Rotlicht: Militarismus
Von Jörg Kronauer
»Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS.« Das forderte im Jahr 1995 ein gewisser Reinhard Günzel, damals Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37, während einer Übung von seiner Truppe. Das klang martialisch, lag aber offenbar im Trend: Ein paar Jahre später wurde Günzel zum Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSK) befördert. Er war nicht der einzige, der solche Sprüche kloppte. »Wir brauchen den archaischen Kämpfer«, forderte im Jahr 2004 der damalige Heeresinspekteur Hans-Otto Budde. Schon 1991 hatte ein Ausbildungsslogan der Bundeswehr verlangt, ein Soldat müsse »kämpfen können und kämpfen wollen«. Derlei Töne wurden damals von manchen ganz bewusst angeschlagen. Die Truppe, das war seit Anfang der 1990er Jahre klar, würde zunehmend in Auslandseinsätze geschickt werden und sich in Kämpfen behaupten müssen. Da waren Typen gefragt, die nicht nur Schmerz einstecken, sondern auch rücksichtslos angreifen konnten. Wolle man die Bundeswehr »von den großen preußischen Traditionen« abschneiden, dann werde man »scheitern«, meinte Günzel später.
Preußische Traditionen? War das Militarismus? Ja und nein. Ja, na klar – das Gerede vom »archaischen Kämpfer«, von »Spartanern« und ähnlichem sprach klar für sich. Wer derartige Parolen in den Vordergrund rückte, sie zum Maßstab erhob, brach in der Tat der Wiederkehr schlechter alter Traditionen Bahn. Man muss aber einschränken: Der aggressiv nach vorn geschobene Militarismus, die Betonung rein militärischer Tugenden gegenüber zivil-demokratischen Eigenschaften konzentrierte sich damals noch vorrangig auf die Bundeswehr selbst. Innerhalb der Truppe, so las man es Mitte der 1990er Jahre in einer intern in der Bundeswehr verbreiteten Schrift über das »Bild des Offiziers«, gälten andere Werte als in der Gesellschaft. Von einer Ausrichtung der ganzen Gesellschaft auf die Streitkräfte nach dem Vorbild des militarisierten Preußens war damals noch nicht die Rede.
Das hat sich, seit Deutschland nicht mehr am Hindukusch, sondern an der Oder und am Bug verteidigt wird, geändert. Nicht nur die Bundeswehr, »unsere Gesellschaften« insgesamt müsste bzw. müssten in der Lage sein, »strategische Schocks« zu überstehen, Folgen eines Cyberangriffs etwa, forderte zu Jahresbeginn Christian Badia, ein deutscher NATO-Spitzengeneral: Zentral sei künftig der »Wille zur Selbstbehauptung«, und zwar nicht nur in der Truppe, sondern auch im »Mindset der Bevölkerung«. Zumal der Krieg, der da geplant wird, nicht nur vor der eigenen Haustür stattfindet, sondern sich gegen einen Feind richtet, der zu massiven, alle treffenden militärischen Schlägen in der Lage ist. Kurz zuvor, Ende Dezember, hatte der Kommandeur des Bundeswehr-Landeskommandos Schleswig-Holstein via Medienmegaphon (Bild) eine »klarere Ansprache der Bevölkerung« gefordert: Man müsse sich »darauf einstellen«, »dass auch auf dieses Land wieder geschossen werden kann«.
Was da geschieht, das ist mehr als die Förderung militaristischer Werte in der Truppe. Es ist die Ausrichtung der gesamten Bevölkerung auf das Militär und auf den Krieg. »Wir müssen kriegstüchtig werden«, hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius im Oktober 2023 gefordert und dies ausdrücklich auf Bundeswehr und Gesellschaft gleichermaßen bezogen. Im Juli 2023 verlangte Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer in einer sicherheitspolitischen Grundsatzrede einen »Mentalitätswechsel«, um kriegsfähig zu werden, eine »Gedankenwende«, und zwar »nicht nur in der Bundeswehr«, sondern »in der Gesellschaft«. Dies ist es, was den alten preußischen Militarismus in seiner Gesamtheit ausmachte. Sein Revival hat vielleicht weniger ein von archaischen Kämpfern schwafelnder General vorangetrieben als vielmehr die nun scheidende Regierung, die sich zivil gegeben, dabei aber die Unterordnung des Zivilen unter die Erfordernisse des Krieges forciert hat.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
- Georg Pahl/de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_102-14437,_Tag_von_Potsdam,_Adolf_Hitler,_Kronprinz_Wilhelm.jpg creativ27.07.2019
Schiebt sie ab …
Mehr aus: Feuilleton
-
Nachschlag: Schuld und Strafe
vom 02.04.2025 -
Vorschlag
vom 02.04.2025 -
Veranstaltungen
vom 02.04.2025 -
Der Alte aus Wadowice
vom 02.04.2025 -
Rosenthal, Weiskopf, Strub, Fliegel
vom 02.04.2025 -
»Die spinnen, die Römer«
vom 02.04.2025 -
Willkommen daheim: Neue Schuhe
vom 02.04.2025