Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Dein roter Faden in wirren Zeiten
Aus: Ausgabe vom 03.04.2025, Seite 12 / Thema
Antideutsche

Der Freund steht immer im Westen

Früher strikt gegen die BRD, heute in Reih und Glied mit der Nation in Waffen. Wie aus den Anti- deutschen Prodeutsche wurden
Von Ingar Solty
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Die Dankbarkeit gegenüber den Alliierten kippte in eine grundsätzliche Verklärung des »Wertewestens«. Die sowjetische Fahne fehlt ganz (Dresden, 13.2.2005)

Wir kämpfen für den Erhalt unserer Freiheit und unserer Zivilisation. Sie hat ihre Wurzeln in den Palästen der Minoer auf Kreta, in den ersten Demokratien Griechenlands, im Recht des Römischen Reiches und in der Aufklärung. Wir stehen auf den Schultern von Riesen.« Wer hat’s gesagt? Annalena Baerbock? Ursula von der Leyen? Kaja Kallas? Anne Applebaum? Timothy Snyder? Ralf Fücks? Roderich Kiesewetter? Henryk M. Broder? Thilo Sarrazin?

In innerlich zeitengewendeten Zeiten, in denen sich alle eine Atombombe für Deutschland wünschen, von Joschka Fischer und Herfried Münkler bis Katarina Barley und Ulrike Herrmann, in denen gefühlt alle die sofortige Wiedereinführung der Wehrpflicht fordern, von Joschka Fischer bis Alice Weidel, in denen ein längst abgewählter Bundestag – demokratiepolitisch ganz und gar unbedenklich, wie der ehemalige CDU-Bundesrichter Peter Michael Huber versicherte – mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD entscheidet, die Hochrüstung von der Schuldenbremse auszunehmen, während ansonsten alles unter Finanzierungsvorbehalt gestellt wird, ist es nicht mehr so einfach, Zitate richtig zuzuordnen. Marc-Uwe Klings Geschäftsmodell, Zitate absichtlich falsch zuzuordnen, ist zweifellos im Eimer. Allein der kraftmeierische Nachsatz zum Zitat – »Und jetzt lasst uns Putin in den Arsch treten« – lässt eine besondere Herkunft vermuten. Das Zitat stammt von Anfang März, die Quelle ist das Onlineportal Ruhrbarone, ein 2007 von David Schraven zeitgleich zu dem Medienunternehmen »Correctiv« in Bochum mitgegründeter Szeneblog, der seine Wurzeln in der Bewegung der »Antideutschen« hat. Doch erinnert sich eigentlich noch irgendwer an die Antideutschen, die durch und durch deutschen Neocons?

Geboren aus dem Avantgardismus maoistischer Sekten, denen der kulturrevolutionäre Neue Mensch immer näher lag als die Massenlinie, und emotional abgehärtet durch die historische Niederlage von 1989 (oder 1978, je nach Interpretation), war die Verachtung der Massen, denen man sich überlegen fühlte und die einen geringschätzten, sowohl Geburtshelferin als auch ständiger Glutkern dieser einmal ultralinksradikal gestarteten Bewegung.¹ Irgendwann splittete sie sich in viele Stränge auf. Die Wege der Antideutschen führten unter anderem:

– zu von Rüstungskonzernen finanzierten rechten US-Denkfabriken wie dem »American Enterprise Institute« (Matthias Küntzel),

– zu regierungsnahen Denkfabriken für Aufrüstung und Kriegseinsätze der Bundeswehr wie der »Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik« (Ingo Way),

– zu später AfD-nahen marktradikalen und rechtslibertären Plattformen wie »eigentümlich frei« oder den »Freunden der offenen Gesellschaft«, mit denen man schon immer den Hayekschen Antikollektivismus teilte (Ralf Schröder),

– zu antimuslimischen, christlich-fundamentalistischen Kreisen wie der Zeitschrift Factum, die die Evolutionstheorie und den Klimawandel leugnet sowie die Umerziehung von Homosexuellen propagiert (Stefan Frank),

– zu Kampagnen zur Bombardierung des Irans (Stephan Grigat),

– zu AfD-nahen, »Remigration« von Muslimen fordernden Onlinemedien wie Nius und der seinerzeit offen mit der PEGIDA-Bewegung sympathisierenden Achse des Guten (Felix Perrefort),

– zur AfD (Thomas Maul und – über Um- und Irrwege – auch Jürgen Elsässer),

– zur Verteidigung der extrem rechten European Defense League (Sören Pünjer),

– und in öffentliche Stellen, etwa als Antisemitismusbeauftragte, die dann in einschlägigen internationalen Sammelbänden stichhaltig nachweisen, dass die Linkspartei in Deutschland durch und durch antisemitisch sei (Samuel Salzborn).

Geschichte einer Bewegung

Diese Links-rechts-Karrieren mögen verblüffen, manchen gänzlich unverständlich erscheinen. Darum hilft ein kurzer Lehrgang über die Geschichte dieser heute fußlahmen Bewegung. Es ist eine Geschichte – im sauerländischen Plettenberg jauchzt der »Kronjurist des 3. Reiches«, Carl Schmitt, in seinem Grab – von unbedingten Feindschaften und bedingungslosen Freundschaften. Sie beginnt nach 1990, als man noch die deutschen Muslime vor dem mit der damaligen Asylrechtsverschärfung sowie den rassistischen Pogromen von Rostock-Lichtenhagen, Solingen, Mölln und Lübeck ankündigenden »Vierten Reich« schützen wollte. Ihre Parole lautete damals noch: »Nie wieder Deutschland!«

Während des Kosovo-Kriegs 1999 erschien der erste und dazu noch völkerrechtswidrige Krieg nach 1945, der von deutschem Boden aus geführt wurde, manchen Antideutschen wie Jürgen Elsässer, Justus Wertmüller oder Tjark Kunstreich als die Wiederkehr deutschen Großmachtstrebens im Osten, weshalb sie Slobodan Milošević vor der NATO beschützten. Andererseits nahmen sie bereits die USA in Schutz, denen von Deutschland dieser Krieg aufgezwungen worden sei – bekanntlich ist es immer der Schwanz, der mit dem Hund wedelt, und nicht umgekehrt.

Zwei Jahre später, nach dem 11. September, schützten Antideutsche dann die Zivilisation des »Westens« vor den Muslimen, so wie einige aus Angst vor irakischen Scud-Raketen auf Israel schon 1990 den »Zweiten Golfkrieg« unterstützt hatten. Beim Irak-Krieg 2003 stand man dann Gewehr bei Fuß mit den USA gegen die Muslime und gegen Deutschland, das sich unter SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verweigerte. »Schroeder doesn’t speak for all Germans«, entschuldigte sich damals die CDU-Parteivorsitzende Angela Merkel in den USA für den deutschen »Friedensmob«, und die Antideutschen mochten dazu nicken, während sie Antikriegsdemos mit USA-Fahnen störten.

Nach dem Irak-Krieg und dem »War on Terror« mit 929.000 Toten in direkter und 3,6 bis 3,8 Millionen Toten in indirekter Folge, waren Antideutsche, deren Vordenker Wolfgang Pohrt dies mit seinem Buch »FAQ« vorbereitete, nicht nur mit dem bürgerlichen Staat an sich, sondern auch mit dem real existierenden deutschen Staat ausgesöhnt. In dieser Zeit verschmolz der antideutsche Sound gegen die Muslime endgültig mit dem von Thilo Sarrazins Millionenbestseller »Deutschland schafft sich ab«, der im »Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«-Gestus den ideologischen Boden für die AfD bestellte. Gute und schlechte Völker unterschieden die früheren Antinationalen ja bereits spätestens seit dem Kosovo-Krieg, jetzt aber gehörte man selbst auch wieder zu den Guten, so wie einst die Väter und Großväter ihren Siedlerkolonialismus und Vernichtungskrieg im Osten als Rettung der europäischen Zivilisation gegen die östliche Barbarei einordneten.

Mediale Querfront

Von Antideutschen bis AfD, von Grigat bis Gauland, Wertmüller bis Weidel, Salzborn bis Sellner einigte man sich seither auf den Satz: »Die Muslime sind unser Unglück.« Eine publizistische Querfront machte es fortan ganz und gar unmöglich, zu unterscheiden, ob Zeitschriftentitel wie »Mekka Deutschland: Die stille Islamisierung«, »Papst contra Mohammed« oder »Der Koran: Das mächtigste Buch der Welt« jetzt Titel von Spiegel oder Sans phrase, Bild oder Bahamas, Rheinischer Post oder Ruhrbarone, Junger Freiheit oder Jungle World waren. Und so war es auch kein Wunder, dass sich eine extrem rechte Plattform wie der 2004 gegründete Blog Politically Incorrect, der mit »Nachrichten« über »kriminelle Ausländer« das deutsche Volk tagein, tagaus zum Pogrom gegen Muslime und zu ­PEGIDA- und Hogesa-Demonstrationen aufrief, sich schon Ende der 2000er Jahre positiv auf Stephan Grigat und den von ihm popularisierten »Islamfaschismus«-Begriff bezog. Grigat hatte diesen Terminus wiederum während des Irak-Kriegs von US-Präsident George W. Bush, seiner Nationalen Sicherheitsberaterin und späteren Außenministerin Condoleezza Rice und dem neokonservativen Vordenker Norman Podhoretz übernommen. Dessen Buch »World War IV: The Long Struggle Against Islamofascism« hatte 2007 nach eben jenem Weltkrieg gerufen, der mit einer Bombardierung des Irans beginnen sollte. Zu diesem Zweck gründete Grigat die Kampagne »Stop the Bomb«, deren Zielstellung, ganz offen formuliert, »Drop the Bomb« war.

Von der Kennzeichnung der islamischen Religion als faschistisch führte eine logische Konsequenz eben nicht nur zum permanenten »War on Terror«, sondern auch zu Donald Trumps »Muslim Ban« von 2017, zum rigiden EU-Grenzregime gegen »importierten Antisemitismus«, zu rechten Terroranschlägen von Utøya bis Hanau und schlussendlich auch zu Björn Höckes »groß angelegte(m) Remigrationsprojekt«, bei dem »der Islam«, also die Deutschen und Europäer muslimischen Glaubens, »mit wohltemperierte(r) Grausamkeit« »bis zum Bosporus« »zurückgedrängt« werden soll und im Rahmen dessen auch die »Volksteile (…), die zu schwach oder nicht willens sind, sich der fortschreitenden Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung zu widersetzen (…)«, durch einen »Aderlass« vertrieben werden sollen. Nachdem »Remigration« zum »Unwort des Jahres« gekürt worden war, formulierte im vergangenen Jahr Felix Perrefort, bei der Bahamas gestartet und nunmehr Redakteur beim vom ehemaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt gegründeten, AfD-nahen Onlinemedium Nius, ganz offen: »Sagt ruhig ›Remigration‹. Der Begriff bedeutet, was wir daraus machen.«

Jürgen Elsässer, Vordenker der ersten Generation der antideutschen Bewegung und in den 1990er Jahren noch Mahner vor einem neuen völkischen Großdeutschland, zog – nach Umwegen über das Neue Deutschland und die junge Welt – die Konsequenz schon sehr viel früher und gründete bereits 2013 das Magazin Compact als Fachblatt für ein neues völkisches Großdeutschland.

Die meisten anderen verzichteten auf dieses (horst-)mahlerische Wechseln der Vorzeichen im Revoluzzertum und legten ihr persönliches Bekenntnis »pro Deutschland« und »pro Kapital« statt dessen dahingehend aus, dass man heute gemeinsam mit diesem noch existierenden deutschen Staat, in dem man endlich angekommen ist, und gemeinsam mit dem US-amerikanischen Staat gegen Muslime, Russen, Afrikaner, Chinesen, Inder, Brasilianer und alle vorgeht, die irgendwie finden, dass die Weltordnung auch die veränderten Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft widerspiegeln und nicht gemäß der Interessen der ehemaligen Kolonialländer geordnet sein sollte. Das alles im Namen der Zivilisation und der festen Überzeugung »Wir sind die Guten«, versteht sich. Dabei mag man, ganz und gar im Sinne der proisraelischen deutschen Staatsräson von Bild bis Bundestag, vor allem Palästinenser nicht, was die Ruhrbarone 2018 mit einem Sharepic mit der Aufschrift »Transform Gaza to Garzweiler« unterstrichen, dem der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank damals eine »explizite Vernichtungsphantasie« bescheinigte.

Sieben Jahre später ist die Forderung der Ruhrbarone mit ihrer tatkräftigen ideellen Unterstützung Wirklichkeit geworden. Gaza sieht heute tatsächlich aus wie Garzweiler, und Donald Trump, Präsident des »freien Westens«, den nicht wenige Antideutsche offen für seine klar antipalästinensische Haltung lobten, hegt ethnische Säuberungspläne: »Clean out the whole thing.« Notfalls mit US-Militäreinsatz will er Gaza in Golfplätze der westlichen Zivilisation, in eine »American Riviera« verwandeln.

Aber auch im KI-gestützten Krieg der in weiten Teilen extrem rechten israelischen Regierung wollten die Enkel der Schlotbarone aus dem Ruhrpott beim besten Willen keine Kriegsverbrechen, geschweige denn einen Völkermord erkennen, sondern sie deuteten die Kritik an der KI-gestützten israelischen Kriegführung, tödlichen Folterpraxis und dem hierdurch hervorgebrachten unermesslichen Leid, das nur neuen Widerstand und Terrorismus hervorbringen kann, zu Antisemitismus und »latentem oder offenem Israelhass« um.² Ganz selbstverständlich dazu gehört in diesem identitären Spektrum, dass die Verteidigung der »internationalen regelbasierten Ordnung« und der Zivilisation gegen die Barbarei impliziert, die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Benjamin Netanjahu und den ehemaligen israelischen Verteidigungsminister Joaw Gallant, die nebst Hamas-Militärchef Mohammed Deif wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit gesucht werden, nicht zu vollstrecken und damit völkerrechtlich verbindliche Verträge nicht einzuhalten, die Deutschland unterzeichnet hat.

Antideutsche heute

Dies ist, im Zeitrafferverfahren, die turbulente Geschichte der Antideutschen, die mal als Antinationale gestartet waren, sich dann mit dem Staat und der Nation in Waffen aussöhnten und irgendwann verständlicherweise nicht mehr »antideutsch« genannt werden wollten, weil sie es ja offensichtlich auch nicht mehr waren. Die Szenereste, die es nicht, wie ein Großteil der Bewegung, in den islamfeindlichen Mainstream schafften (oder zu diesem letzten Schritt nicht bereit waren), folgten dann ihrem sektiererischen Ursprungsimpuls und spalteten sich während der Coronapandemie, als man über die Frage der Lockdownpolitik stritt, in diverse Zeitschriftenprojekte.

Diese Geschichte der Antideutschen ist eine lange tragikomische Episode und eine kurze Fußnote in den Büchern der Historiker der Zukunft. Sie wird dann eine Zeit beschreiben, die schon heute längst Vergangenheit ist. Auch die Vordenker, die noch im Geiste des Postmaoismus und der Frankfurter Schule halbwegs mit Marxschen Begriffen zu jonglieren wussten und die in den 1980er Jahren in der damaligen Friedensbewegung die Vorbotin eines neuerlichen Deutschland-Erwachens hatten erkennen wollen, sind längst tot: Wolfgang Pohrt (1945–2018), Manfred Dahlmann (1951–2017), Joachim Bruhn (1955–2019). Oder sie sind, wie Gerhard Scheit und Clemens Nachtmann, in musikwissenschaftlichen oder anderen Fachbereichen peripherer deutschsprachiger Universitäten verschwunden. Und Vordenker muss man in einer Szene, die mit dem Feminismus und einer gendersensiblen Sprache stets auf Kriegsfuß stand, tatsächlich wortwörtlich nehmen: Denn unter den Protagonisten ist nie auch nur eine einzige Frau gewesen. Von Ivo Bozic einmal abgesehen, war auch so gut wie kein einziger und erst recht kein nichtwestlicher Migrant bei den Antideutschen zu finden.

Mittlerweile haben die Anhänger der ersten Generation, die zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre geboren wurden, um oder kurz nach 1989/90 studierten und in dieser für alle linken Strömungen scheußlichen Lage sozialistische Überzeugungen zugunsten des Antideutschen aufgaben, ihre ersten Toten zu beklagen. Und trotzdem gibt es auch in der Gegenwart immer noch einige Antideutsche, die wie Wolf Biermann reflexhaft noch stets ihre müden Knochen aufs hohe Ross schwingen, wenn mal wieder mit dem besonderen gratismutigen Rebellentum, das die Macht von Staat, Kapital und Medien hinter sich weiß, tote Drachen zur Strecke gebracht werden müssen, allen voran die Friedensbewegung und der Antiimperialismus. Denn der alte antilinke Affekt, mit dem es sich heute in konservativen Medien von der Achse des Guten bis zur Welt und manchmal sogar der FAZ publizieren lässt, ist bei einer Szene, in der ein auf Distinktion abzielender, studentischer Habitus stets wichtiger war als eine auf die praktische Veränderung der Welt abzielende Kritik³, noch lebendig. Die Kapriolen in den Entwicklungen dieser Restantideutschen faszinieren jedenfalls, so wie man auch bei Autounfällen den Blick nicht abwenden kann, obwohl man weiß, dass sich das nicht schickt.

Hauptfeind im Osten

Einst waren diese Antideutschen diejenigen, die in unerbittlicher Feindschaft vor den »regressiven Tendenzen« sozialistisch-fortschrittlicher, antiimperialistischer Befreiungsbewegungen in den Entwicklungsländern warnten. 2022 unterstützten dieselben gealterten Antideutschen dann uneingeschränkt und im Bunde mit ihrer Regierung den »Volkskampf« der plötzlich im hellen Licht einer klassenlosen Gesellschaft erscheinenden Ukraine, die unter den Bedingungen des russischen Angriffskriegs womöglich – aber selbst dies ist angesichts des doppelten, ost-westlichen Verrats⁴ nicht ausgemacht – ihren Nationenwerdungsprozess unter starken rechtsnationalistischen Vorzeichen und mit starken antikommunistischen Tendenzen (zu denen auch die Glorifizierung von Holocaust-Kollaborateuren der Nazis als Nationalhelden gehört) vollendet.

Dabei sehen sich diese Altantideutschen als schärfste Kritiker des Postkolonialismus, dem sie regressiv-barbarische Sehnsüchte unterstellen, aber wenden selber teilweise postkoloniale Denkschablonen an. Postkolonial ließe sich schließlich argumentieren: Wir verteidigen grundsätzlich die Souveränität kleiner Staaten gegen die großen – in der Ukraine, in Taiwan (das völkerrechtlich von der Welt als zu China gehörig anerkannt wird), aber auch in Palästina (das von 146 Staaten der Welt völkerrechtlich anerkannt wird). Dass Altantideutsche ihre Anerkennung indes exakt so auslegen wie die deutsche Staatsräson und deckungs­gleich mit den deutschen und westlichen geopolitischen Interessen (pro Israel, pro Ukraine, anti China), offenbart sie als Neuprodeutsche.

Die Unterstützung der Regierungslinie im Ukraine-Krieg ist auch durch drei Jahre Kriegserfahrung hindurch, auch durch das desaströse Scheitern der europäischen Außenpolitik, das Leid der Soldaten im ungewinnbaren und unnötig verlängerten Krieg und die Entfaltung der Dialektik des Krieges, die heute die vom Staat zwangsrekrutierte ukrainische Bevölkerung gegen den Zwangsrekrutierungsstaat mit Waffengewalt vorgehen lässt, bis heute unverändert geblieben. Aber anstatt »Internationale Brigaden« für die Verteidigung der Zivilisation zu bilden und ihren markigen Worten auch merkliche Taten folgen zu lassen, ziehen Antideutsche – bei denen in den sozialen Medien Profilbilder mit Wolodimir Selenskij oder der ukrainischen Nationalfahne aktuell stark in Mode sind, wie das Beispiel des antideutschen Jungle World-Autoren Markus Liske zeigt – es bis heute vor, von ihren mehr oder weniger komfortablen Schreibtischen aus, den deutschen Staat zu ermächtigen, damit er den ukrainischen Staat ermächtigt, die gegen ihren Willen und ihren aktiven, militanten Widerstand zwangsrekrutierte ukrainische Arbeiterklasse für die eigene Ideologie zu verheizen. Das nennen sie dann »Solidarität mit der Ukraine«.

Mehr noch: In der Situation der von Kritikern seit drei Jahren vorhergesagten Niederlage sind jetzt Spätantideutsche wie die Ruhrbarone – also Neocons ohne den ganzen theoretischen Ballast von Karl Marx, Johannes Agnoli, Moishe Postone und Wolfgang Pohrt, den die Ältesten nicht ganz abschütteln können – bereit, wieder für ihren eigenen Imperialismus zu kämpfen. Auf vergleichbare Weise hatten damals ihre älteren Kollegen im Irak-Krieg Partei ergriffen für George W. Bush und den »War on Terror«, der neben den Millionen Toten und Dutzenden Millionen Menschen auf der Flucht ja auch die Weltgeschichte zum Negativen verändert hat: Destabilisierung der gesamten Region, Aufstieg des IS aus den Trümmern des Irak, syrischer Bürgerkrieg, Fluchtbewegungen nach Europa und schließlich Aufstieg der Gaulands und Höckes, die hieraus, teilweise nun mit (ex-)antideutscher Unterstützung, ihr rassistisches Süppchen kochen.⁵

Andere kämpfen lassen

Heute sagen also Antideutsche mit der phasenweise immer noch rebellisch in die Luft gereckten Faust ergrauter Alt-88er und zugleich fest untergehakt bei Fritze Merz, Annalena Baerbock, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Toni Hofreiter, Roderich Kiesewetter, Carlo Masala, Rheinmetall und Blackrock: »Wir kämpfen für den Erhalt unserer Freiheit und unserer Zivilisation.«

Selbstverständlich ist das »Wir kämpfen« damals wie heute nicht wortwörtlich zu verstehen. Niemand hat die Absicht, eine »Internationale Brigade« aufzubauen, um die ukrainische Armee zu entlasten, um den Kriegstraumatisierten, die gegen den russischen Angriffskrieg kämpfen, ein Ende des Tötens und Getötetwerdens, ein Ende des Verstümmelns und Verstümmeltwerdens, ein Ende des Traumatisierens und Traumatisiertwerdens zu ermöglichen. Niemand von ihnen wird morgen zur Bundeswehr einrücken. Karl Arsch bei der Musterung? They prefer not to.

Im Gegenteil, diejenigen, für die elitäre Massenverachtung plus uneingeschränkte Bereitschaft für den Krieg als Mittel der avantgardistischen Menschheitsbeglückung historische Konstituante und kontinuierliche Kernbotschaft gewesen sind, werden schließlich irgendwo die verachteten Massen finden, die sie dann über das geopolitische Schachbrett schieben und für die eigene Ideologie ins Massengrab schicken können. Dieses zynische Denken verbindet die Antideutschen mit ihren grünen Spiegelbildern Reinhard Bütikofer, Joscha Schmierer und Ralf Fücks, die nicht zufällig aus derselben Mao-Ecke stammen und den Weg zum selben Ziel gingen, bloß auf weniger verschlungenen, finanziell einträglicheren und politisch mächtigeren Pfaden.

Wenn nun beispielsweise Tobias Rapp – Autor und Exherausgeber der Jungle World, einer ebenfalls aus antideutschen Zusammenhängen hervorgegangenen, 1997 von Jürgen Elsässer gegründeten Postille – dieser Tage öffentlich und pars pro toto im Spiegel erklärt, er würde, so wie Campino und Robert Habeck, heute den Kriegsdienst nicht mehr verweigern, dann meinen sie natürlich nicht ihren eigenen, sondern den Kriegsdienst derjenigen, die gerade 18 Jahre alt geworden sind. Sie meinen nicht Thomas, Matthias, Stephan und Tobias, sie meinen die nächste Generation, die Noahs, Finns, Lukas’ und Maximilians.

Und extra für diese Jugend haben Leute wie Tobias Rapp im Spiegel den Veteranentag euphorisch begrüßt, damit deren Nachfahren, wenn sie welche haben und dann noch jemand leben sollte, zukünftig an einem Tag im Jahr eine Träne verdrücken können und sich gegenseitig wieder hoch und heilig schwören können: »Nie wieder Krieg.«

Anmerkungen

1 Zur Massenverachtung lesenswert ist Karin Priester: Linker und rechter Populismus. Frankfurt am Main/New York 2012

2 https://www.ruhrbarone.de/polemik-und-morddrohungen-erschuetternde-reaktionen-auf-gaza-kommentar/230373/

3 Vgl. Gerhard Hanloser: Sie warn die Antideutschesten der deutschen Linken. Münster 2004

4 Vgl. ausführlich Ingar Solty: Ukraine Is Betrayed By Its Friends Once More. In: Jacobin, 21.2.2025

5 Vgl. Ingar Solty: Der Krieg im Irak hat die Welt verändert – zum Schlechten. Rosa-Luxemburg-Stiftung (Online), 20.3.2023

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. Februar 2025 über die Versuche der US-Regierung, die Kontrolle über den Panamakanal zu erlangen: »Kein Spaß«.

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