscha Lopan, ein aktives Schlachtfeld und die nächste Station meiner Wanderung. Die Straße ist übersät mit Löchern, die Panzerabwehrminen hinterlassen haben. Russische Drohnen beobachten das Gebiet aus der Höhe. Kosatscha Lopan bietet ein absolut trostloses Bild. Ein unheimlicher, offener Raum. Das einzige, was ich sehe, sind einige tote Hunde. Bald erreiche ich einen kleinen Bunker, in dem zwei Soldaten Wache stehen. Sie fragen nach der Akkreditierung und meinem Pass, und obwohl sie wissen, dass wir uns in der unmittelbaren Kampfzone befinden, in der die Presse verboten ist, lassen sie mich meinen Weg fortsetzen.
Apokalyptische Landschaften
Kosatscha Lopan war eine friedliche Grenzstadt zwischen zwei Bruderländern. Heute ist es nur noch eine Wüste aus zerstörten Gebäuden und ausgebrannten Fahrzeugen. Mitten im Kriegsgebiet bleibt höchstens die Zeit, Verwundete und Tote zu bergen. Der Rest bleibt liegen. Verkohlte Barrikaden, Überreste von Projektilen. Es ist das Chaos der anhaltenden Schlacht, die hier seit dem 24. Februar 2022 tobt.
Obwohl die Bevölkerung evakuiert wurde, leben inmitten dieses schrecklichen Szenarios immer noch Menschen. Zurückgezogen in ihren Häusern, kommen sie nur heraus, wenn sie müssen. Jura, ein älterer Mann mit festem Schritt, und Lida, eine nicht minder zielstrebige Frau mittleren Alters, gehören zu den Bewohnern, denen in Zeiten der Knappheit keine andere Wahl bleibt, als ihr Leben zu riskieren, um Lebensmittel zu holen oder medizinische Behandlung zu erhalten. Keiner von beiden hat ein Auto. Zufällig haben sie sich auf der Straße getroffen und laufen durch die Stille der apokalyptischen Landschaft mit ihren verbrannten Böden und Splitterresten. »Schnell zu sein ist gut. Ich fühle mich stark«, sagt Jura. Als hänge das Glück, nicht getötet zu werden, lediglich von seiner guten körperlichen Verfassung ab. »Ja, das ist gut, denn im Moment wird nicht bombardiert«, antwortet Lida.
Der am meisten gefürchtete Feind in dieser kleinen Stadt in der Provinz Charkiw sind nicht die Bomben abwerfenden Flugzeuge oder die Artillerie. Es sind die Drohnen, besonders die Kamikazedrohnen. Im vergangenen September töteten sie Leonid Loboiko, Richter am Obersten Gerichtshof der Ukraine, als dieser half mit seinem Auto drei Frauen zu evakuieren. »Die Drohnen sehen einen aus sehr großer Entfernung«, erklärt Lida. Wohin sie sich im Falle eines Angriffs flüchten soll, weiß sie nicht. Hier gibt es keine größeren Wohnhäuser, in denen man Zuflucht suchen kann wie in Bachmut, Pokrowsk oder anderen Städten, die das gleiche erlebt haben.
Jura biegt auf einen Weg ab. Er winkt leicht mit der Hand. Wohin geht er? Es ist schwierig, in diesem Gebiet zu wissen, wo es Trinkwasser, ein bewohntes Haus oder einen Ort gibt, an dem man Nahrung finden kann.
Die tapfere Lida bleibt an meiner Seite. Aber auch sie will so schnell wie möglich nach Hause. Als ich ihr erzähle, dass ich von Charkiw aus zu Fuß bis hierher an die Grenze gelaufen bin, vermittelt sie mich an Wiktor, einen der letzten beiden Menschen in der Stadt, die noch über ein Auto verfügen. Wiktor kommt in einem alten SAS, made in Saporischschja. Er ist Lieferbote, Taxi- und Krankenwagenfahrer zugleich. »Ich werde dich hier rausholen«, sagt der 60jährige, der unzählige Drohnenangriffe überlebt hat. »Aber du wirst mich gut bezahlen.« Bevor es aber losgeht, müssen wir erst noch zu einer Frau, deren Bein verletzt ist. Wir durchqueren noch einmal die ganze Stadt. Kein Mensch ist zu sehen.
Als wir an dem kleinen Haus ankommen, in dem die Frau lebt, versuchen Wiktor und ihr Mann, sie so rasch wie möglich ins Auto zu bringen. So schnell wie es nur geht, fahren wir durch eine Straße voller zerstörter Fahrzeuge und Trümmer riesiger Raketen. Dann erreichen wir den Ausgang der Stadt. Ein paar Kilometer weiter südlich, vorbei am Militärkontrollpunkt am Ortsausgang, begrüßt Wiktor zwei unrasierte Soldaten. Es sind dieselben uniformierten Männer, die ich gestern gesehen habe, als ich meinen ersten Versuch, in die Stadt zu gelangen, aufgrund des intensiven Bombardements abbrechen musste. Ein 52jähriger Mann kam dabei ums Leben, als er im Garten seinen Hund füttern wollte.
»Du hast Glück gehabt«, sagt Wladimir, ein älterer Mann, der zu uns tritt. »Jetzt ist es sehr riskant«. Dessen ungeachtet steigt er auf sein Fahrrad und fährt los. »Ich muss ja Fahrrad fahren. Niemand wird mich mitnehmen, schließlich ist die Fahrt sehr teuer«, sagt er und blickt Wiktor schief an, der sich hinter den unbestrittenen Risiken seines Jobs verbirgt und für jede Fahrt einen sehr hohen Preis verlangt.
Als Kollaborateurin denunziert
Kosatscha Lopan war als Grenzstadt schon immer ein Ort des Transportgeschäfts. Hier befand sich eine Zollstation. Die Eisenbahnlinie verband Charkiw mit der russischen Stadt Belgorod. An der inzwischen in Trümmern liegenden Bahnstation forderten die Beamten Reisepässe und durchsuchten Koffer. Wenn auch nicht allzuoft, da die Beziehungen zwischen beiden Ländern gut waren und alle möglichen Verabredungen über den freien Waren- und Personenverkehr bestanden.
Vom Ende des Dorfes Kosatscha Lopan bis zur russischen Grenze sind es nur 1.670 Meter. In den ersten Kriegstagen blieb die Bevölkerung in ihren Häusern und sah zu, wie donnernde Lichtstrahlen über ihre Köpfe hinweg in Richtung Süden zogen. Wenige Tage nach Beginn des Angriffs drangen Panzer in die Stadt ein. Es kam zu Schusswechseln mit der ukrainischen Armee und zu ersten Todesopfern. Die Bürgermeisterin, eine 62jährige Frau namens Ljudmila Wakulenko, blieb während der sechs Monate der russischen Besatzung im Amt. Wie sie erklärte und wie von einem Großteil ihrer Nachbarn bestätigt wurde, blieb sie der Verfassung und der Regierung stets treu. Nach der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive, die am 11. September 2022 zum Abzug der Russen führte, musste sich Ljudmila jedoch politisch verantworten. Man beschied ihr, dass sie frei von jeder Schuld sei. Dennoch gibt es Stimmen, die sie als »Kollaborateurin« bezeichnen. Auf einer im Internet von einer der zahlreichen nationalistischen Organisationen veröffentlichten »Verräterliste« steht auch ihr Name.
In den ostukrainischen Dörfern und Kleinstädten in der Nähe der russischen Grenze wird es am schwierigsten werden, die Wunden des Krieges zu heilen. Seit den Ereignissen des »Euromaidan« benachteiligt und politisch durch Parteienverbote sowie die Verbannung der russischen Sprache an den Rand gedrängt, wurden die Menschen hier anschließend von russischen Truppen überrannt, die fälschlicherweise jede russischsprachige Person als Russen betrachteten. Wie groß auch immer die Sympathien vor dem 24. Februar 2022 für Russland gewesen sind, heute besteht kein Zweifel daran, dass die Menschen in dem schmalen Korridor zwischen Charkiw und der Grenze Bürger der Ukraine bleiben wollen. Aber darüber entscheiden nicht sie. Die aktuellen Verhandlungen werden zeigen, wo ihr Platz sein wird, sollte der seit drei Jahren anhaltende Krieg demnächst endlich sein Ende finden.
Unai Aranzadi ist freier Journalist. Der erste Teil seiner Reportage erschien an dieser Stelle in der Ausgabe vom 1./2. März: »Stadt der Angst«.
Übersetzung aus dem Spanischen: Ronald Weber
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