Jedem seine Scholle
Von Arnold Schölzel
Am Mittwoch bekräftigte US-Präsident Donald Trump erneut: »Wir brauchen Grönland für die internationale Sicherheit. Wir brauchen es. Wir müssen es haben.« Und fügte an: »Ich sage es nur ungern so, aber wir werden es haben müssen.« Am Freitag nachmittag sollten die Ehefrau seines Stellvertreters J. D. Vance Usha, Energieminister Chris Wright sowie Sicherheitsberater Mike Waltz auf die Insel fliegen und deren Hauptstadt Nuuk besuchen. Nach Protesten unter den rund 55.000 Einwohnern und kritischen Äußerungen der Regierungen in Nuuk und Kopenhagen – Grönland ist autonomes Territorium Dänemarks – wurde das Programm auf den Besuch der US-Luftwaffenbasis Pituffik (früher Thule) durch das Ehepaar Vance reduziert. Ungebeten bleiben sie. In einer gemeinsamen Erklärung schrieben der geschäftsführende Regierungschef Múte B. Egede und die Spitzen von vier Parlamentsparteien: »Wir können die wiederholten Aussagen zur Annexion und Kontrolle Grönlands nicht akzeptieren.«
Das US-Interesse an Grönland ist mindestens 200 Jahre alt. Schon in der Monroe-Doktrin von 1823 beanspruchten die USA die Insel als Teil ihrer »Interessensphäre«. Sie hat strategische Bedeutung für die Beherrschung der Arktis, zudem werden Vorkommen an wichtigen Rohstoffen vermutet. Zu denen möchte auch die EU Zugang erhalten. Nach einem Streit mit der damaligen EG über Fischereirechte und einem Referendum trat Grönland jedoch 1985 aus. 2015 betonten EU, Grönland und Dänemark in einer gemeinsamen Erklärung ihre festen Verbindungen.
Am Donnerstag reist auch der russische Präsident Wladimir Putin in Regionen nördlich des Polarkreises – aber innerhalb Russlands. Er nahm in Murmansk an einem Forum und an einer Sitzung des staatlichen Rates zur Arktis teil. Per Videoschalte ließ er ein U-Boot zu Wasser, das als erstes mit Hyperschallraketen des Typs »Zirkon« ausgerüstet werden soll. Die Geschosse können auch Atomsprengköpfe tragen. Mit der »Perm«, so Putin, werde bereits das fünfte Atom-U-Boot dieser Klasse zu Wasser gelassen. Sie dienten nicht nur dem Schutz der russischen Küste und des nördlichen Seewegs, der nördlich an Russland durch die Arktis führt, sondern könnten auch zur Lösung verschiedener Aufgaben in den Weltmeeren eingesetzt werden.
Auf dem Arktisforum äußerte er sich zu den Ansprüchen der USA auf Grönland: Es handele sich um »ernsthafte Pläne«, die »langjährige historische Wurzeln« hätten. Es sei »ein tiefer Fehler zu denken, dies sei eine Art extravagantes Gerede« Washingtons. Moskau sei besorgt, dass NATO-Staaten »den fernen Norden immer mehr als Sprungbrett für mögliche Konflikte betrachten«. Putin unterstrich: »Russland ist die größte Arktismacht.« Moskau setze sich für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit in der Region ein, einschließlich der wissenschaftlichen Forschung, des Schutzes der Artenvielfalt, der Klimafragen, der Notfallmaßnahmen und natürlich der wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung der Arktis. Allerdings hätten die westlichen Länder alle Kontakte zu Russland auf diesen Gebieten abgebrochen. Putin betonte: »Russland hat in der Arktis nie jemanden bedroht. Wir beobachten die Entwicklung der Lage jedoch aufmerksam, entwickeln eine angemessene Reaktionslinie, erhöhen die Kampffähigkeiten der Streitkräfte und modernisieren die militärische Infrastruktur.«
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Wettrennen in der Arktis
Die Region gewinnt zudem als Handelsroute an Bedeutung. Das Abschmelzen des Nordpolareises eröffnet neue Schiffspassagen wie die Nordwest- und Nordostpassage sowie die transpolare Route. Diese Routen könnten Handelswege erheblich verkürzen und den globalen Warentransport effizienter gestalten.
Insbesondere die Vorkommen Seltener Erden machen die Arktis geopolitisch brisant. Diese für Hightech- und grüne Industrien essenziellen Rohstoffe stammen größtenteils aus China, das die Lieferkette dominiert. Die USA und Europa sind von Importen abhängig. Ein Abbau der Vorräte in Kuannersuit (Grönland) könnte Chinas Vormachtstellung gefährden – ein Umstand, den Trump zu nutzen versuchte, um Chinas Verhandlungsmacht zu schwächen. Gleichzeitig baut Beijing seit Jahren seinen Einfluss in der Arktis aus, gestützt auf eine enge Partnerschaft mit Russland.
Russland wiederum ist führend in der Erschließung der Arktis. Mit rund 50 Prozent der arktischen Küstenlinie, enormen Rohstoffreserven und gezielten Investitionen in Forschung, Wirtschaft und Militär sichert Moskau seinen Einfluss. Der Kreml betrachtet den Lomonossow-Rücken als eigenes Territorium und unterstreicht mit der Modernisierung seiner Arktisflotte seine strategischen Ansprüche.
Während Russland und China ihre Positionen konsequent ausgebaut haben, hat der Westen das »Rennen um die Arktis« lange verschlafen. Erst mit Trumps Machtambitionen erwachte Washington zu verspäteter Aktivität. Während die USA offen Einfluss auf Panama, Kanada und Grönland ausüben wollen, verurteilen sie Chinas Bestrebungen in Taiwan. Ein doppelter Standard, der verdeutlicht, dass es in geopolitischen Fragen selten um Moral, sondern stets um Macht und wirtschaftliche Interessen geht.