Dein roter Faden in wirren Zeiten
Gegründet 1947 Sa. / So., 29. / 30. März 2025, Nr. 75
Die junge Welt wird von 3005 GenossInnen herausgegeben
Dein roter Faden in wirren Zeiten Dein roter Faden in wirren Zeiten
Dein roter Faden in wirren Zeiten
Aus: Ausgabe vom 24.02.2025, Seite 7 / Ausland
Krieg in Syrien

Widerstand aus dem Untergrund

Während die Türkei Nordsyrien angreift, hofft die Autonomieverwaltung auf eine Einigung mit Damaskus
Von Nick Brauns
imago802675679.jpg
Empfang für Teilnehmer eines Konvois von Zivilisten, die am Tischrin-Damm gegen die türkischen Angriffe protestiert haben und dabei bombardiert wurden (Hasaka, 15.2.2025)

Im Norden Syriens haben die türkische Armee und ihre Söldnertruppe Syrische Nationalarmee (SNA) ihre Angriffe auf den Tischrin-Staudamm sowie die M4-Autobahnbrücke über den Euphrat am Wochenende erneut verstärkt. Kampfflugzeuge bombardierten Arbeiterunterkünfte am Staudamm sowie Dörfer in der Nähe der Brücke. Die seit Dezember schwer umkämpfte Talsperre spielt nicht nur eine Schlüsselrolle für die Energie- und Wasserversorgung Nordsyriens. Ziel der Angreifer ist es auch, auf die zur Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (AANES) gehörende Ostseite des Flusses zu gelangen. »Der Damm ist unsere erste Verteidigungslinie«, erklärte die Kommandantin der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF), Zinarin Kobani, am Freitag gegenüber dem Guardian. »Wenn sie ihn durchbrechen, öffnet das die Tür zur Besatzung.« Der Widerstand erfolgt dabei aus dem Untergrund. Die SDF haben angesichts der Luftüberlegenheit der türkischen Armee ein weitreichendes Tunnelnetz in gefährdeten Städten und Regionen angelegt. »Die meisten unserer Streitkräfte sind derzeit in den Tunneln konzentriert«, so Kommandantin Kobani. Aus solchen Kriegstunneln starten die SDF-Kämpfer Überraschungsangriffe auf die Invasionstruppen.

Noch hält die Abwehr, auch weil sich die türkischen Angriffe angesichts der Präsenz von US-Truppen in der nahegelegenen Stadt Kobani derzeit weitgehend auf die Frontlinie am Euphrat konzentrieren. Doch unklar ist, wie lange die Trump-Administration ihre rund 2.000 US-Soldaten, die die SDF offiziell im Antiterrorkampf gegen den »Islamischen Staat« unterstützen sollen, im Nordosten Syriens belässt. Ein von Trump in seiner ersten Amtsperiode 2019 angeordneter Teilrückzug hatte die Türkei damals zur Besatzung eines großen Gebietes in Nordsyrien ermutigt. Entsprechend versuchen AANES und SDF, zu einer Einigung mit der von der Dschihadistenallianz HTS in Damaskus gebildeten Übergangsregierung zu kommen.

Bei der »Siegeskonferenz« in Damakus Ende Januar, bei der sich der frühere Al-Qaida-Führer Ahmed Al-Scharaa von seinen Warlords zum syrischen Interimspräsidenten ausrufen ließ, waren AANES und SDF ebensowenig vertreten wie bei der Bildung eines maßgeblich von der HTS getragenen Vorbereitungskomitees für eine Konferenz des nationalen Dialogs. Salih Muslim von der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) erklärte daraufhin, ohne Einbeziehung der Kurden und der Selbstverwaltung in eine nationale Konferenz würden deren Entscheidungen als nicht bindend betrachtet. Doch Anfang letzter Woche ging der starke Mann in Nordsyrien, SDF-Generalkommandant Mazlum Abdi, ohne Garantien bezüglich eines zukünftigen Status der Autonomieregion in Vorleistung. In einem Interview für die Nachrichtenagentur North Press beglückwünschte er Al-Scharaa als neuen »Präsidenten« Syriens. Am 17. Februar trafen sich dann die Spitzen von SDF und AANES in der US-Militärbasis Al-Wazir in der Provinz Hasaka. Anschließend gab Abu Omar Al-Idlibi, der arabische Kommandeur der Nördlichen Demokratischen Brigade der SDF, die dort getroffenen Entscheidungen bekannt. Demnach sollen ausländische Kämpfer der SDF – gemeint sind Kader der Arbeiterpartei Kurdistans, PKK – wie von Damaskus gefordert das Land verlassen. Zudem sollen die SDF in die neue syrische Armee eingegliedert werden und staatliche Institutionen in den Nordosten zurückkehren. Allerdings bestehen die SDF darauf, als autonomer Block in die Armee eingegliedert zu werden, und die Selbstverwaltung will ihre rätedemokratischen Strukturen erhalten. Dagegen lehnt Al-Scharaas Übergangsregierung nicht zuletzt auf Druck der Türkei jegliche Dezentralisierung Syriens strikt ab. Somit dürften die wohl von den USA ermutigten Beschlüsse vor allem als Zeichen des guten Willens zu werten sein, angesichts der türkischen Angriffe eine Verhandlungslösung mit Damaskus zu finden, während auf eine Entscheidung von Donald Trump über die weitere US-Truppenpräsenz im rohstoffreichen Nordosten Syriens gewartet wird.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • »Feministische Außenpolitik« in der Praxis: Antrittsbesuch von B...
    04.01.2025

    Die ausgestreckte Hand

    Syrien: Außenministerin Baerbock bei Regent Al-Scharaa in Damaskus. US-Armee errichtet Militärbasis in Kobani
  • Wieder zu Zehntausenden auf der Flucht: Nördlich von Hama fliehe...
    04.12.2024

    Geopolitik in Syrien

    Dschihadistische Angriffswelle nicht ohne westliche Drahtzieher. Russland soll geschwächt werden, Türkei will Pufferzone
  • Angeblich da, um für Sicherheit zu sorgen: US-Militär patrouilli...
    26.01.2024

    Washington orientiert sich neu

    Nordsyrien: USA sollen laut Berichten Truppenpräsenz und Rolle der Kurden überdenken

Mehr aus: Ausland