Der Alte aus Wadowice
Von Reinhard Lauterbach
Noch gibt es sie in Polen flächendeckend: die Johannes-Paul-II.-Straßen und die über 1.000 Denkmäler des Alten aus Wadowice. Dennoch ist der Prozess der »Entwojtyłisierung« auch im Heimatland von Johannes Paul II. inzwischen unübersehbar.
Als kürzlich Papst Franziskus mit Atemwegsbeschwerden im Krankenhaus lag, brachten die polnischen Fernsehsender zwar routinemäßig Liveschaltungen vom Petersplatz, aber es gab in Polen keine spontanen Massenversammlungen vor den Kirchen und keine Messen für die Genesung des Papstes.
Vielleicht liegt es daran, dass die polnische Kirche mit der Reformrhetorik des aktuellen Papstes nie warm geworden ist. Konservative Medien behaupten beharrlich, Franziskus sei gar nicht legitim gewählt worden, weil der Rücktritt seines Vorgängers Benedikt XVI. im Kirchenrecht nicht vorgesehen sei. Zudem wird von kritischen Katholiken spekuliert, der Rücktritt von Joseph Ratzinger sei nicht die Folge seiner Gebrechlichkeit, sondern von der Furcht diktiert gewesen, die Mitwisserschaft Ratzingers an diversen Pädophilie- und Sexualskandalen im Klerus – bis hin zu seinem eigenen Bruder – könne ans Licht kommen.
Und da sind wir schon mitten in der Diskussion über das Erbe von Karol Wojtyła, der Ratzinger in höchste kirchliche Ämter befördert hatte. Seit der niederländische Journalist Ekke Overbeek 2023 das auf intensive Recherchen gestützte Buch »Maxima culpa. Jan Paweł II wiedział« veröffentlicht hat, ist das Bild des patenten Krakower Erzbischofs Karol Wojtyła ins Wanken geraten. Denn der Autor zitiert einen Zeugen aus dem Kirchenapparat, der Wojtyła schon 1973 auf einen Pädophiliefall hingewiesen hatte. Dieser wiederum habe versprochen, »sich zu kümmern«.
Kirchenvertreter beschuldigten Overbeek, sich bei seinen Recherchen auf Unterlagen der damaligen polnischen Staatssicherheit gestützt zu haben – die den Klerus intensiv »operativ bearbeitete«, weil nach einem ihrer Merksätze Geistliche über »Flasche, Geldbeutel oder Hosenschlitz« zu erpressen gewesen seien. Da die Krakower Diözese Overbeek aber die Einsicht in ihre Akten verweigerte, verfing diese Kritik nur bedingt – zumal Wojtyłas engster Mitarbeiter, Kardinal Stanisław Dziwisz, sich in Interviews in Widersprüche verwickelte und ebenfalls behauptete, nichts von den Pädophiliefällen gewusst zu haben. Dem widerspricht aber, dass die entsprechend belasteten Priester innerhalb der Diözese oder auch über ihre Grenzen hinweg versetzt wurden, was ohne entsprechende Verwaltungsvorgänge gar nicht möglich gewesen wäre.
Man gewinnt den Eindruck, dass die »Santo subito«-Kampagne für die Heiligsprechung Wojtyłas im Expresstempo von seinen Anhängern inszeniert worden sein könnte, um dem Bekanntwerden der Vorwürfe zuvorzukommen und vollendete Tatsachen zu schaffen. Denn die Rücknahme einer einmal erfolgten Heiligsprechung sieht das katholische Kirchenrecht nicht vor.
Vorwürfe wie diese sind natürlich im Kern affirmativ, schließlich halten sie am Nimbus der »heiligen Kirche« fest, auch wenn sie Verfehlungen einzelner Geistlicher nicht bestreiten. Es häufen sich aber selbst für das katholische Polen zu viele Vorkommnisse, die nach demselben Muster abgelaufen sind wie die von Overbeek recherchierten alten Fälle.
Viele Eltern, die auf die Karrierechancen ihrer Kinder achten, sehen die zwei wöchentlichen Religionsstunden in der Schule als Zeitverschwendung und melden ihre Sprösslinge massenhaft ab; und wenn nicht sie, dann machen es die Jugendlichen selbst, sobald sie es mit 16 Jahren dürfen.
Aktuell kämpfen die Bischöfe gegen eine Neuregelung von Erziehungsministerin Barbara Nowacka, wonach der Religionsunterricht ab September nur noch in der ersten oder letzten Stunde gegeben und von zwei Wochenstunden auf eine gekürzt werden soll. Immer mehr Menschen finden es richtig, dass die Kirche ihre Einnahmen normal verbuchen und versteuern soll – was bis heute nicht der Fall ist und eine undurchsichtige Schwarzgeldwirtschaft erzeugt hat. Eine der Folgen: Das Spendenaufkommen in den Klingelbeuteln geht seit Jahren zurück.
Mit ihren restriktiven Lehren zu Abtreibung und Homosexualität entfremdet sich die Kirche von der jüngeren Generation. Dialektischerweise könnte die wachsende Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Lebensformen auch in Polen dazu führen, dass der Kirche der Priesternachwuchs ausgeht. In der Hälfte aller Diözesen fanden sich vergangenes Jahr nicht mehr genug Kandidaten für das Priesteramt, das lange als Reservat galt, in dem junge Homosexuelle unter dem Mantel des Zölibats ihr Coming-out vermeiden konnten. Das Publikum der Kirche wird zudem immer älter. In der Altersgruppe bis 40 Jahre gehen nach interner kirchlicher Statistik nur noch 30 Prozent in die Kirche – und das im Landesdurchschnitt, der durch die klerikalen Hochburgen im Osten und Süden Polens nach oben gezogen wird.
So stellt sich 20 Jahre nach dem Ableben von Karol Wojtyła heraus, dass seine »Pilgerfahrten« mit Millionenpublikum in den 1980er Jahren für die polnische Kirche ein Pyrrhussieg waren. Schließlich haben sie zu einem Systemwechsel beigetragen, der die Massenreligiosität wirksamer untergräbt als alle halbherzigen Repressalien des verflossenen Realsozialismus.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Rotlicht: Militarismus
vom 02.04.2025 -
Nachschlag: Schuld und Strafe
vom 02.04.2025 -
Vorschlag
vom 02.04.2025 -
Veranstaltungen
vom 02.04.2025 -
Rosenthal, Weiskopf, Strub, Fliegel
vom 02.04.2025 -
»Die spinnen, die Römer«
vom 02.04.2025 -
Willkommen daheim: Neue Schuhe
vom 02.04.2025