Prämie fürs Petzen
Von Philip Tassev
In den USA sorgt eine Spitzelplattform für Aufmerksamkeit, nachdem sie über das Wochenende von mehreren prominenten rechten Medien beworben wurde. ICERAID bietet Belohnungen in Kryptowährung für jeden, der bereit ist, vermeintliche Kriminelle zu melden. Der Fokus liegt dabei auf illegaler Einwanderung.
ICERAID steht für »Intelligence Crowdsourcing and Engagement Rewards for American Intelligence and Defense« und wurde Anfang des Jahres von einem gewissen Jason Meyers ins Leben gerufen. Der libertäre Banker ist ein Fan von Elon Musks »Abteilung für Regierungseffizienz« (DOGE) und möchte nach eigener Aussage »Aufgaben an Bürger delegieren, die normalerweise von aufgeblähten Behörden erledigt werden«. Dazu zählt er offenbar die Denunziation von Mitbürgern, die sich angeblich einer Straftat aus einer von neun Kategorien schuldig gemacht haben: illegale Einreise, Drogenhandel, Entführung, Diebstahl, Einbruch, Terrorismus, Strafvereitelung und – nachträglich hinzu-gefügt – Tierquälerei.
Das Akronym des Projekts ist zugleich Programm: ICE steht für die US-Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement, die seit dem Amtsantritt von Donald Trump mit überfallartigen Aktionen – englisch »raids« – Angst und Schrecken unter in den USA lebenden Migranten verbreitet. Dennoch ist ICERAID keine staatliche Einrichtung, sondern versteht sich als Teil einer Bewegung, die »Amerika wieder sicher machen« möchte.
Möchtegern-Hilfssheriffs werden mit Belohnungen dazu motiviert, Bilder oder Videos von »verdächtigen« Aktivitäten aufzunehmen, die für die »innere Sicherheit« von Bedeutung sein könnten. Im Februar etwa rief ICERAID dazu auf, Fotos von »verdächtigen Aktivitäten im Zusammenhang mit illegaler Einwanderung« in New York zu übermitteln, nachdem Musk verkündet hatte, DOGE habe entdeckt, dass die Agentur für Katastrophenschutz FEMA 60 Millionen US-Dollar für die Unterbringung von Geflüchteten an New Yorker Luxushotels gezahlt habe.
Die Aufnahmen werden so übermittelt, dass die Identität der Denunzianten auf Wunsch geheim bleibt. Jede Information wird dann laut Eigenangaben von »KI-Agenten« überprüft, die feststellen sollen, ob ein Verdächtiger wirklich echt ist. Sobald die Beiträge verifiziert sind, erhalten die Denunzianten sogenannte Tokens. Diese können dann gegen andere Kryptowährungen oder auch US-Dollar eingetauscht werden. Das soll nicht nur Anreiz zur Teilnahme bieten, sondern auch das »Gemeinschaftsgefühl« und die »gemeinsame Verantwortung für die nationalen Sicherheitsbemühungen« stärken.
Allerdings scheinen die »KI-Agenten« bisher eher oberflächlich zu arbeiten. So berichtete die unabhängige »Crypto-News«-Website Protos.com, dass ICERAID ein Werbevideo von Tesla, in dem die Widerstandsfähigkeit des gleichnamigen E-Autos gegen eine Spitzhacke demonstriert wird, fälschlicherweise als »inländischen Terrorismus« eingeordnet hatte.
Auch wenn die Plattform offenbar bislang nicht allzu viel Anklang findet, so weist sie doch den Weg für eine Entwicklung hin zu einem Überwachungsstaat, in dem die Aufgabe der Bespitzelung systematisch auf willfährige Privatpersonen übertragen wird. Oder in ihren eigenen Worten: »ICERAID ist ein bahnbrechender Schritt in der öffentlich-privaten Zusammenarbeit im Bereich der inneren Sicherheit. Indem Bürger mit ICERAID für ihre Wachsamkeit belohnt werden, verbessern die Strafverfolgungsbehörden nicht nur ihre nachrichtendienstlichen Fähigkeiten, sondern stärken auch den Gedanken, dass die nationale Sicherheit eine kollektive Verantwortung ist.«
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