Die anderen Geschichten
Von Patrick Hönig
Das Puzzle hat 96 Teile und zeigt, wenn es fertig ist, ein afrikanisches Dorf. Da sind Hütten, große und kleine, Tiere und Schwarze Menschen. Für Gabriel (zehn) und Ariana (sechs) ist daran nichts Ungewöhnliches, ihre Mütter kommen aus Uganda, und sie kennen sich aus mit freilaufenden Hühnern und ungeteerten Straßen. Mit dem Puzzle geben sie sich alle Mühe, aber maulen dann doch, weil es zu lange dauert. Zu viele Teile, die sich gleichen, schon klar, der Lehmboden, ockergelb, die strohbedeckten Dächer, verwittertes Grau, und die Ziege will auch nicht recht ins Bild. Nicht schlimm. Die Kinder dürfen durch das Gerüst in den Garten klettern und in der ersten Frühlingssonne toben.
Die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek, gegründet im Februar 2022, ist die erste Schwarze Bibliothek in NRW und in den Worten der Initiatorin Glenda Obermuller ein Zufluchtsort. Vor wenigen Monaten erst ist man umgezogen, nicht freiwillig, von der verkehrsreichen Victoriastraße vor dem Kölner Hauptbahnhof in das Gewerbegebiet am Rhein. Das Rumpeln der Güterzüge dringt von der Brücke herüber, nachher werden noch ein paar Poser ihre PS-starken Cabrios am Ufer ausführen, aber sonst ist es still. Das Quartier am Hafen, eine ehemalige Industriehalle mit 86 Ateliers, ist rundum saniert, und die Bibliothek ist in einem hellen, loftähnlichen Raum untergebracht, 135 Quadratmeter Nutzfläche, Spüle und Mikrowelle inklusive. Es gibt Kinder- und Sachbücher, vor allem aber Schwarze Literatur. Glenda sagt, man habe 6.000 Titel im Bestand, es können ein paar mehr sein, denn einige Kartons sind noch nicht ausgepackt.
Welche Bücher gehören in eine Schwarze Bibliothek? Bücher, die Schwarze Menschen geschrieben haben, die von ihnen handeln und die ihnen guttun. Und da darf es Zweifel geben. Erst am Morgen hat Glenda ein Buch aus dem Regal gezogen, das, wie ein Stempel ausweist, zum Nachlass von Theodor Wonja Michael (1925–2019) gehört, dem Namensgeber der Bibliothek, einem Schwarzen Journalisten, Schauspieler, BND-Beamten und Überlebenden der Verfolgung durch die Nazis. Es handelt sich um einen Roman, der das turbulente Nachtleben des New Yorker Stadtteils Harlem zum Gegenstand und das N-Wort im Titel hat. Schon bei Erscheinen des englischen Originals 1926 gab es Kontroversen, auch um den Autor, Carl Van Vechten, einen Weißen, der Schwarze Künstler protegierte. Das Buch liegt nun auf dem Schreibtisch am Eingang, und die Frage stellt sich, was damit passieren soll. Gibt es ein Komitee, das über das Aussortieren von Büchern entscheidet? Nein, sagt Glenda und lacht. Man werde das pragmatisch lösen, dem Titel eine Trigger-Warnung verpassen und ihn wieder zurück ins Regal stellen.
Was eine Schwarze Bibliothek ausmacht, sind nicht Bücher allein. Man ist Teil von etwas, das größer ist als man selbst: Es fing an mit Picknicks in der Merheimer Heide im Coronafrühjahr 2020, aus Protest gegen die Unerreichbarkeit der Polizei während der rechten Anschläge in Hanau und den Erstickungstod des Schwarzen George Floyd bei einem Polizeieinsatz im US-Bundesstaat Minnesota. Seither trifft man sich, tauscht sich aus und organisiert Veranstaltungen, etwa anlässlich des »Black History Month«. Die Journalistin Olivia Samnick, die im Rahmen eines Recherchestipendiums Schwarze Bibliotheken auch in Berlin, Hamburg und Bremen besucht hat, erzählt, was ihr aufgefallen ist. Man redet anders miteinander, wenn man anders aufgewachsen ist, und man versteht sich auch, ohne zu reden. Schwarze Bibliotheken können ein Ort der Selbstbefragung und vielleicht auch der Selbstfindung sein. Das Problem ist nicht die Akzeptanz, sondern die Finanzierung. Wer bezahlt die Miete, die Nebenkosten, die Anschaffungen oder die Salzstangen, die den Kindern angeboten werden?
Kommunale Entscheidungsträger nicht nur in NRW haben ein zunehmend restriktives Verständnis der Daseinsvorsorge entwickelt. Von den Gesprächen mit der Stadt nimmt Glenda das Positive mit. Man lasse Bereitschaft erkennen, Projektarbeit zu fördern. Das Brot-und-Butter-Geschäft aber muss anders finanziert werden. Spenden helfen, doch die laufenden Ausgaben decken sie nicht. Und mit dem vom alten Bundestag in aller Eile noch beschlossenen Sondervermögen für die Infrastruktur lassen sich alle Schlaglöcher im Straßennetz der Republik ausbessern, aber für die Brückenbauer der Gesellschaft ist immer noch kein Geld da, nicht für Räume der Begegnung und des Rückzugs, nicht für Sensibilisierung in Fragen der Chancengerechtigkeit oder die Reflexion kultureller Prägungen.
Nach einem Abstecher zu den Poller-Wiesen geht es für Ariana und Gabriel zurück nach Seeberg. Mit der Linie 7 und dann mit der Linie 15, vom Südosten Kölns über den Rhein bis hoch in den Nordwesten. Man kommt am »Masala King« vorbei, an der »Chinesischen Mauer« und dem Restaurant »Dalmatien«, aber die Kids wollen zu KFC. Verdammt, es hätte doch heute beinahe alles gepasst!
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