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Aus: Ausgabe vom 27.03.2025, Seite 8 / Ansichten

Schwaches Blatt

Schwarzmeervereinbarung
Von Reinhard Lauterbach
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Patrouille an einem Strand der Krim (12.3.2025)

Das nennt man mit einem schwachen Blatt hoch pokern. Russlands Position im westlichen Schwarzen Meer ist rein militärisch dahin, nachdem seine Flotte schon zu Beginn des Krieges durch ukrainische Drohnenangriffe dezimiert und an die Ostküste des Meeres verdrängt worden ist. Wie sehr, machen en passant Berichte in russischen Medien über U-Boot-Soldaten deutlich, die inzwischen an der Front zu Lande kämpfen. Dass sie an Bord ihrer Schiffe nichts mehr zu tun haben, wird dabei natürlich nicht dazugesagt. Wenn die maritime Waffenruhe tatsächlich in Kraft treten sollte, könnte Russland Teile seiner Schwarzmeerflotte auf die Krim zurückverlegen. Insofern ist der ukrainische Ärger über den von Donald Trump eingefädelten »Deal« verständlich: Er ist geeignet, das Ergebnis der einzigen Schlacht rückgängig zu machen, die die Ukraine tatsächlich gewonnen hat.

Russlands Verhandlungsstrategie gegenüber den USA lief aber eigentlich auf etwas anderes hinaus: durch die Vereinbarung einer Waffenruhe wieder Möglichkeiten zum Export eigener Agrarprodukte und Düngemittel über See zu bekommen. Vor allem der Düngemittelexport gilt unter Fachleuten als verwandelte Form des Gasexports, weil sich Russland das viele Gas, das bei der Produktion dieses Düngers verbraucht wird, dann eben als dessen Wertbestandteil bezahlen lässt, anstatt es direkt zu exportieren. Auch der Nahrungsmittelexport war zwar als solcher nie verboten, litt aber unter Nebensanktionen auf dem Gebiet der Schiffsversicherungen und der Anlegerechte für russische Schiffe. Außenminister Sergej Lawrow hat nach dem Abschluss der Schwarzmeervereinbarung gar nicht lange darum herumgeredet und gleich gesagt, worum es Russland gehe: einen »gerechten Anteil am Welthandel«, insbesondere mit Getreide. Natürlich gibt sich Lawrow auch besorgt um die Nahrungsmittelversorgung des globalen Südens, vor allem hofft er aber wohl, dass der »verdiente Gewinn« für Russland dabei herausspringt.

Ob die Schwarzmeervereinbarung tatsächlich so in Kraft tritt wie jetzt paraphiert – denn mehr ist es offenbar bisher nicht – und ob sie hält, ist weitgehend offen. Russland ist erkennbar bestrebt, am Rande dieses »Deals« einen Keil in die westliche Sanktionsfront zu treiben. Die Wiederzulassung russischer Banken zum Abrechnungssystem SWIFT, für die sich die USA einzusetzen versprochen haben, ist abhängig von der Zustimmung der EU, auf deren Territorium diese Finanzinstitution ihre Rechner stehen hat. Und die größten Schiffsversicherer sitzen in London. Hier müssten also EU und Großbritannien über ihren Schatten springen und der Lockerung ihrer Sanktionen zustimmen. Vorerst schaut es nicht danach aus.

Mit diesem Akzent auf Sanktionserleichterungen gibt Russland zu, dass ihm diese doch schwerer geschadet haben, als es früher zugegeben hat. Ein schwaches Blatt wird nicht besser, wenn man damit hoch pokert.

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  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (28. März 2025 um 11:02 Uhr)
    Schwaches Blatt? Noch immer werden Kriege an Land entschieden! Heutzutage allerdings mehr denn je mit der Unterstützung aller möglichen fliegenden Kriegs bzw. Mordgeräte. Bei beidem hat Russland, um in der Wortwahl des Kommentars zu bleiben, »gute Karten«.
    Im Krimkrieg 1853-56 gab es das alles noch nicht, ja, da hatte die russische Flotte auch nichts zu lachen, und es gelang den französischen, britischen, italienischen und türkischen Truppen sogar, wovon der vereinigte Westen zusammen mit der Kiewer Führung jetzt nur träumen kann, die Landung auf der Krim und die Eroberung von Sewastopol. Ja, und auch das: Die Befreiung der christlichen Balkanvölker vom muslimisch-osmanischen Joch wurde durch die westliche Einmischung zugunsten der feudalen Türkei deutlich verzögert – »um den russischen Einfluss einzudämmen«.
    Heute machen sich Trumps Leute mehr und mehr die Moskauer Sicht zu eigen, dass im Osten und Süden der Ukraine Russen leben, die von der Herrschaft der »Antirussen«, der nationalistischen Bandera-Anhänger aus der Westukraine befreit werden sollen. So ähnlich sieht das z. B. Witkoff. Das wiegt schwerer als die »Kastrierung« der russischen Kriegsflotte.
    Halbwegs friedlicher Handel aber, zu Lande wie zur See, war schon immer nur in gegenseitigem Einvernehmen möglich – so auch im Schwarzen Meer. SWIFT wird sich den US-Pläne nicht verweigern können.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Norbert L. aus MRS (27. März 2025 um 17:12 Uhr)
    Es ist ein logischer Schnellschuss, aus einem »Akzent auf Sanktionserleichterungen« zu schließen, dass Russland die Sanktionen notwendigerweise »schwer geschadet« haben müssen (»ein schwaches Blatt«). Ein Aufheben der Sanktionen würde einfach mehr Gewinn für Russland bedeuten, weil das Exportieren einfacher und billiger würde. Ein »Akzent auf Gewinn« ist aber überall im Kapitalismus normal und sagt nichts über vorher erlittenen oder nicht erlittenen Schaden aus.
  • Leserbrief von Reiner Lenz aus Birkenwerder (27. März 2025 um 09:42 Uhr)
    Nun ja, dieser vom Westen provozierte sinnlose Stellvertreterkrieg, mit westlichen Waffen und ukrainischen Personal, macht allen Beteiligten zu schaffen. Der US-Dollar z. B. hat in den vergangenen vier Monaten gegenüber dem Rubel rund 20 Prozent seines Wertes verloren. Nicht ganz so schlimm, aber immerhin schlimm genug, sieht es beim Teuro aus. Dafür hat Gold enorm zugelegt. Vergleiche auch Klaus Müller über Gold in dieser Zeitung. Merke Karl Marx: Gold zirkuliert weil es Wert hat, Papiergeld hat Wert weil es zirkuliert.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André M. aus Berlin (27. März 2025 um 09:41 Uhr)
    Ich kann die Einschätzung des Verfassers nicht teilen. Das »schwache Blatt« – worin besteht es genau, im Ganzen gesehen? Natürlich verlangt Russland handfeste Gegenleistungen in einem »Deal«. Man kann genauso gut das Gegenteil, mit guten Gründen, behaupten. Russland hat den Faktor Zeit auf seiner Seite, nach wie vor. Wenn Russland eine angreifbare Flanke hat, dann besteht diese in viel zu wenig eigenem Schiffsraum (Tanker, Massengutfrachter). Eigentlich hätten sie ein großes Bauprogramm starten müssen, aber die Werftindustrie ist schwach (wie im Westen). Hier hat man das sowjetische Erbe verspielt.
  • Leserbrief von R.Brand (27. März 2025 um 09:14 Uhr)
    Vier Prozent Wachstum in Russland sind also »schwach«. Schwach ist wohl eher der Artikel. Warum sollte Russland dem Handel über das Schwarze Meer für die Bandera-Faschisten zustimmen, wenn nicht dasselbe für Russland gilt? Vielmehr läuft es darauf hinaus, dass Russland dem sowieso nicht zustimmen will und daher Bedingungen stellt, die Natonazistan nicht erfüllen will. Die Exporte Russlands von Dünger sind längst auf hohem Niveau angekommen, ebenso die Getreideexporte. Russland macht bisher alles richtig.
  • Leserbrief von kwf (27. März 2025 um 01:20 Uhr)
    Ich halte Lauterbachs Schlussfolgerung: »Mit diesem Akzent auf Sanktionserleichterungen gibt Russland zu, dass ihm diese doch schwerer geschadet haben, als es früher zugegeben hat. Ein schwaches Blatt wird nicht besser, wenn man damit hoch pokert« für falsch. Im vergangenen Jahr hat das BIP in Russland erstmals die Marke von 200 Trillionen Rubel (umgerechnet 2,2 Billionen Euro) geknackt. In der nationalen Währung hat sich dieser Kennwert seit dem Jahr 2020 fast verdoppelt. Die Lokomotive dieser Entwicklung ist die inländische Nachfrage. Die russische Wirtschaft wächst bereits das zweite Jahr in Folge mit einem Tempo, das zweimal so groß wie der globale Durchschnitt ist. Im Jahr 2024 ist die russische Wirtschaft fast sechsmal stärker als die europäische gewachsen. Nach der Kaufkraftparität gehört Russland zu den Top Vier der Wirtschaften. Im vergangenen Jahr hat der BIP-Wachstum 4,1 Prozent und der Zuwachs des Realeinkommens 8,4 Prozent betragen. Das ist ein Rekord. Die westlichen Sanktionen gegen den russischen Energiesektor sind gescheitert. Russland hat seinen Einfluss auf dem globalen Energiemarkt beibehalten. Angesichts der Strafmaßnahmen hat es das Land sogar geschafft, kritisch wichtige Verfahren bei der Förderung und der Verarbeitung von Erdöl und Gas zu vervollkommnen. In den letzten fünf Jahren ist die Stromerzeugung um 13 Prozent gewachsen, indem man neue Kapazitäten mit einer Gesamtleistung von fast zehn Gigawatt in Betrieb nahm. Dadurch wurde die Stromversorgung sicherer. Für die Integration der vier neuen Gebiete wurden mehr als 360 Milliarden Rubel (umgerechnet 3,97 Milliarden Euro) ausgegeben. Für dieses Geld hat man im vergangenen Jahr tausende Kilometer Straßen repariert und fast 4.000 neue Bauten errichtet. Unter den errichteten Infrastrukturobjekten gehören nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Kindergärten, Schulen, medizinische und Sporteinrichtungen. (…)
    • Leserbrief von Fred Buttkewitz aus Ulan - Ude (27. März 2025 um 13:31 Uhr)
      »Ein schwaches Blatt wird nicht besser, wenn man damit hoch pokert.« Solche Bemerkungen R. Lauterbachs sind gefährlich, weil sie bei der Bevölkerung im Westen die Illusion nähren, dann hätte es ja vielleicht doch Aussicht auf Erfolg, die »russische Gefahr« kriegerisch zu beseitigen. Dazu gehören auch gelegentliche Andeutungen, Russland hätte ja Schwierigkeiten, selbst mit der Ukraine fertig zu werden. Russland hat die Waffen, die gesamte Ukraine in ein Ruinenfeld zu verwandeln, binnen ganz kurzer Zeit. Es könnte, aber es will nicht. Es ist in der Situation eines Boxers, dem es verboten ist, die ihm zur Verfügung stehenden Kräfte gegen schwächere Zivilisten auszuspielen, und wenn noch so verbal oder militärisch provoziert wird. Die USA, GB oder Frankreich führten ihre Kriege gegen von ihnen definierte Feinde. Aber die Russen betrachten die Ukrainer immer noch als ihre (!) Leute, als Teile ihres Volkes, Menschen, die in die Irre geführt wurden, auch wenn viele verhetzte Ukrainer das jetzt anders sehen. Zweitens lässt man außer Acht, dass es einen solchen Ausnahmekrieg in der Weltgeschichte zuvor noch nie gab. 40 Staaten finanzieren einen einzelnen Staat und rüsten ihn mit Waffen aus, der seine Soldaten bluten lässt, während die ihre Soldaten schonen. Ein Stellvertreterkrieg in diesem Ausmaß, dies jedoch nur bei einer Partei des Konfliktes – ist weltweit neu. Russland dagegen führt den Krieg mit angezogener Bremse, vollkommen ohne allgemeine Mobilmachung, an der Front nur mit freiwilligen Zeitsoldaten, und ist – wie noch kein Land zuvor – mit 20.000 Einzelsanktionen belegt. Solch Drohnenkrieg, der jede Bewegung im freien Feld in Echtzeit beobachten und sofort unterbinden kann, gab es ebenfalls in dieser Art noch nie. Außerdem ist das demografische und wirtschaftliche Übergewicht des Westens erdrückend. Trotzdem verlieren sie den Krieg, obwohl sie so gekonnt ab 1990 mit falschen Karten getäuscht hatten. Für Russland war es nie ein Spiel.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (26. März 2025 um 21:30 Uhr)
    Reinhard Lauterbach greift in seinem Artikel zur maritimen Waffenruhe im Schwarzen Meer einige wesentliche Aspekte der geopolitischen Lage auf, lässt jedoch eine zentrale Perspektive außer Acht. Während er zutreffend die militärische Schwächung der russischen Schwarzmeerflotte und den russischen Wunsch nach Erleichterungen im Agrar- und Düngemittelexport beschreibt, fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit den Interessen der USA an den ukrainischen Agrarmärkten. Mehr als zehn Millionen Hektar fruchtbarer Schwarzerde in der Ukraine befinden sich in den Händen US-amerikanischer Privatunternehmen. Diese Tatsache spielt eine maßgebliche Rolle in der geopolitischen Strategie Washingtons und hätte in einer ausgewogenen Analyse nicht fehlen dürfen. Die einseitige Betrachtung des Deals als russische Schwäche lässt außer Acht, dass auch weitere westliche Akteure erhebliche wirtschaftliche Interessen an der Vereinbarung haben.

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