»Ein Vorteil ist: Wir sind verankert«
Interview: Marc Bebenroth
Eine Woche nach der Bundestagswahl wird in Hamburg die Bürgerschaft neu gewählt. Wie ist die politische Lage in der »rot-grünen« Hansestadt?
Seit der Gründung der BRD ist Hamburg in der Regel SPD-regiert. Die Menschen, denen wir im Wahlkampf begegnen, sind ziemlich frustriert. Ich war selbst erstaunt, wie viel Ablehnung gegenüber den Parteien es gibt. Die Leute haben keine Lust mehr auf die.
Was sagen sie Ihnen?
Den Menschen drückt der Schuh. Seit Jahren schon, vor allem aber seit der Coronazeit und dem Ukraine-Krieg, sind Mieten nicht mehr bezahlbar. Die Heizkosten sind enorm gestiegen. Vorher ging eine drei- oder vierköpfige Familie in der Woche für 100 oder 150 Euro einkaufen. Jetzt müssen sie doppelt so viel zahlen. Immer mehr Menschen brauchen dringend eine Wohnung, finden aber keine. So müssen hier Großfamilien auf viel zu wenig Quadratmetern leben. Und auf der Straße ist die Obdachlosigkeit nicht zu übersehen. Vor gut zwei Jahren waren 2.000 Menschen in Hamburg obdachlos, jetzt sind es fast 4.000. Auch die Arbeitslosigkeit ist zuletzt wieder gestiegen. Die Einkommen mögen nominell höher sein, aber die Lebenshaltungskosten sind es um so mehr. Am Ende ist das ein Minusgeschäft für die Menschen hier. Das ist das größte Problem in den Vierteln, wo ich mich bewege.
Was könnte ein neuer Senat dagegen tun?
Der aktuelle Senat hat immer mehr Investoren beim Wohnungsbau reingeholt, anstatt dass die Stadt mehrheitlich selber baut. Wir fordern, sich an Wien zu orientieren. Die österreichische Hauptstadt baut zum Großteil selbst, hat viele Wohnungen im kommunalen Eigentum und die liegen in einer Preisklasse, die sich jeder leisten kann. Für Rentnerinnen und Rentner fordern wir kostenfreien ÖPNV, für Kinder ein kostenloses und warmes Mittagessen an den Schulen. Dort braucht es auch mehr Personal, mehr Psychologen und Sozialarbeiter. Für die Kitas gilt das Gleiche. Hier kann der Senat sehr viel mehr machen.
Sie treten im Wahlkreis 2 an. Dieser umfasst die Stadtteile Billstedt, Mümmelmannsberg, Wilhelmsburg, Veddel, Rothenburgsort und Finkenwerder. Wer ist dort zu Hause?
Die Mehrheit der Menschen in meinem Wahlkreis sind Arbeiter, die auch im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Wir versuchen hier, mit Sozialberatung und Unterstützung vor Ort, mit Veranstaltungen und durch Aufklärung zu erreichen, dass Menschen sich organisieren. Nur so können sie erreichen, dass sich etwas an ihrer Lage verbessert.
Worin unterscheiden Sie sich von Parteien wie Die Linke, Mera 25 oder BSW?
Wir sagen: Wir wollen nicht für euch etwas machen, sondern gemeinsam mit euch. Wir achten darauf, dass wir vor Ort verankert sind. Ich habe in der Linkspartei jahrelang dafür gestritten, Büros in den Arbeitervierteln zu eröffnen. Als einen Ort, wo wir Menschen unterstützen und mit ihnen gemeinsam die politische Arbeit organisieren können. Ich habe damals auch vorgeschlagen, Haustürwahlkampf und vor Ort Aktionen zu machen. Aber ich wurde belächelt. Heute macht Die Linke auch Haustürwahlkampf.
Welche Chancen rechnen Sie sich für Sonntag aus?
Wir sind sehr neu, das ist ein Nachteil für uns. Aber ein Vorteil ist: Wir sind verankert. Wir bekommen sehr viel positive Rückmeldungen wie »Ich will keine Partei mehr wählen, sondern ich möchte euch wählen«. Zu unseren Veranstaltungen kommen zwischen 50 und 200 Leute. Wir haben sehr gute Chancen, in die Bürgerschaft hineinzukommen. Damit die Arbeiter und die Jugend eine Stimme bekommen.
Wie steht es um das Ziel, Hamburgs Hafen zu einem ohne Rüstung und Krieg zu machen?
Wir hatten die entsprechende Initiative gestartet. Leider wurde sie vom Landesverfassungsgericht gestoppt. Aber wir halten an der Forderung fest. Nach der Wahl wollen wir zusammentreten und über weitere Pläne sprechen. Unsere Wählervereinigung will erreichen, dass über den Hafen kein Kriegsmaterial mehr verschifft wird. Er soll ein ziviler Hafen werden.
Mehmet Yıldız ist gelernter Elektriker, fraktionsloses Mitglied der Hamburger Bürgerschaft und kandidiert für die Wahl am Sonntag auf der Liste der von ihm mitgegründeten Wählervereinigung »Die Wahl für Frieden und soziale Gerechtigkeit« (Die Wahl – WFG)
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