Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Auschwitz, Beilage der jW vom 25.01.2025
Auschwitz

Gaskammern und Gänseleber

»Normalität« und häusliche Idylle in Auschwitz, der Stadt neben dem Konzentrationslager
Von Rudolf Stumberger
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Lagerbaracken in Auschwitz

Wenn am 27. Januar 2025 im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz des 80. Jahrestages der Befreiung des Lagers durch die Soldaten der Roten Armee gedacht wird, ist die eine entscheidende Frage noch immer aktuell: Wie konnte es geschehen? Wie konnten derart monströse Verbrechen gegen die Menschheit zur »Normalität« werden? Wie war es möglich, dass in Nachbarschaft des Lagers mit den Gaskammern, Hungerbunkern, Sammelgalgen und mehreren zehntausend dahinvegetierenden Häftlingen man zu Silvester 1943/44 im »Ratshof« am Marktplatz von Auschwitz ein rauschendes Fest feierte: mit Gänseleber und Ochsenschwanzsuppe, Karpfen blau in Gelee, Sekt und Pfannkuchen, Hasenbraten und Heringssalat, es spielte eine Tanzkapelle. Die Stadt Auschwitz sollte zu einer »deutschen Musterstadt« werden, so die Pläne der Nazis. Besuch an einem Ort, an dem das Grauen zur Normalität wurde.

Das Stammlager Auschwitz wurde im Frühjahr 1940 von der SS auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne errichtet, später sollten Auschwitz-Birkenau und das Lager Monowitz in Nachbarschaft zur Buna-Fabrik der IG Farben hinzukommen. Für das Stammlager wurden 28 der Steinbaracken sowie ein Küchentrakt mit einem elektrisch geladenen, doppelten Stacheldrahtzaun umgeben. In seinen während der Haft angefertigten Aufzeichnungen klagt Lagerkommandant Rudolf Höß über den Aufbau des Lagers: » … ich wußte noch nicht, wo ich auch nur 100 m Stacheldraht herbekommen sollte. In Gleiwitz lagen Berge von Stacheldraht im Pionierdepot am Hafen. Doch ich konnte nichts davon erhalten, da beim höheren Pionierstab in Berlin erst die Freigabe erwirkt werden musste … So musste ich mir eben den dringendst benötigten Stacheldraht zusammenstehlen.«[1] Im Osten dieses umzäunten Rechtecks befanden sich weitere drei Steinbaracken, hier war die Lagerverwaltung untergebracht, die dritte Baracke am Ende der Straße war die Kommandantur. Hier herrschte Höß von 1940 bis 1943. Wenn er aus der Tür seiner Kommandantur trat, musste er nur ein paar Schritte bis zu seiner Villa gehen, in der er mit seiner Frau und fünf Kindern wohnte. Der Kinofilm »The Zone of Interest« hat dieses Familienleben auf die Leinwand gebracht: die spielenden Kinder im Garten der Villa und die emsige Haus- und Ehefrau, die sich um die Blumen kümmert, der spät von der »Arbeit« nach Hause kommende Lagerkommandant. Und nur ein paar Schritte entfernt der tödliche Stacheldrahtzaun. Der Titel des Films spielt übrigens auf das von der SS für das KZ beschlagnahmte Interessengebiet an, aus dem die ansässige Bevölkerung vertrieben wurde.

In den Debatten über das Naziregime schien immer wieder die Verwunderung auf, dass die Täter, die für Grausamkeiten und Massenmorde verantwortlich waren, gleichzeitig zu Hause treusorgende Ehemänner und Väter sein konnten, mit klassischer humanistischer Bildung und Kunstinteresse. Höß beschreibt sich in seinen Aufzeichnungen in der Haft (er wurde im Mai 1946 nach Polen ausgeliefert) zwar als harten Kerl, der aber auch empfindsam war: Als »gutgläubiger« Mensch sei er von seinen Untergebenen im Lager »enttäuscht« gewesen, habe sich immer mehr in sich zurückgezogen, aus Mangel an Zeit habe er sich nur um den Aufbau des Lagers kümmern können, nicht um die Häftlinge. Diese musste er »unerfreulichen Gestalten« überlassen, die schlimmen Zustände im Lager seien auf die »unfähigen« Mitarbeiter zurückzuführen. Er habe darauf gesetzt, beim Aufbau von Auschwitz die Häftlinge »besser unterzubringen und besser verpflegen zu können als in den alten Lagern«. Nicht Grausamkeit oder Perversion sind bei Höß die treibende Kraft, sondern der autoritätshörige Wille, den Anforderungen »von oben« Genüge zu tun. Bei ihm wird das Nebeneinander von Massenmord und Familienleben, wie auch bei den rund 7.000 SS-Angehörigen, die im Lager bis Januar 1945 tätig gewesen waren, zur Normalität. Die Erklärung dafür ist einfach: »Ich bin nach wie vor Nationalsozialist«, schrieb Höß 1946. Es ist der Rassenwahn der Nazis, in dem die Vernichtung »unwerten Lebens«, die Ausrottung der Juden und der slawischen »Untermenschen« zum »normalen« Alltag gehören.

Wohnte Höß mit seiner Familie in direkter Nachbarschaft zum Lager, lebten die Angehörigen der SS-Wachmannschaften in modernen Bauten in eigenen SS-Siedlungen. Und auch hier waren Massenmord und Wohlanständigkeit nicht Pole eines Gegensatzpaares, sondern »eng miteinander verwoben«, wie es die Historikerin Sybille Steinbacher beschreibt.[2] Auschwitz – die Stadt – sollte nach der Vorstellung der faschistischen Raumplaner eine zentrale Rolle bei der »Germanisierung« der Region einnehmen und zur deutschen »Musterstadt« werden. Die Stadt wurde zum Ideal ökonomischer Erschließung und rassischer Auslese, zum »Zukunftsmodell« der deutschen Herrschaft: »Mit brachialer Gewalt wurde die Verzahnung von Industrialisierung, Stadtverschönerung und Bevölkerungsumstrukturierung vorangetrieben«, so die Historikerin.[3]

Dabei galt Auschwitz zunächst als Problemgebiet, was eine »Eindeutschung« anbelangte, denn hier lebte eine fast ausschließlich polnische und jüdische Bevölkerung, »rassisch minderwertig« aus Sicht der Nazis. Auschwitz zählte im September 1939 rund 14.000 Bewohner, davon an die 8.000 Juden. Eine deutsche Minderheit existierte nicht, ebensowenig wie deutsche Schulen, Kirchen oder Zeitungen. Im Frühjahr 1940 war Auschwitz wegen der Vertreibung aus anderen Landesteilen, die »eingedeutscht« werden sollten, gar zu einer der größten jüdischen Gemeinden in der Region angewachsen. Die Menschen dort mussten zusammengepfercht in der Altstadt leben, kontrolliert von deutschen Wachleuten. Im Frühjahr 1941 änderte sich die Bedeutung der Stadt im Rahmen der faschistischen »Germanisierungspolitik«. Grund dafür war die geplante Errichtung des IG-Farben-Werks – mit Kosten von 600 Millionen Reichsmark eines der teuersten Investitionsprojekte der Nazis im Zweiten Weltkrieg. Das Werk im Osten der Stadt sollte Buna produzieren, das war ein künstlich aus Kohle hergestellter Kautschuk, der für die Rüstungsindustrie benötigt wurde. Die Arbeitskräfte dafür sollte das Konzentrationslager stellen, aber es sollten im großen Maße auch reichsdeutsche Arbeiter nach Auschwitz kommen, was zu einem Zusammenspiel von Industrialisierung und Bevölkerungsaustausch im Rahmen der »Germanisierung« führte.

Dazu musste erst einmal die ansässige Bevölkerung vertrieben werden. Im April 1941 setzte der Abtransport der jüdischen Bevölkerung ein, sie wurden mit Zügen zu Großsammelstellen in 30 Kilometer Entfernung gebracht, bei diesen Deportationen spielte das KZ noch keine Rolle. Jüdische Bethäuser wurden zu Lagerräumen umfunktioniert, die 700 Jahre alte Geschichte der jüdischen Gemeinde in Auschwitz war zu Ende. Aber auch die polnische Bevölkerung war von Vertreibung bedroht, wenn sie nicht mehr für den Bau des Buna-Werkes gebraucht wurde. Gemäß der »Deutschen Volksliste« wurden die Polen nach dem Grad ihrer rassischen »Ein-« beziehungsweise »Rückdeutschungsfähigkeit« eingestuft, was weitreichende soziale Folgen hatte.

Aufgrund der Deportationen war die Stadt Auschwitz im Frühjahr 1941 zur Hälfte entvölkert, jetzt lebten hier knapp 7.600 Einwohner, 90 Prozent davon Polen. Nun ging es der Werksleitung und den Planungsbehörden um die Verbesserung der Wohnbedingungen und kulturelle Aufwertung, um reichsdeutsche Arbeitskräfte anzulocken. Für die Finanzierung des Aufbaus der »Siedlungsmusterstadt« Auschwitz stellten die Reichsministerien große Summen an Geld zur Verfügung. Dieses Geld floss auch in den kommenden Kriegsjahren, als andere Bauvorhaben längst gestrichen worden waren. Die Planung sah ursprünglich vor, 1.600 »Volkswohnungen« zu errichten, mit einer Größe zwischen 60 und 90 Quadratmetern. Außerdem sollten Einfamilien- und Doppelhäuser gebaut werden, alles mit modernstem Komfort wie Zentralheizung und Warmwasserversorgung. Die Planung geriet maßlos: Für eine Prachtstraße vom Bahnhof zum Buna-Werk quer durch die Altstadt sollte die katholische Pfarrkirche abgerissen werden. Neben monumentalen Gemeinschaftsbauten, Parteigebäuden und Feierabendhäusern sollten für die deutsche Bevölkerung zwölf Schulen, sechs Kindertagesstätten, 20 Spielplätze sowie Schwimmbäder und Sportplätze angelegt werden. Das Konzentrationslager in der nahen Nachbarschaft störte bei dieser Planung nicht. Bis Oktober 1943 hatten mehr als 6.000 Reichsdeutsche ihren Wohnsitz nach Auschwitz verlegt, die meisten davon Arbeiter und Angestellte des Buna-Werkes. Die Massenvernichtung im Konzentrationslager konnte man in der Stadt durch den süßlichen Gestank verbrannten Fleisches riechen, und es waren die Angehörigen der Reichsbahn, die wussten, was mit den Güterzügen aus ganz Europa in das Lager transportiert wurde. Wie ging die Bevölkerung von Auschwitz damit um? Wegschauen war die Devise der meisten: »Indifferenz war vielfach zu beobachten«, so die Historikerin Steinbacher, Proteste gab es keine, »kennzeichnend war vielmehr Tatenlosigkeit«.

Gesichertes Wissen über die Verbrechen im Konzentrationslager herrschte innerhalb der SS. Im März 1941 zählten die SS-Wachverbände 700 Personen, im Juni 1942 waren es bereits an die 2.000. Im August 1944 war ihre Zahl auf 3.300 gestiegen. Von 1940 bis 1945 waren insgesamt 7.000 SS-Angehörige im Konzentrationslager Auschwitz tätig. Die SS-Siedlung nahm bald die Ausmaße eines eigenen Viertels an, viele Bräute und Ehefrauen mit Kindern folgten ihren Männern. Im modern ausgebauten Viertel gab es Kindergärten, Schulen, eine Bibliothek, ein Schwimmbad und Arztpraxen. Für die SS-Familien gab es Unterhaltungsprogramme, in einem Theatergebäude wurden Schwänke und Komödien gezeigt, im Februar 1943 präsentierte das Staatstheater Dresden ein Programm mit dem Titel »Goethe einst und jetzt«. In den Haushalten und in den Gärten arbeiteten Häftlinge des Konzentrationslagers als Dienstboten.

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Elektrozäune des Lagers Auschwitz

In der Siedlung lebten etwa die »gefestigte Nationalsozialistin« Cläre mit ihrem Ehemann, dem SS-Arzt Bruno Kitt, der bei den Selektionen an der Rampe dabei war. Beide »arbeiteten« im Lager, sie mochte Blumen und liebte Hunde. SS-Hauptsturmführer Kitt wurde von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet, seine Frau legte Wert auf die Feststellung, von der Menschenvernichtung nichts gewusst zu haben. Dort lebte auch SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch, 1. Schutzhaftlagerführer. Zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern bewohnte er die erste Etage einer Villa mit Küche, vier Zimmern und einer verglasten Veranda, die Gartenarbeit verrichtete ein von einem SS-Mann bewachtes Häftlingskommando.[4]

Die häusliche Idylle der SS-Familien neben dem Konzentrationslager Auschwitz sieht Gudrun Schwarz, Autorin eines Buches über die SS-Ehefrauen, als hilfreich für das Funktionieren der Männer an: »Einen Rest an Unrechtsbewußtsein oder Unbehagen, den die Männer bei ihrer ›Arbeit‹ bewahrt haben mochten, beschwichtigte die Ehefrau, indem sie einen häuslichen Rahmen schuf.«[5] Das Nebeneinander von Familienleben und tausendfachem Verbrechen wurde nicht als monströse Erfahrung erlebt, sondern war eine funktionale Einheit. Sowohl in der deutschen Zivilbevölkerung von Auschwitz wie auch bei den SS-Familien bildete die Klammer zwischen diesen beiden Welten der Rassenwahn der Nazis, der zwischen höherwertigem und unwertem Leben unterschied und daraus eine neue Normalität konstruierte. Dass aber auch der SS letztlich die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz bewusst war, zeigen die am Ende unternommenen Versuche der Vertuschung des Geschehenen. 90 Prozent der Akten der Lagerverwaltung wurden vernichtet, die Gaskammern gesprengt, bevor die Rote Armee am 27. Januar das Lager befreite.

1 Rudolf Höß: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. Stuttgart 1963, S. 95

2 Sybille Steinbacher: »Musterstadt« Auschwitz. München 2000

3 Sybille Steinbacher: Auschwitz. München 2004

4 Gudrun Schwarz: Eine Frau an seiner Seite. Hamburg 1997, S. 160

5 Ebenda, S. 169

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