Am offenen Meer
Von Maximilian Schäffer
Der 14jährige Sosuke Mimami (der etwa gleichaltrige Kōnosuke Harada in seiner ersten Rolle) wohnt in einem malerischen Ort am Meer, will daher Maler werden und malt entsprechend oft … das Meer. Ein schneidend scharfer Messerverkäufer und seine Geliebte betrügen die verliebten Kundinnen. Beim stillschweigenden Festtagsumzug, der leisesten Freudendemonstration der Insel, darf nicht gekichert werden. Das Schultheater braucht eine schön gemalte Kulisse, der junge Avantgardist aber lässt sich auf figurative Vorgaben gar nicht erst ein. In den Häusern drängen sich Bienenwaben oder Spinnenpuppen aneinander. Das schöne Mädchen von nebenan, das Meer, die Sonne, der Sonnenuntergang …
Regisseurin Satoko Yokohama reiht in ihrem nunmehr fünften Spielfilm Episoden eines feuchtwarmen Sommernachtstraums lose aneinander und hat sich alles bei den großen Namen, bei ihren prominenten Kollegen der Seltsamkeit abgeschaut, vor allem bei Hiroyuki Tanaka (alias Sabu) und Sion Sono. Laut Presseheft gilt sie manchen auch als »die japanische Kelly Reichardt«. Hauptsächlich kommt die Idee zum Film allerdings von einem Manga des 2016 verstorbenen Zeichners Gin Miyoshi. In seinem 2011 erschienenen Buch »Der Weg zum Meer« – auch die wörtliche Übersetzung des japanischen Filmtitels – finden sich schwarzweiße Absonderlichkeiten. Ebenso oft das warme Wasser und wehende Vorhänge überhitzter Zimmer. Yokohama allerdings lässt ihren Kameramann Yuta Tsukinaga vor allem Formen und Farben einfangen – Konturen flirren in der Hitze der unbegreiflichen Ereignisse. Jugendliche Kinogänger mit Mut zur Freude an der sanften Langeweile lassen sich für diesen Film begeistern und werden immer wieder mit unbegreiflichen Szenen geweckt. Was für ein brandgefährliches Vieh versteckt sich zum Beispiel im Palmenwäldchen des örtlichen Parks?
Satoko Yokohama kreiert eine wunderschöne, schwüle Welt, in die man sich gerne 141 Minuten lang entführen lassen will. An Sinn und Zweck der Erzählungsstränge darf sich der Zuschauer hier nicht klammern. Alles ist lose zusammengeklebt, weht wie ein Papierflieger auf lauen Lüftchen durch die engen Straßen des Dorfs. Regielegenden der Absurdität wie Alejandro Jodorowsky lassen grüßen – der Junge mit dem ständigen Regenschirm auf dem Rücken, die bizarren Symbole und exzentrisch ausstaffierten Menschen. Sie schaffen und leben und sterben und fügen sich seltsam zusammen in den Häusern und am Strand. Gleichzeitig wird Sosuke auch noch erwachsen. In diesem Labyrinth, das dieser Sommer ist, erfährt er zum ersten Mal, was Begehren ist. Nach Mädchen und Berufung. Er kann ja vielleicht Maler werden und heiraten. Alle Figuren gehen Richtung Zukunft, aber dieses Dorf am Meer lässt sie unerklärlicherweise nicht los, egal, was sie davon denken.
»Umibe é Iku Michi – Sommerliche Zufälle«, Regie: Satoko Yokohama, Japan 2025, 141 Min., Generation Kplus, 21.2., 23.2.
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