Löwen auf Eis
Von Peer Schmitt
»Mufasa: Der König der Löwen«, Regie: Barry Jenkins, USA 2024, 118 Min., bereits angelaufen
Das Wesen der Geschichte ist die Tautologie. Schließlich, man bekommt es sogar ausdrücklich mitgeteilt, bedeutet »Mufasa« bereits »König«. Über den König sollst du sagen, dass er der König ist, nicht mehr. Obgleich sich dieser König dadurch besonders auszeichnet, dass er keiner werden will, was ihn für den Posten um so geeigneter macht usw. Ein Superlöwe, den das Schicksal, die Legende, geschickt hat. Ein Löwe der Meritokratie, kein Tropfen adliges Blut in ihm.
Die Legende wird auch als ebensolche präsentiert. Die Zauberer- und Erzählerfigur, der Mandrill Rafiki, erzählt Simbas Tochter Kiara die Geschichte des Großvaters, der die Dynastie begründet. Die Legende nun berichtet, wie der zukünftige König als Kleinlöwe von einer Sturmflut an einen anderen Löwenhof gespült wird, wo er unter der Obhut der Oberlöwin Eshe aufwächst, quasi als Stiefbruder des späteren Scar, gerade einmal toleriert vom dortigen König Obasi. Das Sozialmodell Löwenrudel ist darauf ausgerichtet, dass das Alphamännchen die Fortpflanzung aller anderen Männchen zu verhindern versucht. Der neue Superlöwe aber wächst unter den Weibchen auf und erlernt überlegene »weibliche« Fähigkeiten, die ihn prädestinieren. Das Exil des jungen Mufasa wird nun von einem Rudel weißer Löwen – The Outsiders – überfallen. Die allegorische Ebene des Überfalls »von außen« ist so vage, dass jeder hineinlesen kann, was er möchte. Allerdings wird der König der Outsiders, Kiros, von einer »weißen« Stimme gesprochen. Es ist die von Mads Mikkelsen. So gut wie alle tragenden Rollen werden in der Originalfassung ansonsten von schwarzen Schauspielern gesprochen und gesungen. Kiros hat eine schlichte und effektive Philosophie. Sie lautet »Bye Bye« (für alle anderen). Mufasa und Taka fliehen nicht ohne Grund.
Um die fotorealistische Landschaftstapete mit bombastischen Panoramafahrten über weite Täler und reißende Flüsse, Antilopenherden, Giraffen und Elefanten zu versorgen, hat Disney Barry Jenkins engagiert, den Regisseur der »blackness« in Hollywood (»Moonlight«, »Beale Street«). Auch er schafft es nicht, die Löwen unverwechselbarer zu machen. Ein Element ist dann doch überraschend: Diese Löwen leben im Verlauf des Films vornehmlich im Wasser. Im flüssigen wie im festen Aggregatzustand. Sie werden von den Fluten fort- und angespült, stehen im Regen, stapfen im Schnee, erklimmen Gletscher, ersaufen in unterirdischen Tiefen. Ein durchaus neues Bild von Lebensraum und Berufsprofil der Löwensippe: Es sind Wasserbewohner, die Seemannsgarn spinnen, Wesen der Erzählung.
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