Das Grab zur Mumie
Von Felix Bartels
»Wer zu herrschen gewohnt ist, wer’s hergebracht hat, dass jeden Tag das Schicksal von Tausenden in seiner Hand liegt, steigt vom Throne wie ins Grab. Aber besser so, als einem Gespenste gleich unter den Lebenden bleiben und mit hohlem Ansehn einen Platz behaupten wollen, den ihm ein anderer abgeerbt hat und nun besitzt und genießt.« Was Goethe die Regentin im »Egmont« sprechen lässt, fängt das giftige Verhältnis der Lebenden zu den Toten ein, gesteigert zumal, sofern Politik im Spiel ist.
Der Sinn eines jeden Begräbnisses liegt darin, das Tote aus dem Leben zu stoßen, indem man es im Leben hält. Oder, was dasselbe wäre, das Tote im Leben zu halten, indem man es aus dem Leben stößt. Tod bedeutet physische Abwesenheit, Grab physische Anwesenheit. Das Grab ist an- und abwesend zugleich, man verbringt den toten Körper unter die Erde, trennt ihn durch Mauern vom Leben ab, er soll da und zugleich nicht da sein. Dabei bleibt es dem Urteilenden überlassen, ob hier die Toten vor den Lebenden oder die Lebenden vor den Toten geschützt werden sollen. Zumindest empirisch kommt der Tatbestand der Geisterwanderung seltener vor als der der Grabschändung. Letztere ist in ihrer gesitteten Form, der Archäologie, sogar akzeptiert. Sie hat die Aufgabe, das physisch werden zu lassen, von dem es bloß Nachricht gibt. So wie man von sechs der sieben Weltwunder nur weiß, dass es sie gegeben hat, verdrießt den Archäologen, nur zu wissen, dass ein Pharao lebte und regierte, aber nicht zu wissen, wo er heute liegt.
Die goldene Periode der Archäologen, jene Zeit, in der fortlaufend neue alte Gräber entdeckt und entschlüsselt wurden, ist lange vorbei. Als der britische Grabkundler Howard Carter im Jahr 1922 im Tal der Könige nahe der südägyptischen Stadt Luxor das damals ungebrochene Grab des Pharaos Tutanch-amun entdeckte, war das gewiss eine Sensation und dennoch fast alltäglich. In eben jenem Tal der Könige nun, wo sich zahlreiche Gräber von Pharaonen befinden – aus der 18. bis 20. Dynastie etwa von 1550 bis 1069 vor unserer Zeitrechnung, mit klangvollen Namen wie Thutmosis I., Thutmosis III. oder Ramses I. –, hat es nun einen weiteren Fund gegeben. Es geht um das bislang nicht bekannte Grab des Pharaos Thutmosis II.
In der Tat markiert die Identifikation der fast 3.500 Jahre alten Ruhestätte von Thutmosis II. durch eine Gruppe ägyptischer und britische Forscher die erste Entdeckung eines Pharaonengrabs seit mehr als hundert Jahren. Wie das ägyptische Ministerium für Altertümer mitteilte, wurde die Kammer in der Nähe des Tals der Könige gefunden, in einem Seitenarm des Tals. Der in den Bergen von Luxor gelegene Eingang zum Grab Thutmosis II. war allerdings schon 2022 vom britischen Archäologen Piers Litherland entdeckt worden, damals gingen Archäologen noch davon aus, dass die Stätte für eine Königin gebaut worden sei. Die Forscher sollen dann jedoch »Fragmente von Alabasterkrügen« gefunden haben, die mit dem Namen »Thutmosis II.« versehen sind, der als »verstorbener König« bezeichnet wurde, teilte das Ministerium weiterhin mit. Zudem sei auf Inschriften der Name von Thutmosis’ Frau und Halbschwester, der Pharaonin Hatschepsut, zu lesen gewesen. Das Paar hat das Reich gemeinsam regiert. Thutmosis II., ein Vorfahre zudem des berühmten Tutenchamun, war ein Pharao der 18. Pharaonendynastie, sein Grab war das letzte noch fehlende der 18. Dynastie. Als Sohn von Thutmosis I. trat er im Jahr 1492 vor unserer Zeitrechnung dessen Nachfolge an, starb aber bereits im Jahr 1479. Seine Mumie ist vor fast 200 Jahren gefunden worden, an einem anderen Ort.
Da sich im nunmehr entdeckten Grab weder die Mumie noch Goldschmuck noch andere wertvolle Gegenstände befanden, gehen die Forscher davon aus, dass die Ruhestätte bereits in der Antike gefunden und geplündert wurde. Zudem sei das Grab, hieß es seitens des Ministeriums, in schlechtem Zustand. Offenbar ist die Grabkammer kurz nach der Bestattung des Königs geflutet gewesen, worauf Beschädigungen im Innenraum hinweisen. Dadurch allerdings seien Gipsfragmente hinterlassen worden, die laut Ministerium Teile des Buches »Amduat« enthalten, eines Buches über die Unterwelt der Toten. Inschriften aus »Amduat« waren traditionellerweise ägyptischen Königsgräbern vorbehalten. »Teile der Decke waren noch intakt: Sie war blau bemalt mit gelben Sternen darauf«, sagte Litherland gegenüber BBC. Zudem sollen die Forscher in Thutmosis’ Grab erstmals Möbel eines Pharaos entdeckt haben.
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