Dein roter Faden in wirren Zeiten
Gegründet 1947 Donnerstag, 3. April 2025, Nr. 79
Die junge Welt wird von 3005 GenossInnen herausgegeben
Dein roter Faden in wirren Zeiten Dein roter Faden in wirren Zeiten
Dein roter Faden in wirren Zeiten
Aus: Ausgabe vom 02.04.2025, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Ölpreis

Vorsicht, Aprilscherz!

Die OPEC dreht weder die Hähne auf, noch will sie den globalen Ölmarkt fluten
Von Knut Mellenthin
KAZAKHSTAN-OIL.JPG

Seit Dienstag, den 1. April, will die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) plus, der auch Saudi-Arabien und Russland angehören, mehr Erdöl fördern. Viele Zeitungen setzten am Montag Titel wie »OPEC dreht den Ölhahn« auf. Die Frankfurter Rundschau toppte vermutlich alle mit folgender Überschrift: »OPEC-Länder wollen den Markt mit Öl fluten«. Die Maßnahme des 2016 gebildeten Kartells sei »überraschend«, wurde da behauptet, und Rohöl werde jetzt billiger. Folglich könnten auch die Preise für daraus Hergestelltes sinken, falls Produzenten und Händler die niedrigeren Kosten weitergeben, was bei weitem keine Selbstverständlichkeit ist.

Man muss und sollte aber nicht alles glauben, was gemeinhin behauptet wird. Tatsächlich geht es lediglich darum, dass acht Staaten der OPEC, die über die bestehenden gemeinsamen Beschlüsse hinaus im Jahr 2023 zusätzliche Produktionskürzungen vorgenommen hatten, selbige sehr langsam wieder abbauen wollen. Diese acht Länder sind – in der Reihenfolge ihrer Fördermengen – Saudi-Arabien, Russland, Irak, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Kasachstan, Algerien und Oman.

Insgesamt geht es um eine Menge von 2,2 Millionen Barrel pro Tag, wovon der weitaus größte Teil auf Saudi-Arabien entfällt. Diese Einschränkung soll schrittweise, Monat für Monat, bis September 2026 rückgängig gemacht werden. Der Plan sieht vor, dass die acht Mitglieder des Kartells ihre Förderung jeden Monat um insgesamt 140.000 Barrel pro Tag hochfahren. Zum Vergleich: Die weltweite Erdölproduktion lag im Dezember 2024 bei 103,53 Millionen Barrel pro Tag und dürfte gegenwärtig ungefähr ebenso groß sein. 140.000 Barrel pro Tag entsprechen 0,14 Prozent dieser Menge. Eine erhebliche Wirkung auf die Ölpreise wird davon entgegen aller Kolportage nicht ausgehen, und unter Aufdrehen der Hähne stellt man sich üblicherweise etwas anderes, nämlich deutlich größeres vor.

Außerdem ist real mit einer geringeren Steigerung der Gesamtförderung der Arbeitsgemeinschaft zu rechnen: Einige Mitglieder, darunter Russland, haben in der Vergangenheit mehr Erdöl produziert als die Quoten vorsahen, die ihnen in den gemeinsamen Beschlüssen der OPEC plus zugeteilt worden waren. Diese Mehrproduktion müssen sie vollständig und planmäßig »kompensieren«, also durch geringere Förderung wieder ausgleichen. Die Beschlusslage der Gruppe sieht vor, dass alle »Kompensationen« bis zum Juni 2026 vollständig abgeschlossen werden müssen.

Der am 1. April begonnene Abbau der freiwillig weitergehenden Beschränkungen der acht OPEC-plus-Mitglieder ist zuletzt auch keine »große Überraschung für die Ölmärkte«, wie manche Medien behaupteten. Die genannten Staaten setzen einfach nur einen Beschluss um, den diese Staaten schon am 5. Dezember 2024, also mit reichlich Vorlauf für genau dieses Datum angekündigt und am 3. März noch einmal bekräftigt hatten. Richtig berichtet wurde lediglich, dass die acht Mitglieder den Beginn des schrittweisen Abbaus ihrer Produktionskürzungen zunächst schon für Oktober vorigen Jahres angekündigt und dann auf Januar verschoben hatten.

Die Instrumente der OPEC plus reichen, anders als vor einigen Jahren, offenbar nicht mehr aus, um die Ölpreise auf einem Niveau zu halten, das den Bedürfnissen aller Mitgliedstaaten entspricht. Brent wurde am Dienstag nachmittag zwischen 74 und 75 US-Dollar pro Barrel gehandelt, während der für Nordamerika maßgebliche Wert WTI zwischen 71 und 71,5 Dollar pro Barrel lag. Das ist ein leichter Anstieg gegenüber der vorigen Woche. Aber ein deutlicher Rückgang gegenüber dem Januar, als Brent einen Preis von gut 82 Dollar erreicht hatte. Dass der Preis tatsächlich fällt, ist indes nicht ausgeschlossen. Zumindest prognostizierten einige von Reuters befragte Ökonomen, dass der durchschnittliche Preis pro Barrel Brent 2025 bei rund 73 Dollar, pro Barrel WTI bei rund 69 Dollar liegen würde. Vor dem Hintergrund aufziehender Zollkriege und mauer Konjunktur widersprachen sie damit der OPEC, die von einem Anstieg der weltweiten Ölnachfrage im laufenden Jahr ausgeht.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (2. April 2025 um 11:49 Uhr)
    Der internationale Ölhandel ist untrennbar mit der Vormachtstellung des US-Dollars verbunden. Seit der Aufhebung der Golddeckung basiert die globale Handelswährung maßgeblich auf dem Erdölgeschäft – der sogenannte »Petrodollar« entstand. Dieses privat dominierte Dollarimperium hat daher ein starkes Interesse daran, den Ölpreis hochzuhalten. Denn je knapper das Angebot erscheint, desto teurer wird das Öl – und desto größer die weltweite Nachfrage nach US-Dollar, was dessen Wechselkurs stärkt. Diese künstlich erzeugte Dollarnachfrage ermöglicht den USA günstige Importe und trägt zu einem scheinbar endlosen Wachstum ihres Binnenmarktes bei. Könnten Länder wie der Irak, Syrien, Libyen, Iran und Venezuela ohne geopolitische Intervention frei am internationalen Erdölhandel teilnehmen, würde der Ölpreis drastisch sinken – von derzeit rund 60 Dollar pro Barrel auf etwa 30 Dollar. Für die USA wäre dies fatal: Ihre kostspielige Fracking-Industrie wäre nicht mehr rentabel, zahlreiche Unternehmen würden in die Insolvenz getrieben, und das Land müsste selbst Öl importieren – was das Handelsdefizit weiter eskalieren ließe. Letztlich ist das globale Ölpreissystem ein abgekartetes Spiel, bei dem Regierungen, Ölkartelle und Finanzinteressen zusammenwirken, um Profite zu maximieren und geopolitische Macht zu sichern. Die wahren Verlierer sind die Verbraucher, die die Konsequenzen dieser Manipulationen tragen müssen.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • »Drill, baby, drill!« war ein Slogan aus Trumps Wahlkampagne: Öl...
    28.01.2025

    »Big Oil« nicht begeistert

    Trump drängt Saudi-Arabien, Erdölproduktion zu steigern. Ziel ist Preissenkung. Riad erteilt Abfuhr
  • Der Preis ist heiß: Ölförderung in der russischen Republik Tatar...
    08.10.2024

    Spekulation um Preiskampf

    Transatlantiker frohlocken: Fördert Saudi-Arabien mehr Öl, um Putin auszustechen? Dabei gedeiht die Beziehung Riads zu Moskau prächtig

Mehr aus: Kapital & Arbeit