Zustände wie im Paradies
Von André Weikard
Das neue Carport zu nah am Zaun, die Buchsbäume zu hoch, der Rauch vom Grill zieht in die frisch gewaschene Wäsche. Nachbarn können über alles mögliche in Streit geraten. Das allein kann einem das Leben schon schwer machen. Lebt man aber zu acht auf einer einsamen Insel, kann der Nachbarschaftsstreit einen sogar das Leben kosten. So jedenfalls erzählt es Regisseur Ron Howard (»Solo: A Star Wars Story«, »Inferno«, »Illuminati«) im Exotikthriller »Eden«.
Besagte einsame Insel liegt im Galápagos-Archipel und ist menschenleer – bis ein deutscher Zahnarzt (Jude Law) und seine Frau (Vanessa Kirby) sich dort niederlassen. Er, um ein zivilisationskritisches Manifest zu verfassen, sie, um ihre Multiple Sklerose durch Meditation zu heilen. Beide verbringen den Tag wie Adam und Eva, nämlich nackt. Um in den Genuss dieser Annehmlichkeit zu kommen, lässt man sich auch schon mal sämtliche Zähne ziehen. Schließlich kann der Zahnarzt sich im Notfall nicht selbst behandeln. Er trägt lieber Gebiss. Um es vorsichtig zu formulieren: zwei Exzentriker.
Das Pärchen wird in dieser Hinsicht aber noch übertroffen von der Baronin Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn (Ana de Armas). Einer Hochstaplerin in Begleitung von zwei Geliebten, die auf der Insel ein Luxushotel errichten will. Außerdem siedeln da noch »die Wittmers«, eine biedermännische deutsche Kleinfamilie, gespielt von Daniel Brühl und Sydney Sweeney.
Es entspinnt sich – wie sollte es anders sein – ein Netz von Intrigen und Täuschungen, von wechselnden Koalitionen und Verrat, in dessen Verlauf Menschen einander erst bestehlen und bedrohen, dann verschwinden oder zu Tode kommen. Erzählerisch hat das den Charme, dass, ganz in Agatha-Christie-Manier, der Kreis möglicher Täter begrenzt ist. Jeder einzelne hätte genug Gründe, so ziemlich jeden seiner Inselmitbewohner zu töten. Und alles das zwischen Palmblättern, gewetzten Macheten und giftigen Insekten. »Herr der Fliegen« für Erwachsene.
Klingt ein bisschen zu überdreht, zu ausgedacht? Ist es gar nicht. Die mysteriösen Mordfälle haben sich 1934 tatsächlich auf der Insel Floreana ereignet und gingen als »Galápagos-Affäre« durch die internationalen Gazetten. Wer schließlich wen ermordet hat und weswegen, wurde nie aufgeklärt, dafür aber unlängst in diversen True-Crime-Podcasts verhandelt. Howards Filmversion spekuliert nicht groß, sondern erzählt eine (vermutlich die plausibelste) Version der Floreana-Ereignisse.
Ein unrasierter Jude Law mit einem Metallgebiss im Stil des James-Bond-Bösewichts »Beißer« und eine Ana de Armas als manipulativer Vamp liefern sich dabei ein unterhaltsames Duell in gelbstichigen Bildern vor Strandkulisse. Die Dialoge sind bissig, böse, manche Szene witzig.
In Dimensionen, wo die ganz großen Gegensätze verhandelt werden – die vermeintliche Reinheit der Natur versus zivilisatorische Verkommenheit etwa oder moralische Fragen nach Gut und Böse, wie sie der Titel »Eden« andeutet –, stößt der Film aber nie vor. Da kann der Arzt noch so häufig Nietzsche und Schopenhauer oder die Baronesse den Marquis de Sade zitieren. Die Robinsonade, vom Verleih als »Survival-Thriller« vermarktet, schert sich auch nicht allzu sehr um den Überlebenskampf der Inselbewohner, um Wassermangel und Moskitoplage. Sie zelebriert vielmehr ein kammerspielartiges Gekabbel der spinnerten Inselbewohner mit Todesfolge. Ein ungesunder Nachbarschaftsstreit im Ostpazifik eben.
»Eden«, Regie: Ron Howard, USA 2024, 120 Min., Kinostart: heute
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