Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 03.04.2025, Seite 8 / Inland
Hebammenmangel in der BRD

»Es finden zu viele Eingriffe statt«

Hebammenverband prangert Traumatisierung von Müttern durch ungewollte Maßnahmen an. Ein Gespräch mit Ulrike Geppert-Orthofer
Interview: Yaro Allisat
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»Wir alle zahlen den Preis«: Protestaktion des Hebammenverbands vor dem Reichstagsgebäude (Berlin, 7.2.2025)

Mit Ihrer Petition »Frauen zahlen den Preis« haben Sie bereits mehr als 56.700 Stimmen für eine Verbesserung der Geburtshilfe gesammelt. Worum geht es Ihnen dabei?

Wir haben festgestellt, dass trotz vieler Versprechungen aus der Politik, wie beispielsweise der Entwicklung eines nationalen Aktionsplans »Gesundheit rund um die Geburt« sowie der Entwicklung eines verbindlichen Personalschlüssels zur Verbesserung der Versorgung unter der Geburt und für die 1:1-Betreuung, wenig passiert ist. Der Aktionsplan ist eine halbherzige Auflistung bereits ergriffener Maßnahmen ohne Evaluation, ob diese tatsächlich erfolgreich waren. Zudem wurden Zuständigkeiten in die Bundesländer oder die verschiedenen Berufsgruppen geschoben.

Gerade im Bundestagswahlkampf hat das Thema Gesundheit nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Deshalb gehen wir davon aus, dass die geburtshilfliche Versorgung auch in der künftigen Regierung kaum ein Thema sein wird. Es geht nicht nur um 20.000 Hebammen in Deutschland, sondern insbesondere um die 600.000 bis 700.000 Frauen, die jährlich gebären sowie ihre Kinder und Familien.

Welche Zustände beobachten Sie in der Geburtshilfe?

Es finden viel zu viele Eingriffe statt, die teilweise auch ohne vorheriges Einverständnis der Mutter durchgeführt werden. Eingriffe machen die Geburt zeitlich planbarer und beugen unerwarteten Komplikationen vor. Komplikationen, die mit einer besseren Betreuung vielleicht gar nicht eingetreten wären. Eingriffe, die nicht zwingend notwendig für die Gesundheit von Frau und Kind sind, sollten nicht vorgenommen werden. So geht die WHO von einer Notwendigkeit eines Kaiserschnitts bei zehn bis 15 Prozent der Geburten aus. Wenn wir in Deutschland 30 Prozent brauchen, dann liegt hier etwas im Argen.

Zwischen fünf und 45 Prozent der Frauen erleben Eingriffe als traumatisch, obwohl Geburt und Schwangerschaft eigentlich produktive, stärkende Prozesse sein sollten. Das ist in unserem Gesundheitssystem jedoch nicht vorgesehen. Die Geburtshilfe ist organisiert, als würde man dort auf Krankheiten reagieren. Dabei ist eine Geburt Ausdruck von etwas ganz Gesundem. Die Gebärenden haben ganz andere Bedürfnisse als kranke Menschen.

Was bedeuten diese Zustände für die Hebammen?

Es ist ein irrer Stress, zu wissen, dass man, während man eine Frau betreut, ein oder zwei andere allein lassen muss. Menschen entscheiden sich für diesen Beruf, weil sie Gebärende begleiten und stärken wollen. Wir wissen aus der IGES-Studie von 2019, dass Hebammen nicht grundsätzlich an ihrer Berufswahl zweifeln, die Arbeitsbedingungen sie aber abschrecken. So kommt es letztlich zu einem hausgemachten Hebammenmangel. Dabei bilden wir so viele Hebammen aus, dass eine 1:1-Betreuung in Deutschland sichergestellt werden könnte. Dafür müssten aber die Stellen geschaffen und ausfinanziert werden.

Wie blicken Sie unter diesem Gesichtspunkt auf die Krankenhausreform?

Es ist politischer Wille, auf die Zentralisierung der Krankenhäuser zu setzen. In der Geburtshilfe braucht es jedoch etwas anderes als für hochspezialisierte Operationen. So werden zum Beispiel die Distanzen, die die Schwangeren bis zu den Krankenhäusern zurücklegen müssen, größer. Daneben fällt bei einer Krankenhausschließung nicht nur das Krankenhaus selbst, sondern eine ganze Infrastruktur weg. Auch die Stärkung von Hausärzten unter Gesundheitsminister Lauterbach war sehr wichtig, insbesondere für kranke und für ältere Menschen. Aber auch Schwangere brauchen einen niedrigschwelligen, flächendeckenden Zugang zur Grundversorgung.

Wir als Hebammen sind die einzige Berufsgruppe, die dafür ausgebildet ist, vom Anfang der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit eine allumfassende Versorgung zu bieten. Eine Investition in eine gute Hebammenversorgung bedeutet nicht nur eine bessere Betreuungssituation für Mütter, Kinder und Familien. Sie kann einen entscheidenden Beitrag zur flächendeckenden geburtshilflichen Versorgung leisten und würde letztlich sogar deutliche Einsparungen möglich machen.

Ulrike Geppert-Orthofer ist die ­Präsidentin des Deutschen ­Hebammenverbands

kurzelinks.de/frauenzahlendenpreis

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