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Aus: Ausgabe vom 04.04.2025, Seite 3 / Schwerpunkt
Unblock Cuba!

»Kubanische Wende hin zu erneuerbaren Energien«

Sozialistischer Inselstaat: Sechs Photovoltaikparks ans Netz gegangen. Ein Gespräch mit Dayana Rodríguez
Von Annuschka Eckhardt
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Die kubanische Regierung will 55 der geplanten 92 Solarparks noch in diesem Jahr ins Netz integrieren

Kuba geht große Schritte beim Aufbau erneuerbarer Energien. Vor wenigen Tagen wurden neue Photovoltaikparks ans Netz gebracht. Was können Sie uns berichten?

Alle sechs Photovoltaikparks, deren Fertigstellung für diesen März geplant war, sind nun bereits mit dem nationalen Elektrizitätssystem, kurz SEN, synchronisiert: Das betrifft den Solarpark in La Sabana in der Region Granma, Mango Dulce in Artemísa, Remedios in Villa Clara, La Corúa in Holguín, Jovellanos in Matanzas und Ciego Norte in Ciego de Ávila, so De la O Levy, um genau zu sein. Diese Parks kommen zu der Krankenpflegeschule in El Cotorro in Havanna und der Bürgermeisterei in Abreus, Cienfuegos, hinzu, die beide im Februar in Betrieb genommen wurden.

Die Solarparks werden von Ihren chinesischen Partnern zur Verfügung gestellt. Was genau ist noch geplant?

Die nationale Energiewendestrategie hat den Bau von 92 Solar-Photovoltaik-Parks mit einer jährlichen Gesamtleistung von 2.000 Megawatt beschlossen. Von diesen sollen 55 noch im Jahr 2025 für das SEN zur Verfügung stehen. Etwa 5.000 zusätzliche Photovoltaikanlagen wurden bereits in Auftrag gegeben und sollen bis 2025 nach Kuba kommen, um 2.781 Haushalte zu versorgen, die noch nicht elektrifiziert sind. Sie sollen auch die Situation der 2.219 Haushalte verbessern, die für eine begrenzte Anzahl von Stunden pro Tag über Notstromaggregate mit Elektrizität versorgt werden. Dank einer Spende ist das Projekt zur Installation von zusätzlichen 120 Megawatt in Solarparks im Gange, für die 10.500 Batterien verteilt werden, um Solarstrom zu speichern.

Natürlich müssen diese Einrichtungen auch gewartet und gepflegt werden. Wie und von wem werden kubanische Fachkräfte ausgebildet?

Die Regierung hat auch Maßnahmen geplant, um die Bedingungen für die Arbeiter des Sektors zu verbessern. Dazu sollen etwa Lohnerhöhungen erfolgen und der Wohnungsbau forciert werden.

Wie sieht es mit anderen, nachhaltigen Alternativen zu fossiler Energie aus?

Die kubanische Wende hin zu erneuerbaren Energien stützt sich nicht nur auf Photovoltaik. Die Regierung will in ihrer Energiestrategie auch auf andere erneuerbare Quellen zurückgreifen. Für den Windpark Herradura 1, der aufgrund eines Finanzierungsproblems zwischenzeitlich gestoppt werden musste, ist der Mindestplan inzwischen erfüllt. Die Zahlungen sind erfolgt, es gibt einen Zeitplan, so dass Bauteile verschifft und verbaut werden können. Energieminister Vicente de la O Levy hat angekündigt, dass der Bau von Herradura 1 bis Ende des Jahres abgeschlossen sein soll. Die Regierung will das Biokraftwerk Ciro Redondo, das derzeit von der Azcuba-Unternehmensgruppe der Zuckerindustrie betrieben wird, noch in diesem Jahr an Unión Eléctrica übergeben.

Das kubanische Stromnetz ist seit Monaten anfällig, weil die sieben Wärmekraftwerke aufgrund der US-Blockade seit Jahrzehnten nicht modernisiert werden können und immer wieder ausfallen. Was wäre nötig, um das Netz langfristig zu sanieren?

Das Programm der Regierung wurde entworfen, um das Netz so schnell wie möglich wiederzubeleben. Es entspricht den Anforderungen der Wirtschaft und der Bevölkerung und fokussiert sich mit erneuerbaren Energien auf den Übergang zur Energiesouveränität. Das Programm fokussiert sich hauptsächlich auf die Stromerzeugung aus thermoelektrischen Anlagen, die Brennstoff verbrauchen. Daneben soll die dezentrale Stromerzeugung wiederhergestellt und gestärkt werden. Dabei sollen konkrete, kurzfristige Maßnahmen erfolgen, aber auch strategische Vorhaben umgesetzt werden, um das System nachhaltiger zu gestalten. Daran sind mehrere Ministerien beteiligt.

Wie sehen diese Maßnahmen konkret aus?

Der Energiemix in Kuba wird aus den besagten Brennstoffen thermoelektrischer Anlagen, gefördertem Rohöl und Gas sowie erneuerbaren Energien zusammengesetzt. Zu den letztgenannten gehört nicht nur Photovoltaik, sondern auch die Stromerzeugung aus Zuckerrohrbiomasse und Windenergie. Es gibt sechs Arbeitsgruppen, die sich mit Finanz-, Bank- und Wirtschaftslösungen, der Brennstoffversorgung, den Außenbeziehungen des Sektors, erneuerbaren Energiequellen, der Effizienz und der Betreuung der Arbeiter befassen.

Überdies ist es notwendig, die zentralen Dieselmotoren zu reparieren, was sich allerdings seit 2020 sehr schwierig gestaltet und die Verfügbarkeit der dezentralen Stromerzeugung erheblich eingeschränkt hat. Minister O Levy hebt als positiven Aspekt hervor, dass sich diese Technologie schnell erholt, auch wenn sie durch das Kraftstoffdefizit und die schlechte Qualität des Kraftstoffs beeinträchtigt wurde.

Warum passiert das erst jetzt?

Bei der Instandsetzung der thermoelektrischen Anlagen kam es zu Verzögerungen, weil sich ausländische Unternehmen weigerten, ihre Handelsverträge mit Kuba aufrechtzuerhalten. Wir waren also gezwungen, andere Unternehmen und Hersteller hinzuzuziehen und in den Prozess zu integrieren. Außerdem sind die planmäßigen Wartungen der thermoelektrischen Erzeugungsanlagen deutlich komplexer geworden: Es ist nahezu unmöglich, Ersatzteile zu beschaffen. Man muss sich also auf den Erfindungsreichtum und die Innovationsfähigkeit der Beschäftigten der Empresa de Mantenimientos a Centrales Eléctricas verlassen, um diese Wartungen regelmäßig durchzuführen. Es ist auch wichtig, die Verfügbarkeit des Brennstoffbedarfs für diese Anlagen zu stabilisieren.

Die mobile Stromerzeugung (die sogenannten Patanas, jW) verzeichnet seit 2019 einen Wachstumstrend. Doch sie ist aufgrund von Zahlungsproblemen weniger verfügbar, wodurch 301 Megawatt an Leistung verlorengegangen sind. Derzeit gibt es nur noch zwei Patanas mit einer Leistung von 257 Megawatt. Ein Finanzierungsplan soll die Schulden bei dem türkischen Unternehmen begleichen, damit künftig die Stromnetze saniert und die Energiewende gefördert werden kann. So können wir mittelfristig eine stabile Versorgung gewährleisten, welche die Nachfrage nach acht Millionen Tonnen Brennstoff deckt, und Maßnahmen für eine rationelle Energienutzung durch die Verbraucher durchführen.

Wie will man mit dem Energieverbrauch des nichtstaatlichen Sektors umgehen?

Das Dekret zur rationellen Nutzung von Energie aus dem Jahr 2024 sieht vor, einen Stromverbrauchsplan zu erstellen, der auch Großverbraucher im nichtstaatlichen Sektor umfasst. Damit soll der Energieverbrauch in nichtstaatlichen Sektoren wie bei staatlichen Unternehmen kontrolliert werden. Dadurch lässt sich das Defizit verteilen, und die Auswirkungen auf die Bevölkerung lassen sich so gering wie möglich halten, solange die verfügbaren Erzeugungskapazitäten den Bedarf nicht decken können. Dieser Prozess hat mit der Erfassung des Bedarfs jedes Zentrums begonnen, und es ist geplant, dass am 1. Januar jeder seinen Energieplan hat, der monatlich von den Energieräten der Gemeinden und Provinzen überwacht wird.

Der Treibstoff für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr ist ein großes Problem. Viele Buslinien werden nicht mehr betrieben. Welche Lösungen sind geplant?

Der Verkehrssektor ist mit einem äußerst komplexen Szenario konfrontiert. Er ist für das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben des Landes elementar und wirkt sich direkt auf die Bevölkerung aus. Die Infrastruktur ist ebenso wie die Transportmittel in schlechtem Zustand, was sich durch die instabile Versorgung mit Treibstoff, Schmiermitteln und anderen notwendigen Dingen verstärkt hat. Das hat unmittelbare Folgen auf die Verfügbarkeit von Transportmöglichkeiten. Verkehrsminister Eduardo Rodríguez Dávila bestätigte in seinem Bericht auf der Jahrestagung des Verkehrsministeriums Anfang März, dass sich die verschärfte US-Blockade und die weltweite Wirtschaftskrise auch weiterhin negativ ausgewirkt haben.

Der Negativtrend im Personenverkehr auf der Straße, der Schiene, in der Luft und auf dem Wasser hält an. So stehen in der Hauptstadt 461 Busse still, was zu einem drastischen Rückgang der Zahl der Fahrten und der Fahrgäste pro Tag führt. Und das, obwohl etwa 70 Busse wieder in Betrieb genommen werden konnten. Die Situation der städtischen Busse ist sehr kompliziert, und es wird nun nach Alternativen und Möglichkeiten gesucht, um Reifen, Ersatzteile und andere Betriebsmittel zu beschaffen. Dadurch soll die Instandsetzung Dutzender stillgelegter Fahrzeuge ermöglicht werden.

Und die Wasserversorgung?

Das Solarpumpenprogramm hat ebenfalls Vorrang, um die Wasserversorgung der Bevölkerung, der Landwirtschaft und der Wirtschaft im allgemeinen zu gewährleisten. Die Installation von 950 Pumpstationen sollte bis 2024 abgeschlossen sein, 965 sind für 2025 geplant.

Auch Länder wie Panama, Chile, Ecuador und die Dominikanische Republik sind von flächendeckenden Stromausfällen betroffen. Warum instrumentalisieren die westlichen Medien nur die kubanischen Stromausfälle?

Es besteht die eindeutige Absicht, diese negativen Aspekte als Beweis für die Unfähigkeit der Regierung und des Projekts zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft darzustellen. Es soll der Eindruck vermittelt werden, diese sei nicht zur Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung imstande. So behaupten sie auch, es gebe weit verbreitete Unzufriedenheit in der Bevölkerung mit dem vom Volk selbst beschlossenen Verfassungssystem und eine abnehmende Unterstützung der Bevölkerung für das kubanische Projekt insgesamt.

Werden sich die Kubaner in diesem Sommer auf die Solarenergie für Ventilatoren und Klimaanlagen verlassen können?

Kuba soll planmäßig ab Juni 2025 über genügend Megawatt an photovoltaischer Solarenergie verfügen, um den Bedarf während der Tageslichtstunden zu decken. Ab Juni sollen die Stromsperren also deutlich verringert werden. Dadurch hoffen wir, das Jahr 2026 mit einer spürbaren und beträchtlichen Erholung beginnen zu können.

Dayana Rodríguez ist Botschaftsrätin für Presse, Kultur und Sport der kubanischen Botschaft in Berlin

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