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Aus: Ausgabe vom 03.03.2025, Seite 1 / Titel
Ukraine-Krieg

Jenseits von Washington

Nach Eklat im Weißen Haus: Europäische Staaten wollen Plan für Waffenstillstand im Ukraine-Krieg erarbeiten und kündigen »Koalition der Willigen« an
Von Jörg Kronauer
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In der Downing Street Nummer 10 brennt noch Licht. Keir Starmer empfängt Wolodimir Selenskij

Der britische Premierminister Keir Starmer hat vor dem Ukrai­ne-Gipfel am Sonntag in London eine »europäische« Initiative zur Beendigung des Ukraine-Kriegs angekündigt. Wie Starmer im Gespräch mit der BBC erklärte, würden Großbritannien, Frankreich »und möglicherweise ein oder zwei andere Staaten« gemeinsam mit der Ukraine einen Plan für einen Waffenstillstand erarbeiten. Dieser solle anschließend den USA vorgelegt werden. Um Kiew für den Fall eines Friedensabkommens die erhofften Sicherheitsgarantien zu bieten, wollten London und Paris eine »Koalition der Willigen« schmieden. Starmer sowie der französische Präsident Emmanuel Macron hatten sich bereits zuvor grundsätzlich zu einer Entsendung von Truppen in die Ukraine zur Sicherung eines Waffenstillstands bereiterklärt. Näheres wurde auf dem Londoner Gipfel besprochen, zu dem Starmer den ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij und die Staats- und Regierungschefs aus über einem Dutzend NATO-Staaten geladen hatte, darunter Bundeskanzler Olaf Scholz.

Der – allerdings schon vorher geplante – Londoner Gipfel folgte auf den Eklat zwischen US-Präsident Donald Trump, Vizepräsident J. D. Vance und Selenskij am Freitag im Weißen Haus. Trump hatte Selenskij vorgeworfen, nicht zu einem Waffenstillstand bereit zu sein und damit nicht nur »das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel« zu setzen, sondern auch »einen dritten Weltkrieg« zu riskieren. Im Anschluss daran uferte die vor Vertretern internationaler Medien geführte Diskussion in wildes Gebrüll aus, wobei Trump und Vance dazu übergingen, Selenskij offen zu demütigen. Die vorher angekündigte Unterzeichnung eines Rohstoffdeals zwischen Kiew und Washington blieb aus.

Daraufhin hatte Starmer bereits am Sonnabend Selenskij mit einer demonstrativen Umarmung an seinem Amtssitz in der Downing Street begrüßt. Für Sonntag war zudem ein Empfang für Selenskij bei König Charles III. angekündigt. Während Außenpolitikspezialisten und Medien über einen kaum noch zu kittenden Bruch in den transatlantischen Beziehungen spekulierten, äußerte Starmer am Sonntag, einen solchen Bruch gelte es unbedingt zu vermeiden. Für London, das enge Beziehungen sowohl auf den europäischen Kontinent als auch zu den USA unterhält, wäre er fatal. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die Trump politisch nahesteht, erklärte am Sonntag bei einem Gespräch mit Starmer, Großbritannien und Italien könnten beim Bestreben, zwischen »Europa« sowie den USA »Brücken zu bauen«, eine »Schlüsselrolle« spielen.

Ein derartiger Brückenbau gilt auch anderen als erforderlich, da ohne US-Unterstützung – etwa mit Satelliten – die Ukraine, aber auch die NATO-Staaten Europas militärisch nur stark eingeschränkt handlungsfähig wären. Im Hinblick darauf sollte der Londoner Gipfel auch die Debatte über eine gewaltige Aufrüstung vorantreiben. »Europa« sei »ein Riese, der erwacht ist«, erklärte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk, während die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock forderte, die Bundesrepublik müsse »an dieser historischen Wegmarke Führung« übernehmen. Beim EU-Gipfel am Donnerstag müssten »Entscheidungen für massive Investitionen« in die Rüstung gefällt werden. Zuvor hatte CDU-Chef Friedrich Merz angekündigt, mit Frankreich und Großbritannien über einen »gemeinsamen nuklearen Schirm für Europa« verhandeln zu wollen. Macron sagte, er sei dazu bereit.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (5. März 2025 um 10:43 Uhr)
    Warum soll eine europäische Truppe in der Ukraine »Koalition der Willigen« heißen? Das war der Name jener Aggressionsgemeinschaft, die 2003 den Irak mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überzogen hatte. Der Begriff ist also vorbelastet. Ist es Dummheit, dass man im Westen so unbesonnen die eigene Aggressivität ignoriert? Oder will man Russland bewusst provozieren, indem man indirekt mit einem erneuten Völkerrechtsbruch droht? Will man Putin so davon abhalten, auf Trumps Friedenspläne einzugehen? Ich tippe auf Dummheit. Zumindest Selenskij hat im skandalisierten Diskurs im Weißen Haus mal wieder ein paar Dummheiten von sich gegeben. Er behauptete zum Beispiel: »Von Beginn des Krieges an waren wir allein.« Darauf hatte Trump ihn korrigiert: »Sie waren nicht allein.« Trump verwies auf die vorgeblichen 350 amerikanischen Milliarden für die Ukraine. Und vermutlich wird Trump auch gewusst haben, dass die USA der Ukraine im November 2021 Hilfe zur Rückgewinnung von Krim und Donbass zugesagt hatten. Selenskij hat da Trump also ziemlich vor den Kopf gestoßen. Selenskij prophezeite den USA auch, dass sie den Krieg noch spüren würden, was von Trump ebenfalls brüsk zurückgewiesen wurde. Selenskij sagte: »Von 2014 bis 2022 war die Situation dieselbe – Menschen starben an der Frontlinie«. Dabei hatte er gewiss nicht daran gedacht, dass 2018–2021 fünf Sechstel der zivilen Opfer auf der östlichen Seite der Demarkationslinie zu beklagen waren. Es gibt ein paar weitere Fragwürdigkeiten in Selenskijs Aussagen. Zu zitieren wäre aber eher noch Trump: »Der Hass, den er (Selenskyj) auf Putin hat, macht es mir sehr schwer, eine Einigung zu erzielen.« Das waren Trumps Worte, bevor es zum offenen Eklat kam. Und sie erklären eigentlich alles. Hass macht blind, und mit notorischen Realitätsverweigerern kann man nicht vernünftig reden. Es war den Amerikanern offenbar einen Versuch wert, Selenskij mal auf die derbe Tour zu etwas mehr Realitätssinn zu bewegen.

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