Rufzeichen »Schnitzel«
Von Susann Witt-Stahl
Relevante Fakten zum Besuch von Vertretern des internationalen Bataillons der 12. Spezialbrigade »Asow« der ukrainischen Nationalgarde vergangene Woche in Berlin und Brandenburg werden weiterhin verschleiert. Fotos, die mittlerweile aufgetaucht sind, lassen vermuten, dass rund zehn Personen entsendet wurden – darunter auch Angehörige anderer »Asow«-Bataillone. Organisiert wurde der als »Geschäftsreise« deklarierte Aufenthalt laut eigenen Angaben von der »Azov One Foundation«, der Fundraiser-Einheit der Neonazibrigade, und von der International Alliance for Human Ressources Readiness (IAHRR). Die NGO ist zwar seit Juli 2024 in Kiew registriert, aber zumindest ihre Vorsitzende ist in München ansässig. Dort haben sie und ihre Mitstreiter unter dem Motto »Alles für die Front – alles für die Ukraine!« Initiativen zur Unterstützung von »Asow« und anderen Einheiten gestartet. Nennenswerte Projekte oder andere Aktivitäten von IAHRR sind allerdings bisher nicht öffentlich bekannt – ein Indiz dafür, dass die NGO eine Fassadenstruktur von »Asow« in Deutschland sein könnte.
Der Auftritt der Delegation des Bataillons, das sich gegenwärtig im Aufbau befindet, sowie anderer »Asow«-Krieger in Berlin soll im Rahmen eines »Wohltätigkeits- und Informationsforums« stattgefunden haben. Zweck sei gewesen, »Repräsentanten des deutschen Verteidigungssektors über ›Asows‹ Rolle bei der Abwehr der russischen Aggression« zu unterrichten und Gelder für das neue Bataillon zu akquirieren. Wo die Veranstaltung stattgefunden hat und wer von deutscher Seite teilgenommen hat, wird bislang nicht mitgeteilt.
Angeführt wurde die »Asow«-Delegation vom Kommandeur des internationalen Bataillons, Jurij Tschech. Mit dabei war auch João Galveias aus Portugal, ein ehemaliger Instrukteur der European Security Academy. Das private Militärunternehmen betreibt in Polen das größte »Sicherheits«-Trainingszentrum Europas und hat seinen Sitz in Wrocław – das auch die zweite Station der »Asow«-Reise war.
Mittlerweile konnte auch der deutsche »Asow«-Angehörige, der in der Bild-Videoreportage als »Peter R.« vorgestellt wurde, identifiziert werden: Er heißt Peter Talos – Rufzeichen »Schnitzel«. Der Ex-Bundeswehr-Soldat aus Riesa war im Zivilleben Kellner. Laut eigenen Angaben ist er nach Beginn der russischen Invasion in die Ukraine gegangen und hat sich 2023 »Asow« angeschlossen. Talos betont in PR-Interviews, dass die Truppe nichts anderes als eine Elitekampfeinheit ohne politische Mission sei – eine Behauptung, die schon dadurch widerlegt wird, dass die Angehörigen, wie »Asow«-Kanälen zu entnehmen ist, weltanschauliche Unterweisung bekommen. Wenn »Schnitzel« einmal nicht den »Freedom Fighter« für europäische Werte gibt, dann möchte er seine Hassobjekte zu Hackfleisch verarbeiten. »Manchmal wünschte ich, wir könnten dasselbe mit der Stirn von Z- und Russki-Fanboys außerhalb Russlands tun«, spielte Talos auf seinem X-Kanal auf die Blutorgien in dem Tarantino-Film »Inglourious Basterds« an.
Spätestens solche Gewaltphantasien sowie die Tatsache, dass die »Asow«-Kämpfer bei ihrem Gastspiel in Felduniform aufgetreten sind – zumindest einzelne auch mit dem nazistischen »Wolfsangel«-Verbandskennzeichen, wie Bilder belegen –, hätten Sicherheitsbehörden auf den Plan rufen sollen. Aber die Reaktionen auf einen jW-Fragenkatalog zeugen von Desinteresse: Dem Bundesinnenministerium liegen angeblich nicht einmal Erkenntnisse darüber vor, ob der Aufenthalt mit Wissen der Regierung stattgefunden hat. Eine Sprecherin verwies auf die Zuständigkeit der Länder. »Der Landesregierung ist bzw. war der von Ihnen genannte Besuch nicht bekannt«, heißt es lapidar aus Brandenburg. Die aussagekräftigste Stellungnahme kam von der Berliner Senatsverwaltung für Inneres: Schweigen.
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