Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 03.04.2025, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Sphäre der Anämie

Die Zukunft hat keine gute Zeit: Fleur Fortunés dystopischer Debütfilm »The Assessment«
Von Maximilian Schäffer
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Die Welt von morgen weiß es auch nicht besser

Glatte Menschen, Pastellfarben, ätherische Klänge – dafür braucht man nicht in die Zukunft zu reisen. Exakt so sieht die internationale obere Mittelschicht schon heute aus, hört sich so an, riecht und geriert sich so. Regisseurin Fleur Fortuné kleidet ihr dystopisches Szenario in diese abgelutschte Ästhetik jeder kontemporären europäischen Opernbühne.

Das doch recht herrschaftliche Haus des Heldenpaars steht auf einer neuen Erde, einer marsartigen Wüste, irgendwo im Nirgendwo. Beide sehen gut aus, sind kerngesund, verdienen gut im wissenschaftlichen Bereich. Während Aaryan (Himesh Patel) zusammen mit einer holographischen AI versucht, einen Menschenaffen authentisch nachzubilden, forscht Mia (Elizabeth Olsen) im Treibhaus an Pflanzen und anderen Organismen – dem einzigen Ort an dem es blüht.

Zum ganz großen Glück der beiden Funktionierenden fehlt nur noch ein gemeinsames Kind. Doch Kinder sind rationiert in dieser Zukunftswelt. Zur Geburt oder Adoption braucht es eine Genehmigung vom Staat. Zuvor ist allerdings eine Prüfung zu durchlaufen, ein Verfahren, das eine Beurteilung – auf Englisch »Assessment« – zur Folge hat.

Schon bald erscheint die Prüferin vor der Haustüre. Mit hochgebundenen Haaren und strengem Blick umgibt Virginia (Alicia Vikander) die Aura einer herben Hilfsschulvorsteherin der Marke Luisa Neubauer. Was denn beim Verfahren zu beachten sei, will das Paar wissen, doch die Prüfkriterien sind genauso ominös wie die Urteilsfindung. Im Verlauf der nächsten Tage wird immer klarer, dass sich die Prüferin selbst in die Rolle des zukünftigen Kindes mit all seinen Trotz- und Zuneigungsphasen begibt. Alicia Vikander kommt aus dem Ballett, sie spielt Kleinkind wie Frühjugendliche so körperlich, wie es ein bestimmtes Publikum halt sehen will. Sehnig krümmt sie sich immer irgendwo im Bereich des Schauwerts einer Zirkusartistin. Sphärisches Gejaule anämischer Frauenstimmen im Hintergrund begleiten das Body-Positive-Martyrium ständig. Leidvoll-bizarr, dabei immer eine Spur erotisch müssen Körper sein, in Filmen, die so gerne wie Yorgos Lanthimos letzter sein wollen.

Selbstherrlichkeit ist keine Tugend, trotzdem müssen alle Szenen in diesem Film betont nachschwingen, um ihre bildliche Brillanz zu verdeutlichen. Sie müssen WIRKEN, um dem Kinogänger klarzumachen, dass jeder Aspekt der Inszenierung edel und wichtig ist. Schließlich ist Dienstleistung teuer und das Kuratieren eines Bühnenbildes als ebensolche zu verstehen. Von den beschissenen Designermöbeln bis zum Meer, bis zu den saftig »Leben« tropfenden Pflanzen. Von der Träne bis zur unzähligsten Körperspastik, die natürlich im total verreckten Suizid aus dem vierten Stock enden muss, damit die Hauptdarstellerin noch einmal als zerbrochene Frau auf dem Boden darben darf, ihre Profession, das Körperspiel gleichsam als Stilleben zu hinterlassen.

Alles an »The Assessment« ist so unerträglich abgenutzt, ästhetisch und schmalspurideologisch so wiedergekäut, dass man sich schon fragen muss, wieso irgend jemand glauben könnte, so sehe die Zukunft aus. Vom hyperkörperlichen Spiel der Hauptdarstellerin bis zu den lahmen Ausdruckstanzszenen im Stroboskoplicht. Von der ewigen pseudofeministischen Leier, die in jedem Satz anklingen muss, bis hin zur schon zwanghaft gewordenen Erderwärmungsthematik. Von der billigen Selbstreflexion einer Generation zum hyperkapitalistischen Schluss aufs »echte Leben« als schmutziger Leidensweg mit Fortpflanzung. Das ist Ayn Rand verkleidet als Sozialkritik mit Diversitätsdeko. Das sind Kartenzahler mit Trinkgeldgewissen. Das ist Studentenkotze auf der Leinwand, wichtig und richtig mitbezahlt vom Deutschen Filmförderfonds mit 2,5 Millionen Euro. All das nervt so gewaltig, dass man sich nicht fragen muss, wann das nächste zusammengekleisterte Spielfilmdebüt die von »westlichen Werten« besoffenen Festivalbesucher glücklich macht. Es ist egal, es ist nicht der Rede wert, es wird haargenau der gleiche Film wie »The Assessment« sein.

»The Assessment«, Regie: Fleur Fortuné, BRD 2024, 114 Min., Kinostart: heute

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