Ölpest in Esmeraldas
Von Volker Hermsdorf
Ecuador wird von der schwersten Umweltkatastrophe seit 1998 erschüttert. Nach dem Bruch einer Pipeline in der nördlichsten Provinz Esmeraldas sind mindestens 25.116 Barrel (etwa vier Millionen Liter) Erdöl ausgetreten. In drei Landkreisen waren mehr als eine halbe Million Menschen zwölf Tage lang ohne Trinkwasser. Landwirte verzeichneten erhebliche Verluste, während mehrere Flüsse für biologisch tot erklärt und Strände gesperrt wurden.
Nachdem das Öl den Pazifischen Ozean erreicht hat, rechnen auch Fischer mit Einbußen. Die gesamten Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Umwelt und die Wirtschaft des Landes lassen sich zwei Wochen nach dem Vorfall vom 13. März noch nicht abschätzen. Der Umgang mit der Katastrophe könnte das Ergebnis der Stichwahl für das Präsidentenamt am 13. April beeinflussen, da die Regierung das Ausmaß zunächst verheimlichte.
Wie örtliche Medien am Dienstag (Ortszeit) berichteten, hatte Energieministerin Inés Manzano zunächst nur von 3.800 Barrel gesprochen – obwohl ihr die tatsächliche Menge bereits seit dem 20. März bekanntgewesen sein muss. Das staatliche Mineralölunternehmen Petroecuador hatte die Zahl an diesem Tag in einem Schreiben bestätigt, das nun mehreren Medien zugespielt wurde. Petroecuador ist Eigentümerin der Rohrleitung, die sich über 497 Kilometer von den Ölfeldern im ecuadorianischen Amazonasgebiet durch fünf Provinzen bis zum Terminal in der Hafenstadt Balao erstreckt.
Kurz nach dem Bruch der Transecuadorianischen Ölpipeline (Sote) behauptete die Ministerin zudem, es handle sich nicht um einen Unfall, sondern um Sabotage – und warnte vor weiteren Anschlägen. Beweise legte sie jedoch nicht vor. Mittlerweile gilt es als sicher, dass ein Leck – verursacht durch starke Regenfälle – zum Rohölaustritt führte. Umweltaktivisten kritisieren, die Regierung habe durch die Verschleppung von Informationen und unbelegte Behauptungen von Versäumnissen ablenken wollen. Laut der Onlinezeitung Primicias war die Provinz Esmeraldas auch vor dem jüngsten Ereignis von ähnlichen Vorfällen betroffen, bei denen 138.000 Barrel durch Lecks austraten.
Petroecuador räumte ein, Brüche der Sote-Pipeline hätten in den vergangenen 50 Jahren 742.041 Barrel Rohöl (knapp 118 Millionen Liter) in die Umwelt freigesetzt – was dem aktuellen Transportvolumen für 2,7 Jahre entspricht. Während der Amtszeit des linken Präsidenten Rafael Correa (2007–2017) wurden noch oberirdische Teile des Strangs, der etwa 60 Prozent des Öls aus dem Amazonasgebiet befördert, in den Boden verlegt, wodurch die Zahl der Vorfälle verringert wurde.
Luisa González, die Präsidentschaftskandidatin der von Rafael Correa gegründeten Bewegung »Revolución Ciudadana« kündigte für den Fall ihres Sieges einen Regierungsplan für »umfassende Umweltschutzmaßnahmen« an. Mit diesem Vorhaben will sie gegen den amtierenden, rechten Staatschef Daniel Noboa punkten, der kurz vor der Umweltkatastrophe in Esmeraldas bereits mit umstrittenen Plänen zur Privatisierung von Ecuadors ertragreichstem Ölfeld heftige Proteste ausgelöst hatte.
Nach dem jüngsten Unfall ist das Misstrauen gegen Noboas Regierung und deren Aufsicht über den staatlichen Ölkonzern weiter gewachsen. Maßnahmen, um die Ausbreitung des Öls und die Verseuchung weiterer Flüsse und Böden zu verhindern, seien zu spät eingeleitet worden. Zwar wurde die Bevölkerung vom Roten Kreuz und der Marine mit Trinkwasser und Essensrationen versorgt, doch reichten die Mengen nicht aus, so die Kritik. Laut Primicias wurden bis vergangenen Dienstag Essensrationen und 4,2 Millionen Liter Wasser verteilt – was weniger als 0,7 Liter Wasser pro betroffene Person und Tag entspricht.
Unterdessen berichtete Telesur, am Wochenende habe ein Leck in einer anderen Pipeline Teile des Rio Coca kontaminiert, der als Antriebskraft für das wichtige Wasserkraftwerk Coca Codo Sinclair dient. Sperrbarrieren sollen nun die Ausbreitung des Ölteppichs verhindern und das Wasserkraftwerk schützen.
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