Sound der tausend Tuben
Von Gisela Sonnenburg
Das Arrangement ist untypisch für ein Konzert: Hinter einem Tisch voller Farbtuben, Pinsel, Dosen und Sprays steht eine Staffelei. Der Künstler Georg Plotter – im blauen Arbeiteranzug – zerrupft ein Leintuch zu Tupfmaterial. Mit gekonnten Drehbewegungen der Hand mischt er die Farben. Die Palette ist so bunt wie Konfettichaos. Der Geruch von Ölfarbe steigt auf. Hannes Zerbe, der Berliner Meister des Jazz, erklärt, dass Plotter gleich zur improvisierten Musik malen wird. Zerbe kuratiert an jedem ersten Dienstag im Monat in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin ein Konzert aus der Reihe »jW geht Jazz«. Vorgestern ging es nicht nur um Musik.
Man wähnt sich im Paris der 50er oder im New York der 80er Jahre. Die Maigalerie mutiert zum Ateliertheater. Dramatisch grummelt es vom Klavier, das Zerbe selbst spielt. Die Sängerin Almut Kühne haucht ihre feinen Klänge ins Mikrophon. Sie greint und quiekt, bewegt sich im Zwölftonraum. Beim »Action Painting« beeinflussen sich Musik und Malerei gegenseitig. Es entsteht ein Sound der tausend Tuben.
Georg Plotter beginnt mit einer Art Spiegelei auf blauem Grund, das Bild liegt vor ihm. Vom Klavier kommen Fetzen aus Georges Bizets Oper »Carmen«. Ja, die Liebe hat bunte Flügel – und die Kunst viele Facetten. Almut Kühne kiekst wie ein Küken, das keine Angst hat, aus dem Nest zu fallen. »I’m bad, you’re bad, bad we are«, ihr Text ironisiert die Situation: »Ich bin schlecht, du bist schlecht, schlecht sind wir.« Der linke Arm der Sängerin tanzt.
Auf der Atelierbühne kommt die Staffelei zum Einsatz. Ein Pizzakarton wartet schon. Plotters »Pizzabilder« sind bekannt: Er bemalt Pizzakartons statt schwerer Leinwände, damit Kunst auch für kleines Geld erhältlich ist. Bald prangt auf dem Deckel ein Mensch mit Handy. »DATENDÄMMERUNG« steht da, erinnert an die Datenkraken, die zunehmend unser Leben bestimmen.
Ein Verkehrsschild kommt ins Spiel: »Vorfahrtstraße!« Genau: Kunst sollte immer Vorfahrt haben. Ins gelbe Feld der Raute setzt Plotter einen mintgrünen Kreis mit rotem Lichtpfeil. Am Rand wird ein schwarzes Noppenmuster aufgetupft, in Reih und Glied. Dazu ein Hauch von Rouge aus der Spraydose. Rasterfahndung nach den Roten kommt einem in den Sinn.
Zwei weitere Werke entstehen. Eines erinnert an eine Strandlandschaft, das andere ist das Spiegelei vom Tapeziertisch. Plotter, der zugleich Meteorologe und Physiker ist, schöpft bei seinen Motiven aus dem Reich der Wissenschaft, Sturmwirbel und molekulare Strukturen sind ihm Inspiration. »Atmosphärische Zirkulation« ist hier das Stichwort: Westwinde treffen auf Ostwinde. Rauschhaft vermengen sich Musik und Gemaltes.
Die Musik kommt zum leisen Ausklang. Noch ein Tupfer, dann ist auch Plotter fertig. Seine Bilder können ersteigert werden, müssen bis zum Abtransport aber noch trocknen. Ölfarbe, Acryl und Schellack benötigen einige Tage dafür. Der Erlös wird gespendet. Daniel Bratanovic, einer der beiden Chefredakteure der jungen Welt, erklärt, für welchen guten Zweck die Spenden sind: für den Prozessfonds der Zeitung, die vorm Oberverwaltungsgericht Berlin darum kämpft, nicht mehr vom Verfassungsschutz in dessen Berichten erwähnt zu werden. Ein Grund mehr, noch rasch ein Bild zu kaufen.
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