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Aus: Ausgabe vom 02.04.2025, Seite 11 / Feuilleton
Popkultur

»Die spinnen, die Römer«

Eine Werkschau über den Comiczeichner und Asterix-Schöpfer Uderzo im Berliner Museum für Kommunikation
Von Nick Brauns
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Gewalt ist keine Lösung? Da lachen die Gallier

Am Anfang steht die Triggerwarnung: »Die Ausstellung enthält gezeichnete Gewaltdarstellungen und explizite Sprache. Einzelne Namen und Darstellung von Figuren können als Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gelesen werden.« – Nein, es geht nicht um eine Schau von Nazipropagandaplakaten oder eine Sarrazin-Lesung. Die Warnung ist der Ausstellung »Uderzo. Von Asterix bis Zaubertrank« vorangestellt, die derzeit im Museum für Kommunikation Berlin gezeigt wird.

Gewaltfrei geht es im Werk des Schöpfers der gallischen Rabauken Asterix und Obelix in der Tat nicht zu. Wenn keine römischen Besatzungssoldaten zum Vermöbeln in Reichweite sind, fliegen die Fetzen innerhalb der gallischen Dorfgemeinschaft, etwa im Streit um faulen Fisch. Doch Blut fließt hier ebenso wenig wie in den gleichfalls für ihren handfesten Humor bekannten Filmen von Bud Spencer und Terence Hill. Bleibt noch die »explizite Sprache«: ob ein »Krack!«, ein »Poc!«, ein »Tschack!« oder ein »Bumm!« sensible Seelen tatsächlich verstört?

Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit? »Ich hab’ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!«, gibt Dorfgreis Methusalix die Lieblingsargumentation aller Rassisten, die keine sein wollen, wieder. Wobei in den Ohren des römischen Imperators Caesar Obelix’ Mantra »Die spinnen, die Römer« sicherlich wie Volksverhetzung klingt.

Von den Nazis als Minderjähriger zur Zwangsarbeit gezwungen, teilte der als Sohn armer italienischer Einwanderer 1927 in Frankreich geborene Uderzo mit seinem Partner René Goscinny, einem in Argentinien aufgewachsenen Juden polnischer Herkunft, eine gegen Rassenhass und imperiale Herrschaft gerichtete Überzeugung. Das inzwischen sprichwörtliche gallische Dorf, dessen mit Zaubertrank gedopte Bewohner dem römischen Imperium trotzen, steht dafür.

Doch das Spiel mit nationalen Klischees – um 2.000 Jahre zurück projiziert in eine Zeit, in der es keine Nationen im heutigen Sinn gab – gehört nun mal zu Asterix wie Misteln in den Zaubertrank. Dabei bekommt so ziemlich jede Gruppe ihr Fett ab, nicht zuletzt die Franzosen aka Gallier. Und manchmal sind Klischees austauschbar: In der ersten deutschen Übersetzung von 1964 waren die beiden Gallier Asterix und Obelix noch Germanen und hießen Siggi und Babarras.

Schon als Zehnjähriger bewunderte Uderzo Walt Disney und die US-amerikanischen Comics und kritzelte Figuren mit großen Nasen in seine Schulhefte. Als Wehrdienstleistender malte er Panzerfahrzeuge für Passierscheine. Die Begeisterung des gelernten Technikers für gezeichnetes Kriegsgerät findet sich später in seinen Geschichten über die Kampfpiloten Mick Tanguy und Ernest Laverdure wieder.

1951 erfolgt die schicksalhafte Begegnung mit René Goscinny – fortan arbeiten die beiden als kongeniales Duo. Goscinny entwirft die Geschichten und Dialoge, die Uderzo in Bilder umsetzt. Ihre Arbeitsweise hat Uderzo in einem 1962 gezeichneten Strip dargestellt. Zu sehen sind die beiden Künstler grübelnd über eine neue Story vor einem Café. Dann geht Goscinny ein Licht auf – durch eine Glühbirne in der Sprechblase dargestellt. »CRAAC! Et puis BAOUM! Alors TCHAC!« macht er den Aufschlag. »Et alors PATABOUM! TCHRRRAAAC!« ergänzt Uderzo. So geht es weiter, bis sie vom Notarzt in die Klapse abtransportiert werden. »Jetzt macht der Junge schon wieder Idiotengeräusche«, pflegte mein Vater zu schimpfen, wenn ich ähnlich lautmalerisch mit meinen Plastikcowboys und Indianern im Kinderzimmer Schlachten nachspielte.

400 Millionen Asterix-Alben wurden bis heute weltweit verkauft, ein Drittel davon im deutschsprachigen Raum. Es war übrigens mein konservativer Lateinlehrer in München, ansonsten keineswegs ein Freund von »Schmuddelheftchen«, der uns Schülern ausdrücklich die Asterix-Lektüre nahelegte – schon wegen der darin vorkommenden Lateinzitate. Längst gibt es eine komplette Lateinübersetzung, viele Bände sind zudem in Mundart erschienen, Asterix babbelt dann Hessisch oder balinat.

34 Asterix-Alben realisierten die beiden Künstler gemeinsam, nach Goscinnys Tod 1977 zeichnete Uderzo alleine weiter, mit verflachten Gags, wie Kritiker meinen, bis 2012 aufgrund seiner Athroseerkrankung neue Autoren die Serie bis heute weiterführten. Uderzo verstarb mit 92 Jahren 2020 – in seiner Garage standen 15 Ferraris.

Erstmals werden in der Ausstellung außerhalb Frankreichs so viele Originalseiten, Skizzen und persönliche Gegenstände aus Uderzos Atelier präsentiert. Zu sehen ist auch das Frühwerk, etwa der Tarzan-Verschnitt »Zartan – der Affenmensch«, aber auch schon ein kleiner Krieger mit Federn am Helm und sein muskulöser Freund – deutliche Vorläufer von Asterix und Obelix. Und natürlich der Indianer Umpah-Pah. Abgeschlossen wird die Show mit Werken anderer Künstler, die die berühmten Figuren – nicht immer mit Erlaubnis ihrer Schöpfer – aufgriffen. So ließen zwei Autoren mit den sprechenden Pseudonymen U. Raub und G. Druck in einem in den 80er Jahren unter Atomkraftgegnern kursierenden Comic das gallische Dorf gegen den Bau eines AKW auf die Barrikaden gehen.

»Uderzo. Von Asterix bis Zaubertrank«, Museum für Kommunikation, Leipziger Straße 16, 10117, Berlin, bis 15. Juni 2025

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