Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 05.04.2025, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Preis der Arbeit

José Henrique Bortolucis Buch »Was von meinem Vater bleibt« erzählt von der Welt eines brasilianischen Lkw-Fahrers
Von Robert Cohen
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Einspruch gegen die Eliten: José Henrique Bortoluci

Die Welt des Autors José Hen­rique Bortoluci, eines brasilianischen Soziologen, und die Welt des Lkw-Fahrers, über den er schreibt, und der nicht über die vierjährige Grundschule hinausgekommen ist, stehen sich in diesem Buch unversöhnt gegenüber. Zugleich sind sie im Wortsinn versöhnt: Der Autor ist der Sohn des Lkw-Fahrers. Diese Dialektik aus persönlicher Nähe und gesellschaftlicher, durch die akademische Lebens- und Denkweise Bortolucis herbeigeführte Distanz, wird im Buch mehrfach thematisiert. Dabei wird vor allem das Trennende deutlich. Das gehört zu den Qualitäten des Buches.

Kulturelle Codes

Der deutsche Titel »Was von meinem Vater bleibt« ist irreführend. Gegenstand der Darstellung sind sowohl die Welt des Vaters als auch die Welt des Sohnes. Der für vielfältige Deutungen offene Originaltitel »O que é meu« (»Was mein ist« oder »Was mir gehört«) kann sich ebenso auf den Sohn wie auf den Vater beziehen. Die Welt des Sohnes ist die Welt der Akademie, der Soziologie, seine Gewährsleute sind Roland Barthes, aber auch Marx, Brecht, Walter Benjamin und Susan Sonntag. Seine Terminologie leitet sich von der postmodernen französischen Theorie her: »kulturelle Codes«, »ethisches Kartographieren«, »Territorium des Körpers«. Dazu Bortoluci hellsichtig: »Mein akademisches Vokabular taugt nicht, um das Brasilien zu beschreiben, das aus seinen [des Vaters] Geschichten hervortritt.« Zur Analyse und Verallgemeinerung der Geschichten des Vaters ist es indessen tauglich.

Um dieses Brasilien geht es, um seine Geographie, sein menschenfeindliches Klima, seine endlose Weite (doppelt so groß wie die Fläche der Staaten der Europäischen Union zusammen) und seine Geschichte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts: von der hegemonischen Oligarchie und der Militärdiktatur (1964–1985) mit ihren Folterungen und Massakern, ihrem Genozid an der indigenen Bevölkerung, bis zur Gegenwart unter Bolsonaro als »Verkörperung unserer Grausamkeiten«. Ein weiteres zentrales Thema ist die Zerstörung der Umwelt. Unter der Diktatur wurden schrankenlos Waldflächen abgeholzt und ein gewaltiges Bauprogramm von Berg- und Kraftwerken, Flughäfen und Städten durchgesetzt – ein »Trauermarsch des Fortschritts«. Eisenbahnen gab es kaum, alles musste auf Lkws herbeitransportiert werden. Dazu wurden Straßen durch den Regenwald geschlagen, darunter die berühmteste: die viertausend Kilometer lange Transamazônica, ein »größenwahnsinniges Vorhaben«. Diese Epoche, die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, wird mit dem Leben des Vaters evoziert.

Als Lkw-Fahrer wirkt der Vater an der Zerstörung Brasiliens mit, die der Sohn anprangert. Der Vater hat keine Wahl, er muss seinen Lebensunterhalt verdienen, einer von Abertausenden, die namenlos geblieben sind. Ihm aber wird durch den Sohn seine Individualität zurückgegeben: José Bortoluci, genannt Didi, geboren 1943 in Jaú im südlichen Bundesstaat São Paulo, auf den Fernstraßen nennen sie ihn Jaú nach seinem Herkunftsort. Fünfzig Jahre hat er als Fernfahrer gearbeitet, ein »Arbeiter der Straße«, sein Körper ist verwüstet, von Narben übersät und von den Drogen zerstört, die er und seine Kameraden nehmen, um sich während der endlosen Fahrerei wachzuhalten. Im Januar und Februar des Coronajahrs 2021 führt der Sohn mit ihm sechs Interviews. Während der Niederschrift bricht beim Vater Krebs aus – das Buch ist auch ein Krankheitsbericht über die lange Jahre schleichende, zuletzt rapide Zerstörung des Vaterkörpers.

Verschlammte Straßen

Wie die Welt des Sohnes, wird auch die Welt des Vaters wesentlich über seine Sprache und sein Vokabular vermittelt: Fahrersitz, Fernstraße, Heimweh, Transport, Fracht, Treibstoff, Spedition, Auftraggeber, Tankstellen. Die Wörter des Vaters meinen, was sie sagen, sie benennen die Dinge ohne rhetorischen Schmuck, ohne Bilder und Metaphern. Nüchtern wie seine Sprache ist sein Tun: Er transportiert Traktorteile, Quecksilber, Wasserpumpen, Weinflaschen, Kastanien, Bohnen, Steine, Sand, Holz, Schreibmaschinen, Toilettenpapier, gelegentlich auch Soldaten. Die Wegstrecken werden nach Tagen bemessen, Fahrten von sechs bis zehn Tagen keine Seltenheit.

Wie die meisten Lkw-Fahrer lebt der Vater in einem Schuldenkreislauf. Und wie die meisten seiner Kollegen kauft er seinen Lkw auf Abzahlung. Kredite sind leicht zu bekommen, schwer dagegen ist der Druck der Raten. Auf den meist nicht asphaltierten, mit Schlaglöchern durchsetzten und verschlammten Straßen, durch Regenwälder und Sümpfe, wo die Lkws gelegentlich tagelang feststecken: verlorene Zeit. Dazu Treibstoff-, Reparatur- und Wartungskosten, neue Modelle kommen auf den Markt, während der Vater weiterhin die Raten für sein rasch alterndes Fahrzeug zahlen muss, seine Investition ist wertlos, bevor der Lkw abbezahlt ist. Ein Kreislauf, aus dem es kein Herauskommen gibt. An Politik und Wahlen hat er kein Interesse: »Am nächsten Tag müssen wir auch bloß arbeiten wie immer« (seine Rede wird jeweils kursiv wiedergegeben). Trotz oder vielleicht gerade wegen der nüchternen Sprache des Vaters münden seine Berichte über die Welt eines brasilianischen Fernfahrers immer wieder in den Bereich der Mythen.

Als Buch eines Akademikers über seine Eltern und seine Herkunft aus der Arbeiterklasse setzt »Was von meinem Vater bleibt« die Linie von Werken wie Annie Ernaux’ »Der Platz« und Didier Éribons »Rückkehr nach Reims« fort – Ernaux und Éribon werden im Buch genannt. Fortgeführt wird auch die experimentierende, gelegentlich umständlich als »Autosoziobiographie« bezeichnete Vermischung von Textgattungen wie Biographie, Autobiographie, soziologische Analyse und Belletristik. Und ähnlich ist die Motivation: Als Einspruch gegen die Eliten, denen die Arbeiterklasse und ihre Lebensweise als nicht der Rede wert gelten. Bortolucis Schreiben über den Vater – die Mutter spielt eine wichtige Nebenrolle – sei herausgefordert worden vom »Schweigen der Quellen, der Auslöschung der Zeugnisse derer, die die Welt erbauen«. Das ist nahe bei Brechts Gedicht »Fragen eines lesenden Arbeiters«, worauf Bortoluci selbst hinweist. Und wie Ernaux und Éribon erweitert Bortoluci das individuelle Schicksal der Eltern zum Schicksal einer ganzen Klasse.

José Henrique Bortoluci: Was von meinem Vater bleibt. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Maria Hummitzsch. Aufbau-Verlag, Berlin 2024, 175 Seiten, 20 Euro

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