»Der Koffer ist ihr neues Zuhause«
Von Jürgen Schneider
Der Dichter, Kurzgeschichtenautor und Essayist Mosab Abu Toha kam am 17. November 1992 im palästinensischen Flüchtlingslager Al-Schati im Norden des Gazastreifens zur Welt. Er studierte an der Islamischen Universität von Gaza und unterrichtete von 2016 bis 2019 an UNRWA-Schulen in Gaza. 2019 rief er die Edward-Said-Bibliothek ins Leben, die erste englischsprachige Bibliothek im Gazastreifen, benannt nach dem palästinensischen Literaturtheoretiker und -kritiker Edward Said (1935–2003). Wie viele Bibliotheken, Archive, Universitäten und Schulen wurde nach dem 7. Oktober 2023 auch diese Bibliothek in Tohas Haus in Beit Lahiya bei einem Angriff der israelischen Luftwaffe zerstört. Diese Institution war mehr als nur eine Bibliothek. Hier fanden regelmäßig Workshops und Veranstaltungen zur Traumabewältigung von Kindern und Jugendlichen statt.
Am 6. November 2023 schrieb Abu Toha im New Yorker: »Gäbe es den Krieg nicht, würde ich mit meinen Freunden zweimal die Woche Fußball spielen. Ich würde mit meiner Frau Filme schauen. Ich würde die Bücher lesen, die im Regal stehen. Ich würde mit meinen Kindern zum Spielplatz und zum Strand gehen. Ich würde mit meinem Sohn Yazzan mit dem Fahrrad die Strandstraße entlangfahren. Doch nun gibt es keine Bücher, keine Regale und keine Strandstraße mehr.« Abu Toha hatte die Warnungen vor bevorstehenden Bombardements auf Beit Lahiya ernst genommen und sich mit seiner Familie in das Flüchtlingslager von Dschabalija begeben – Vertriebene wie ihre Vorfahren im Jahr 1948. Wegen der israelischen Bombardements träumte Abu Tohas Frau, sie sammele gefrorenes Fleisch ein. Im Traum sagte sie: »Dies ist der Arm meines Sohnes. Die ist das Bein meiner Tochter.«
Auf dem Weg nach Ägypten wurde Abu Toha am 19. November 2023 von der israelischen Armee verhaftet und in ein Gefängnis in der Negev-Wüste verbracht, zwei Tage später wieder freigelassen und wegen der ihm zugefügten Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Er konnte schließlich zunächst nach Kairo ausreisen, von wo er sich im Dezember 2023 nach Syracuse, New York, begab. Gaza nahm er mit. Gaza im Krieg als Endlosschleife. In den USA danach gefragt, was er über sein neues Leben denke, antwortete er, er würde es nicht ein neues Leben nennen, denn er habe das Gefühl, dass ein Teil von ihm noch immer in Gaza sei, bei den geliebten Verwandten, die er hatte zurücklassen müssen.
2022 war beim Verlag City Lights Books Abu Tohas Gedichtband »Things You May Find Hidden in My Ear. Poems from Gaza« erschienen und mit dem Palestine Book Award ausgezeichnet worden. Nach dem 7. Oktober 2023, so Abu Toha, schreibe er nur noch auf Englisch, nicht mehr auf Arabisch.
Im Oktober 2024 erschien Abu Tohas zweiter Gedichtband »Forest of Noise«. Die Hälfte der darin enthaltenen Gedichte entstand vor dem 7. Oktober 2023, die andere Hälfte danach. Vorangestellt sind die Zeilen: »Jedes Kind in Gaza bin ich. / Jede Mutter, jeder Vater bin ich. / Jedes Haus ist mein Herz. / Jeder Baum ist mein Bein. / Jede Pflanze ist mein Arm. / Jede Blume ist mein Auge. / Jedes Loch in der Erde / ist meine Wunde.«
Die Frage des Kampfes ums Überleben in Gaza ist in »Forest of Noise« zentral. In »Under the Rubble« beschreibt Abu Toha den Tod einer jungen Frau bei einem israelischen Luftangriff: »Ihr Bett wurde zu ihrem Grab.« Die Bombardierung wurde intensiviert und »unser Haus suchte Schutz in der Nachbarschaft«. In »What a Gazan Should Do During an Israeli Air Strike« listet er auf, was während eines israelischen Luftangriffs zu tun ist, vom Löschen des Lichts in allen Zimmern bis hin zum Mitnehmen von etwas Erde aus dem Blumentopf auf dem Balkon. Die Erde steht symbolisch für den Widerstand der Palästinenser gegen ihre fortgesetzte Vertreibung.
In »My Grandfather’s Well« spricht die Stimme des toten Großvaters, den er nie getroffen hat, zum Dichter. Das Phantom des Großvaters hält sich bei seiner Quelle in Jaffa auf, von wo er während der Nakba vertrieben wurde. »Jaffa ist besetzt, und in den weinenden Hainen dort wachsen keine Orangen mehr.« Der Opa fragt Abu Toha, wo er gewesen sei, »seine Stimme matt vom Pflügen des dicken, muddigen Bodens der Sprache«. In »This is Not a Poem« heißt es dann: »Dies ist kein Gedicht, / Dies ist ein Grab, nicht / unter der heimatlichen Erde / sondern auf einem flachen, hellweißen / Fetzen Papier.«
In »Palestinian Village« schildert Abu Toha das Leben in einem traditionellen palästinensischen Dorf, das er aus eigenem Erleben nicht kennt. Er kann lediglich evozieren, wie es nie wieder sein wird – in diesem Dorf kann man unter einem Granatapfelbaum sitzen und einem Kanarienvogel lauschen, »die Frische der Erde durch den gestrigen Regen wiederbelebt«. Und kommt ein Nachbar vorbei, wird er eingeladen, Salbei- oder Pfefferminztee zu trinken. In »Gazan Family Letters« schleppt sich ein junger Mann mit einem Koffer ab, in dem die Kleidung und das Schuhwerk seines Vaters, seiner Mutter und seiner drei Brüder, alle umgekommen bei einem Luftangriff, untergebracht sind: »Der Koffer ist ihr neues Zuhause, und ich möchte dafür einen sicheren Ort finden. Ich besitze auch die Lieblingsbücher meines Vaters, hauptsächlich Gedichtbände und Kurzgeschichten. Er hatte nie die Chance, einen Roman zu Ende zu schreiben. Du weißt, Kriege und Arbeit.« In Abu Tohas Gedichten zittert das Grauen nach. In dem Gedicht »After Allen Ginsberg« heißt es: »Ich sah die besten Hirne meiner Generation vernichtet in einem Zelt, / auf der Suche nach Wasser und Windeln für Kinder; / ausgelöscht durch Bomben, / eine Generation unter den Trümmern / ihrer zerbombten Häuser; / Ich sah die besten Hirne meiner Generation / austreten aus ihren zertrümmerten Köpfen.«
Mosab Abu Toha: Forest of Noise. Poems. Random House, New York 2024, 80 Seiten, 9,99–15,50 Euro
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