Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 24.02.2025, Seite 12 / Thema
Ukraine-Krieg

Ende in Sicht?

Drei Jahre nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs fehlen spektakuläre militärische Ergebnisse. Dafür deuten sich auf der politischen Ebene tiefgreifende Veränderungen an
Von Reinhard Lauterbach
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Auf dem Gebiet der Produktion von Kriegsdrohnen ist die Ukraine weltweit führend. Die Rüstung hilft Selenskij, sich der EU als deren bewaffneter Arm anzubieten (hier mit dem britischen Premier Keir Starmer, 16.1.2025)

Drei Jahre nach der Eröffnung der militärischen Operationen gegen die Ukraine scheint Russland zumindest einem seiner damals formulierten politischen Zielen erheblich näher gekommen zu sein: der Anerkennung als Verhandlungspartner und – in der Perspektive – der Etablierung einer multipolaren Weltordnung. Dass der Westen mit seinem Bemühen, in der diplomatischen Auseinandersetzung mit Russland den gobalen Süden auf seine Seite zu ziehen, weitgehend gescheitert ist, ist hinreichend bekannt. Jetzt könnte sogar die als unerschütterlich propagierte »transatlantische Einigkeit« ihre Sprünge bekommen. Auf der militärischen Ebene dagegen ist die Bilanz weniger eindeutig. Zu Beginn des vierten Kriegsjahres sind mehrere widersprüchliche Tendenzen erkennbar: Russland demonstriert, dass es sich Zeit lässt. Sein Vormarsch in der Ostukraine ist langsam und methodisch, ohne spektakuläre Aktionen. Ob das dem bewussten Bemühen geschuldet ist, eigene Soldaten zu schonen, oder angesichts hoher eigener Verluste eine erzwungene Langsamkeit, ist angesichts fehlender bestätigter Verlustzahlen nicht festzustellen; beide Seiten tendieren dazu, die eigenen Verluste kleinzureden und die des Gegners hochzuspielen. Aber Russland setzt erkennbar auf den Faktor Zeit – dass der Ukraine über kurz oder lang die Ressourcen ausgehen, den Krieg fortzusetzen.

Kriegsverlauf

Als Wladimir Putin am 24. Februar 2022 ein relativ kleines Expeditionskorps – einige zehntausend Mann – in die Ukraine in Marsch setzte, hoffte er auf einen Durchmarsch innerhalb weniger Tage bis nach Kiew und den anschließenden Regime-Change. Daraus ist nichts geworden. US-Geheimdienste hatten entscheidende Elemente der russischen Operationsplanung mitbekommen und an die Ukraine weitergegeben. So scheiterte die handstreichartige Besetzung des Werksflughafens der Flugzeugfabrik Antonow am Stadtrand von Kiew, der als Ausgangsbasis für den russischen Angriff gedacht war. Und ukrainische Soldaten dezimierten mit Hilfe von – wie Bidens Außenminister Antony Blinken kurz vor dem Verlassen seines Postens im Januar 2025 zugab¹ – schon Monate vor Kriegsbeginn aus den USA verdeckt gelieferten Panzerabwehrraketen die russischen Panzerkolonnen, die von Norden und Nordosten aus auf die ukrainische Hauptstadt vorstießen.

Das Jahr 2022 verlief im Zeichen rascher Gebietsgewinne Russlands in der Südukraine und eines Vorstoßes bis zum Dnipro. Aber das erste Kriegsjahr zeigte auch eine erfolgreiche ukrainische Gegenoffensive im Bezirk Charkiw und den durch die Zerstörung der Brücken über den Dnipro erzwungenen Rückzug Russlands aus der Stadt Cherson und weiteren zeitweilig eroberten Gebieten am Westufer des wichtigsten ukrainischen Flusses. Im zweiten Kriegsjahr, 2023, versuchte die Ukraine, das militärische Glück zu wenden und an der südlichen Front bis zum Schwarzen und Asowschen Meer durchzustoßen. Aber das gelang ihr nicht. Russland hatte die Zeit der Vorbereitung der ukrainischen Offensive, der Ausbildung ihrer Soldaten auf westlichen Truppenübungsplätzen und an westlichem Gerät, genutzt, um den nur knapp 100 Kilometer tiefen Landkorridor auf die Krim intensiv zu verminen und zu befestigen. Die ukrainische Offensive musste nach hohen Verlusten eingestellt werden.

Eine herbe Niederlage Russlands war zur selben Zeit aber die Dezimierung der Schwarzmeerflotte durch ukrainische – und aus dem Westen, vor allem Großbritannien, gelieferte – Antischiffsdrohnen. Sie hat inzwischen dazu geführt, dass sich die Flotte aus ihren Stützpunkten auf der Krim in Basen weiter östlich zurückgezogen hat und ihre Überwasserschiffe nicht einmal mehr für Raketenangriffe auf Ziele in der Ukraine herangezogen werden können. Entsprechend muss der russische Versuch, den ukrainischen Export – und natürlich auch Waffenimport – auf dem Seeweg unmöglich zu machen, als gescheitert angesehen werden.

Im dritten Kriegsjahr, 2024, kam die Front hingegen dort in Bewegung, wo sie es in den zehn Jahren seit dem Beginn der Kämpfe um den Donbass nicht mehr getan hatte. Russland gelang der Durchbruch durch die ukrainischen Befestigungslinien am Rande der 2014 ausgerufenen Volksrepublik Donezk. Ortsnamen wie Awdijiwka, Bachmut, Torezk und Tschassiw Jar stehen für Abnutzungsschlachten im Stil des Ersten Weltkriegs, in denen beide Seiten hohe Verluste verzeichneten, aber sich Russland letztlich aufgrund seiner zahlenmäßigen und materiellen Überlegenheit durchsetzen konnte. Inzwischen verläuft die Front 40 bis 50 Kilometer westlich von Donezk, und nach russischen Presseberichten – die natürlich auch propagandistisch getönt sind – kommt das zivile Leben dort wieder in Gang.²

Dass die Geschwindigkeit des russischen Vormarschs dem materiellen und personellen Übergewicht Moskaus gleichwohl nicht entspricht, liegt vermutlich daran, dass die Ukraine schnell auf die umfangreiche Entwicklung einer relativ preiswerten neuen Waffengattung gesetzt hat: die Drohne. Mit einer geschätzten Jahresproduktion von einer Million Stück 2024 (Russland im Vergleich: 200.000 Stück) ist die Ukraine inzwischen wohl weltweit führend in dieser Art der Zerstörungstechnologie.³ Waren Drohnen ursprünglich eher für Aufklärungszwecke konzipiert, sind sie inzwischen auch für direkte Angriffsoperationen optimiert worden und bedrohen sowohl angreifende russische Einheiten an der Front als auch industrielle Ziele im Hinterland. Das Ausmaß des angerichteten Schadens ist dabei im Einzelfall diskutabel, aber es geht beiden Seiten erkennbar auch um den psychologischen Effekt. Russland hat nach eigenen Angaben gute Erfahrungen mit Drohnen gemacht, die kilometerlange Glasfaserkabel hinter sich herziehen und damit für Störsender nicht anfällig sind.

Russland hat seit 2023 eine flächendeckend recht erfolgreiche Serie von Raketenangriffen auf ukrainische Kraftwerke gestartet, die das ukrai­nische Energiesystem vor zumindest erhebliche Belastungen stellt. Erst vor wenigen Tagen wurde zum Beispiel ein Heizkraftwerk zerstört, das die südukrainische Industriestadt Mikolajiw versorgte. Die Ukraine versucht, das Stromdefizit von etwa 50 Prozent mit Importen aus der EU auszugleichen, aber sie stößt damit an die Grenzen der Leitungskapazität. Russland hat seinerseits mit der Zerstörung der Umspannwerke, die den Strom aus den drei noch aktiven ukrainischen AKW-Komplexen an den Standorten Riwne, Chmelnizkij und Südukraine ins Netz einspeisen, eine Variante gefunden, in der es vermeiden kann, die Reaktoren selbst anzugreifen und sich dafür internationaler Kritik auszusetzen.

Seinerseits kann Russland der Eroberung des einstmals größten europäischen AKW am Dnipro unterhalb von Saporischschja nicht froh werden – die sechs Reaktoren in der Stadt Energodar sind nach ständigem Beschuss inzwischen heruntergefahren. Wie immer beschuldigen sich beide Seiten gegenseitig, für diese Angriffe verantwortlich zu sein, aber aktuell spricht einiges dafür, dass der Drohneneinschlag auf dem Dach des Sarkophags der Kraftwerksruine Tschernobyl in der Nacht zum 16. Februar eher eine False-Flag-Operation der Ukraine war, um kurz vor dem Beginn der Münchner »Sicherheitskonferenz« Stimmung zugunsten Kiews zu machen. Russland hätte von der Zerstörung einer ohnehin nicht mehr produzierenden Anlage nichts zu gewinnen gehabt und wäre einem eventuellen Fallout potentiell selbst ausgesetzt gewesen.

Ukrainische Rüstung

Trotz der im einzelnen durchwachsenen Bilanz der Kämpfe am Boden behauptet auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij nicht mehr, dass der ukrainische Sieg eine per Anfang 2025 realistische Perspektive sei. Pläne für Joint Ventures mit westlichen Rüstungsproduzenten, darunter der Düsseldorfer Firma Rheinmetall, sind einstweilen noch weitgehend in der Planungsphase. Obwohl sie die eigene Rüstungsproduktion seit Kriegsbeginn auf das Fünffache gesteigert hat, ist die Ukraine heute nur in der Lage, 40 Prozent ihres laufenden Bedarfs an Kriegsmaterial selbst zu produzieren.⁴ Andere Zahlen liegen niedriger, bei etwa einem Drittel des Bedarfs. Aber dass die ukrainische Politikerin Natalija Gumenjuk an dieser Stelle entgegen dem sonst ständigen Drängen der Ukraine auf mehr westliche Waffenhilfe die Schätzungen der eigenen Kapazitäten aufrundet, deutet auf eine politische Motivation hin.

Man kann das »nur« vor der Zahl von 40 Prozent des ukrainischen Eigenbedarfs an Waffen und anderem Kriegsgerät nämlich auch umdrehen und »immerhin« sagen. Die Zahl bedeutet im Klartext, dass die in Russland gehegte Erwartung, dass nur die USA den Geldhahn für Kiew zudrehen müssten, und es wäre relativ schnell zu Ende mit dem ukrainischen Widerstand, vermutlich nicht ganz den Tatsachen entspricht. Wenn die Ukraine in der Lage ist, fünfmal so viele Exem­plare der auf dem Gefechtsfeld heute ausschlaggebenden Waffensorte Drohne zu produzieren wie Russland, dann bedeutet das eben auch, dass sie in der Lage ist, Nötigungen zur Einstellung der Kampfhandlungen, wie sie vielleicht von den am 18. Februar aufgenommenen Verhandlungen zwischen den USA und Russland ausgehen könnten, eine ganze Weile lang zu ignorieren.

Zumal US-Präsident Donald Trump deutlich gemacht hat, dass er zwar das direkte Engagement der USA in den osteuropäischen Stellvertreterkrieg beenden oder doch zurückfahren will, dass er aber nichts dagegen hat, dass die EU im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Bresche springt und die Belieferung der Ukraine mit Waffen übernimmt. Im Gegenteil hat er die EU-Staaten ja aufgefordert, »mehr für ihre Sicherheit zu tun« und die Kosten für eine eventuelle Friedenstruppe in der Ukraine in materieller und finanzieller Hinsicht zu übernehmen – und damit auch das politische Risiko ihrer Stationierung.

Kein Zeitdruck

Aber kommen wir noch einmal zurück auf Trumps Grundsatzentscheidung, Gespräche mit Russland über ein Ende des Ukraine-Konflikts aufzunehmen. Sie unterscheidet sich durchaus von der abgebrühten Erklärung von Tony Blinken, die USA hätten den Konflikt »kommen sehen« und schon vor dem offenen Ausbruch der Feindseligkeiten über osteuropäische NATO-Staaten »diskret« verschiedene Waffen liefern lassen. Gegenüber dieser die ganze Amtszeit von Joe Biden hinweg andauernden Haltung, den Krieg laufen zu lassen, hat sich bei Trump offenbar die Erkenntnis gefestigt, dass ein militärischer Sieg über Russland entweder nicht oder nur unter unvertretbar hohen wirtschaftlichen und militärischen Kosten möglich sei. Und damit ist die zentrale politische Forderung Russlands an den »kollektiven Westen« in dem Ultimatum vom Dezember 2021 – zu Gesprächen über eine europäische Sicherheitsarchitektur zurückzukehren, die auch die Interessen Russlands berücksichtige – im Kern erfüllt, zumindest als Ausgangspunkt für Gespräche. Entsprechend zufrieden fielen auch die öffentlichen Erklärungen russischer Politiker nach dem ersten Treffen mit Vertretern der Trump-Administration am 18. Februar aus: Die USA hätten verstanden, dass man zwischen Großmächten im Dialog bleiben müsse.⁵

Natürlich ist das zunächst einmal nur eine formale Genugtuung für Moskau. Was die Verhandlungen im einzelnen ergeben werden, kann man wenige Tage nach ihrem Beginn noch nicht sagen, und aus russischen Erklärungen, dass allein die Vorbereitung konkreter Gespräche Monate in Anspruch nehmen könne, lässt sich ablesen, dass sich Russland nicht unter Zeitdruck setzen lassen will, wie es offenbar ein zentrales Element der US-Verhandlungsstrategie ist. Zu Trumps Vorschlag, es solle zu Ostern (dieses Jahr am 20. April) ein Waffenstillstand und zum 9. Mai (dem russischen Siegestag) ein Friedensvertrag in Kraft treten, hat sich in Moskau niemand inhaltlich geäußert. Eine gesunde Dosis Misstrauen gegenüber dem Friedenswillen der USA könnte sich zum Beispiel auf die nachgeschobene Relativierung der Absage an eine ukrainische NATO-Mitgliedschaft durch US-Verteidigungsminister Pete Hegseth stützen: Ein solcher Beitritt sei über einen Zeitraum von 25 Jahren unrealistisch. Danach aber nicht mehr? Hier wird Russland mit Sicherheit weitergehende Garantien verlangen – wie sie dann in der Praxis eingehalten werden, ist wie immer eine andere Frage.

Zumal auf ukrainischer Seite keine Bereitschaft erkennbar ist, sich der neuen Richtungsentscheidung der USA zu unterwerfen. Im Gegenteil: Auf die Relativierung ihrer Bedeutung durch die Trump-Administration hat Selenskij mit einer Strategie der geradezu verzweifelten Vorwärtsverteidigung reagiert. Er sagte kurz vor der Münchner Konferenz dem Economist, wenn die NATO die Ukraine nicht in ihren Reihen wolle, dann müsse die Ukraine eben »selbst zur NATO werden« – mit einer weiteren Erhöhung der Truppenstärke auf 1,5 Millionen Soldaten und enger Anbindung wenn nicht an die USA, dann eben an die EU.⁶ In München forderte er die Schaffung einer »europäischen Armee« unter Einschluss der Ukraine und diente die kampferfahrenen ukrainischen Streitkräfte der EU als deren bewaffneten Arm an. Sie seien, so Selenskij, jetzt schon stärker als die Armeen der EU: 110 Brigaden gegenüber 82.⁷ Was freilich Angaben zur Sollstärke sind, die mit der Praxis nicht unbedingt übereinstimmen müssen. Hier leidet die ukrainische Armee unter erheblichen Desertionen – der Fall der 155. Brigade, die in Frankreich aufgestellt und ausgebildet wurde und sich im ersten Kampfeinsatz praktisch aufgelöst hat, steht nicht allein.

Zwickmühle für EU

Zunächst steht die EU ohnehin vor der Frage, ob und wie sie sich als Garantiemacht eines eventuellen Waffenstillstands in der Ukraine aufstellen will. Fürs erste haben die beiden Atommächte Großbritannien und Frankreich die Bereitschaft geäußert, auch eigene Bodentruppen im Rahmen einer Friedenstruppe zu entsenden. Dafür können beide zusammen aber nur etwa 25.000 Soldaten aufbringen, während der Personalbedarf für eine solche Friedenstruppe auf zwischen 120.000 (auf seiten der NATO) und 200.000 Mann (so die Forderung der Ukraine) geschätzt wird. Der Bundeswehr wird die Aufstellung einer Division (ca. 12.000 Mann) zugetraut; es bleibt also immer noch ein beachtliches Defizit. Bereit stünden wahrscheinlich auch die baltischen Staaten, deren zahlenmäßiger Beitrag aber bei diesen Dimensionen nicht besonders ins Gewicht fallen dürfte. Aber schon Polen hält sich einstweilen zurück, auch weil die Frage des Kommandos einer solchen EU-Friedenstruppe noch ungeklärt ist.

Womöglich ist die ganze Diskussion ohnehin gegenstandslos, weil Russland bereits angekündigt hat, Soldaten aus EU- und NATO-Staaten nicht als Bestandteile einer solchen Friedenstruppe vor der eigenen Haustür zu akzeptieren. Wenn aber Truppen aus dem globalen Süden oder gar China eine eventuelle Waffenstillstandslinie kontrollieren sollten, wäre der Versuch nach geopolitischer Profilierung, wie er auf EU-Seite hinter den Überlegungen für eine Ukraine-Friedenstruppe steht, im Ausgangspunkt gescheitert.

Denn in einem Punkt sind sich Russland und die USA offenkundig schnell einig gewesen: der EU ihre geopolitische Zweitrangigkeit zu demonstrieren. Die alte Frage von Wjatscheslaw Molotow, über wie viele Divisionen der Papst verfüge, kehrte in den Erklärungen von US-Politikern auf der Münchner »Sicherheitskonferenz« dieses Jahres wieder: In der Politik zähle nur materielle Stärke, es gehe nicht um »Werte« oder hohe Ansprüche an den Rest der Welt. Das russische Außenministerium hat trocken erklärt, die EU könne zu den Friedensverhandlungen hinzugezogen werden, wenn sie aufhöre, der Ukraine Waffen zu liefern.

Danach aber sieht es im Frühjahr 2025 überhaupt nicht aus. Im Gegenteil. Die Verzweiflung des Kiewer Regimes und die narzisstische Kränkung der EU über ihre Behandlung durch die USA und Russland könnten sich zu einer toxischen Mischung von Kriegstreiberei verbinden. Ob die EU ihr Ziel erreicht, zu geopolitischer Gleichrangigkeit mit den großen Akteuren der Weltpolitik aufzuschließen, kann man mit einigen Gründen bezweifeln. Aber für die Sabotage eines eventuellen Waffenstillstands dürfte es immer noch reichen.

Dass es ohne einen zweiten Regimewechsel in der Ukraine wahrscheinlich nicht abgehen wird, wenn eine Friedensregelung Bestand haben soll, scheint zumindest der neuen US-Regierung langsam bewusst zu werden. Vertreter der Trump-Administration haben die Behauptung Selenskijs und seiner Umgebung, ein Nachholen der Neuwahlen von Präsident und Parlament sei wegen des Kriegszustands jetzt nicht möglich, mehrfach vom Tisch gewischt. Gerade wenn die Ukraine eine Demokratie sein wolle, müsse sie auch Wahlen veranstalten. Auch wenn sie das Risiko einer Abwahl Selenskijs mit sich bringe. Zumal eine der wesentlichen Schwierigkeiten mit Wahlen während der Kampfhandlungen, die die Ukraine immer vorgebracht hat, mit einer Anerkennung der neuen Grenzen des Landes vom Tisch wäre: die Frage, wie eine Wahl in den verlorengegangenen Territorien zu organisieren wäre. Dort fände sie dann eben nicht statt.

Expräsident Petro Poroschenko hat vor einigen Tagen bereits einen möglichen Wahltermin genannt: den 26. Oktober.⁸ Ob Wolodimir Selenskij dabei eine Chance für eine Bestätigung hätte, ist nach gegenwärtigem Stand zweifelhaft. Freilich ist sein aussichtsreichster Konkurrent, der frühere Oberbefehlshaber Walerij Saluschnij, in der Friedensfrage nicht mit einer zurückhaltenderen Position aufgefallen, allenfalls für eine Atempause zur neuerlichen Aufrüstung der ukrainischen Streitkräfte. Es sieht danach aus, dass das seit 1991 verfolgte strategische Hauptziel der USA, die Ukraine als ein »Antirussland« aufzubauen, auch einen verlorenen Krieg gegen Russland überdauern wird. Genau wie die ukrainische Forderung nach Atomwaffen, wie sie Selenskij kürzlich wiederholt hat, kein Produkt des Krieges ist, sondern einer der ihn auslösenden Faktoren war, denn dieselbe Forderung hatte Selenskij auch bei seinem Auftritt auf der Münchner »Sicherheitskonferenz« 2022 aufgestellt. Neun Tage später begann der Krieg, und für seine Auslösung berief sich Wladimir Putin ausdrücklich auf die entsprechenden Worte Selenskijs in München.

Anmerkungen:

1 Vgl. www.chinadaily.com.cn/a/202501/05/WS677a4830a310f1265a1d9097.html

2 Vgl. www.kp.ru/daily/27662/5051035

3 Vgl. Ben Aris: Can Ukraine go it alone (with a little help from the EU) if the US abandons it?, 18.2.2025, intellinews.com

4 So die zeitweilige ukrainische Militärsprecherin Natalija Gumenjuk im Februar 2025 in einem Beitrag für die US-Fachzeitschrift Foreign Affairs

5 Vgl. strana.news/news/480298-zaversheny-perehovory-v-er-rijade.html

6 Vgl. Ben Aris: Can Ukraine go it alone (with a little help from the EU) if the US abandons it?, 18.2.2025, intellinews.com

7 Ebd.

8 Vgl. open4business.com.ua/de/poroschenko-sagt-dass-die-wahlen-in-der-ukraine-fuer-den-26-oktober-vorbereitet-werden

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. September 2024 über den Zweiten Tschetschenienkrieg

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (24. Februar 2025 um 10:52 Uhr)
    Anerkennung: Dies ist eine ausgezeichnete Beschreibung des Kriegsgeschehens in der Ukraine! Dennoch möchte ich einige wichtige Ergänzungen anmerken: Geschichte ist ein fortlaufender Prozess, ohne klaren Anfang. Daher begann der Krieg nicht erst mit dem Einmarsch der russischen Truppen vor drei Jahren. Von zentraler Bedeutung sind die Minsker Abkommen, die oft in diesem Zusammenhang übersehen werden. Während dieser Zeit rüstete sich die Ukraine militärisch auf – ein Aspekt, der nicht unerwähnt bleiben sollte. Ebenso bemerkenswert ist, dass der russische Geheimdienst in dieser Phase offenbar in eine Art »Winterschlaf« verfiel. Ein weiteres entscheidendes Ereignis war die ukrainisch-russischen Verhandlungen im März 2022. Diese spielten eine zentrale Rolle für den weiteren Kriegsverlauf, insbesondere hinsichtlich der Frage, ob eine diplomatische Lösung zu diesem Zeitpunkt noch möglich gewesen wäre. Ein besonders bemerkenswerter militärischer Aspekt ist der Drohnenkrieg. Die direkte Drohnenaufklärung, präzise Sprengangriffe sowie der massenhafte Einsatz günstiger Drohnen zur Überlastung feindlicher Luft- und Raketenabwehrsysteme stellen eine revolutionäre Entwicklung der modernen Kriegsführung dar. Darüber hinaus wäre es lohnenswert, weitere Schlüsselmomente des Kriegsverlaufs zu erwähnen, etwa: Die anhaltende Problematik der westlichen Waffenlieferungen – sowohl in Bezug auf deren Verzögerungen und Verschleppungen als auch deren Auswirkungen auf das Kriegsgeschehen.

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