Aus eigener Kraft
Von Ulrich Schneider
Seit die Zeitzeugen, die über viele Jahre im KZ Buchenwald inhaftiert waren und den Widerstand der Häftlinge aufgebaut hatten, nicht mehr selber Zeugnis ablegen können, flammt der geschichtspolitische Streit um die Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945 immer wieder auf. Dabei sprechen die Fakten – und eine Vielzahl von Zeugnissen ehemaliger Häftlinge – eine deutliche Sprache.
Eine entscheidende Voraussetzung für dieses Ereignis, das in der Geschichte der NS-Lager eine Besonderheit darstellt, war der Häftlingswiderstand in diesem Lager, der über das Internationale Lagerkomitee (ILK) auch große ausländische Häftlingsgruppen einbezog. Bereits 1943 bauten diese Gefangenen zum Selbstschutz eine Militärorganisation (IMO) auf. Unter Leitung von Otto Roth waren es zuerst deutsche, französische und sowjetische Gefangene. Die deutschen Häftlinge nutzten die Möglichkeiten des Lagerschutzes und der Lagerfeuerwehr, Einrichtungen, die im Auftrag der SS geschaffen worden waren. Die Militärorganisation besorgte sich Waffen – über Monate hinweg wurden Pistolen und Munition aus den Beständen der SS gestohlen und an sicheren Plätzen deponiert. Aus der Karabinerproduktion in den Gustloff-Werken wurden Waffenteile ins Lager geschmuggelt und dort zusammengesetzt. Sowjetische Gefangene produzierten Brandflaschen sowie Hieb- und Stichwaffen aus einfachen Materialien. Anfang 1945 gelang es sogar bei der Räumung eines Transportes aus Auschwitz ein Maschinengewehr in das Lager zu schmuggeln.
Aufgabe dieser Militärorganisation sollte der Schutz der Häftlinge bei einer befürchteten Vernichtung des Lagers durch die Nazis angesichts des Vormarsches der Alliierten sein. Ein aktives Vorgehen wäre erst möglich, wenn sich das Kräfteverhältnis durch eine deutliche Schwächung der SS zugunsten der Insassen verschob. Diese Situation ergab sich Anfang April 1945, als noch über 50.000 Häftlinge im Lager waren. Zwar lehnte das ILK am 2. April einen bewaffneten Aufstand als verfrüht ab, beschloss aber, die Evakuierung des Lagers zu verzögern. Die SS schickte Häftlinge auf Todesmärsche, gleichzeitig trafen mehrere tausend aus den Außenlagern auf dem Ettersberg ein. Außerdem war sichtbar, dass die SS-Führung Absetzbewegungen vorbereitete. Noch waren die Häftlinge nicht stark genug, alle Deportationen zu verhindern. Aber bei einigen Transporten schickte man Angehörige der Militärorganisation mit, die Handwaffen bei sich hatten.
Gelegenheit genutzt
Erst als am 10. April 1945 der Großteil der SS-Einheiten den Ettersberg verlassen hatte, schien militärisches Handeln gegen den immer noch mächtigen Feind möglich. Es begann damit, dass es am 11. April keinen morgendlichen Zählappell gab. Während der SS-Lagerkommandant Pister erklärte, er wolle das Lager übergeben, hörten Häftlinge, wie Pister den Kommandanten des in der Nähe liegenden Flugplatzes Nora angerufen hatte, er solle gemäß Himmlers Befehl das Lager liquidieren. Tiefflieger sollten das Lager mit Gasbomben angreifen. Für die Wachmannschaften wurden bereits Gasmasken ausgegeben. Um 12.10 Uhr hörten die Häftlinge zum letzten Mal die verhasste Stimme des Rapportführers Hofschulte: »Sämtliche SS-Leute aus dem Lager.« Keiner wusste, was das zu bedeuten hat. Die Wachtürme waren noch besetzt und im Außenbereich waren Teile der Postenkette zu erkennen.
Gleichzeitig entdeckten Aufklärer der IMO, die über Ferngläser verfügten, Kämpfe im Hottelstedt, einem etwa einen Kilometer vom Lager entfernten Dorf. Anscheinend waren die Amerikaner bereits dort. Um 14 Uhr marschierte eine Kompanie SS-Reserve in Richtung Front, bog dann aber ab, um sich in Richtung Osten abzusetzen.
In dieser Situation, als US-Truppen in direkter Nähe des Lagers waren, entschied sich das ILK für einen Aufstand und erteilte dem Leiter der IMO die Freigabe der Waffen. Die Kampfgruppen stießen gegen die Wachtürme vor. Fast gleichzeitig wurden an bestimmten Durchbruchstellen die Tore und Drahthindernisse niedergerissen, die Postentürme besetzt, mit den dort erbeuteten Waffen weitere Militärkader ausgerüstet. Der Résistance-Kämpfer und spätere spanische Kulturminister Jorge Semprun (1923–2011) berichtete:
»Die Kampfgruppen sammelten sich an den zuvor festgelegten Stellen. Um 15 Uhr gab das militärische Komitee den Befehl, die Aktion zu beginnen. Die Kameraden brachen plötzlich vor, Waffen im Arm: automatische Gewehre, Maschinenpistolen, einige Handgranaten, Parabellums, Panzerfäuste (…) Waffen, die in langen Jahren geduldig gesammelt worden waren für den heutigen, so unwahrscheinlichen Tag (…)
›In Gruppen formiert!‹ brüllte Palezon, der militärisch Verantwortliche der Spanier. Wir waren, ebenfalls brüllend, aus den offenen Fenstern gesprungen. Jeder wusste, welche Waffe für ihn bestimmt war. An Sonntagnachmittagen hatten wir, ohne die Waffen, dies alles, diesen Zeitplan geübt, inmitten der ausgehungerten, desorientierten Menge; alles, alles war schon Reflex geworden. (…) Später marschierten wir nach Weimar, bewaffnet. Als es Nacht wurde, erreichten uns die Panzer Pattons auf dem Wege. Zuerst ungläubig, dann, nach unseren Erklärungen, begeistert, entdeckten die Panzer diese bewaffneten Gruppen, diese fremden Soldaten in Lumpen.«
Selbstermächtigung
Die von der SS zurückgelassenen und auf sich selbst gestellten Wachmannschaften setzten dem Angriff der Kampfgruppen der Häftlinge wenig Widerstand entgegen. Die meisten ergaben sich oder versuchten zu fliehen. Bis zur Nacht wurden etwa 120 Nazis verhaftet. Die Zahl stieg in den folgenden Tagen auf insgesamt 220.
Um 15.15 Uhr flatterte die weiße Fahne auf dem Haupttor. Der Lagerälteste Hans Eiden verkündet in seinem ersten Aufruf durch das Mikrophon »Kameraden, wir sind frei! Die Faschisten sind geflohen. Das internationale Lagerkomitee hat die Macht übernommen. Wir fordern Euch auf, Ruhe und Ordnung zu bewahren.« Zwei amerikanische Aufklärer trafen – wie es 1945 in einer amerikanischen Militärzeitung hieß – völlig überrascht auf bewaffnete Häftlinge, die den Schutz des befreiten Lagers übernommen hatten. Am 13. April 1945 übernahm ein Befehlshaber der III. US-Armee das Lager.
Die Selbstbefreiung des Lagers am 11. April 1945 zeigt, wie selbst unter den Bedingungen des faschistischen Terrors ein gemeinsamer Überlebenswillen, der sich über nationale Grenzen hinweg entwickelte, in der Rettung von über 20.000 Häftlingen, darunter über 900 Kinder und Jugendliche, münden konnte.
Eine große Überraschung
»Es war der 11. April 1945. Ich war als Sergeant beim Übersetzerstab der Military Intelligence (M. I. I. Team) dem Kampfkommando ›B‹ zugeteilt, das zur 4. Panzerdivision der 3. Armee des General Patton gehörte. Unsere Aufgabe gab uns eine bestimmte Unabhängigkeit, so dass wir uns an diesem Tage, unserer Abteilung vorauseilend, ein Stück von der Marschroute entfernt hatten. Auf einem Feld bemerkten wir eine Gruppe Gefangener, die von bewaffneten Zivilisten bewacht wurden.
Wir hielten an und wurden von demjenigen, der das Kommando führte, empfangen. Es war ein Belgier, der uns mitteilte, dass einige Kilometer entfernt sich das Lager Buchenwald befände, in dem sich rund 22.000 Deportierte befänden, die sich durch einen Angriff auf die Wächter selbst befreit hätten. Sie hätten bewaffnete Gruppen aufgestellt wie die seinige und machten nun Jagd auf entflohenes Wachpersonal. Er schlug vor, uns zum Lager zu führen, und nahm, nachdem Leutnant Desnard zugestimmt hatte, auf der Motorhaube unseres Jeeps Platz. Er führte uns über Felder und dann durch einen Wald zum Eingang des Lagers. (…)
Unsere Ankunft ist nicht zu beschreiben. Wir wurden durch die Verantwortlichen des Befreiungskomitees empfangen (das sich aus Deportierten verschiedener Nationalitäten zusammensetzte). Sie sagten uns, dass wir die ersten seien, die das Lager beträten (…)
Unser Eintreffen in Buchenwald war eher zufällig. Wir konnten uns nicht aufhalten, da unser Kommando seine Marschroute einhielt und wir es schnellstens wieder erreichen mussten (…)
Zu unserer großen Überraschung trafen wir dann nach einigen hundert Metern auf einer Straße amerikanische Fahrzeuge, deren Fahrer nicht ahnten, dass sie so nahe bei einem der berüchtigten Lager waren.«
Bericht der Résistance-Kämpfer und Aufklärer der US-Armee, Paul Bodot und Emmanuel Desnard Aus: Le Serment de Buchenwald, No. 120, 1978
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
- imago/United Archives International01.02.2025
Zum Genozid am sowjetischen Volk
- picture alliance/akg-images16.04.2020
Die Schlacht um Berlin
- 04.04.2020
Anno … 15. Woche
Mehr aus: Geschichte
-
Anno … 15. Woche
vom 05.04.2025