NATO zielt Richtung Russland
Von Gerrit Hoekman
Bloß weg aus Leeuwarden! Manche Nachbarn hätten extra zwei Wochen Urlaub gebucht, erzählte ein Anwohner am Montag im niederländischen NPO Radio 1. Der Fliegerhorst in der Hauptstadt der niederländischen Provinz Fryslân (Friesland) ist seit Montag Gastgeber der NATO-Übung »Ramstein Flag«. Bis einschließlich 11. April werden etwa 100 Flugzeuge aus 18 Mitgliedstaaten an der Übung teilnehmen. Sie starten von Flugbasen in England, Schottland, Dänemark und Deutschland. 40 Kampfjets werden für die Zeit in Leeuwarden stationiert sein – zum Unmut vieler Anwohner.
Die Übung wird sich zwar vor allem über der Nordsee abspielen, aber ebenfalls über Friesland, Groningen und den Inseln im Wattenmeer. Jeweils zweimal am Tag starten und landen die 40 Düsenjäger in Leeuwarden. Nur am Wochenende wird nicht geflogen. Das Dörfchen Marsum liegt am Anfang der Landebahn. Wenn sich die Leute nach der Arbeit auf einen gemütlichen Abend freuen, geht es auf der Luftwaffenbasis ab halb fünf zu wie in einem Taubenschlag. Starten. Landen. Starten. Landen. Jedesmal mit 116 Dezibel. Ein ohrenbetäubender Krach. »Steckst du deine Finger in die Ohren?« mahnte Thea Huitema am Dienstag in einem Bericht des Regionalsenders Omroep Fryslân ihren jüngsten Sohn, während ein Kampfjet über ihre Köpfe hinwegdonnerte.
Die NATO-Piloten sollen vor allem den Nachtflug üben, deshalb kehrt erst kurz vor Mitternacht am Himmel Ruhe ein. »Wenn es hart auf hart kommt, werden sich viele Menschen auf uns (…) verlassen. Falls es sein muss, auch heute Nacht schon«, wird Generalleutnant André Steur, der Kommandant der niederländischen Luftstreitkräfte, auf der Internetseite des Verteidigungsministeriums in Den Haag zitiert. »Die Fähigkeit und der Wille, als alliierte Luftstreitkräfte gemeinsam zu kämpfen, sind die größte Abschreckung seitens der NATO.« Die Zielrichtung ist eindeutig Russland. In der Übung sollen Lehren aus dem Krieg in der Ukraine in die Praxis umgesetzt werden. Aber »Ramstein Flag« diene laut dem Verteidigungsministerium auch dazu, die eigene Bevölkerung zu beruhigen.
Im Moment sorgen sich die Menschen in Leeuwarden mehr darum, ob ihre Kinder genug Schlaf bekommen. »Der Lärm dröhnt durch das ganze Haus«, berichtet Albert Sinnema, der in Jarsum am Ende der Startbahn wohnt, bei Omroep Fryslân. »Ich habe Angst, dass sie aufwachen.« Natürlich gibt es auf dem Fliegerhorst das ganze Jahr über Starts und Landungen. Aber nicht in dieser Zahl und nicht bis in die Nacht. Sinnema besitzt einen Betrieb, den er von zu Hause aus führt. Wenn er mit einem Kunden telefoniert und die Düsenjäger dicht über das Haus fliegen, versteht er sein eigenes Wort nicht mehr.
Es ist erstaunlich, man könnte auch sagen: Erschreckend, wie rasch Europas Militarisierung voranschreitet. Selbst in kleineren Ländern wie den Niederlanden. Erst vor anderthalb Wochen übte die niederländische Armee zwischen Kalkar und Emmerich das Übersetzen über den Rhein – exakt 80 Jahre nach den Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Die niederländischen Soldaten waren auf dem Weg nach Tschechien, um dort am Manöver »Stampfender Büffel« teilzunehmen. »Am liebsten hätten wir eine Pontonbrücke angelegt, aber das ist mit dem Schiffsverkehr unvereinbar«, bedauerte ein Sprecher der niederländischen Streitkräfte in den Medien. Deshalb mussten die 160 Fahrzeuge, darunter auch Panzer, die gewöhnliche Fähre benutzen.
Auch im Orbit wünschen die Niederlande mehr Präsenz. Ab dem Sommer werden sie weitere Nanosatelliten ins Weltall schießen. Einem kleinen Land angemessen, sind die Satelliten nicht größer als eine Milchtüte. »Der Weltraum ist für den Einsatz der niederländischen Streitkräfte unerlässlich«, so das Verteidigungsministerium. Der Krieg in der Ukraine zeige, dass »Weltraumkapazität ein ›Gamechanger‹« sein könne. Ob das auch für »Ramstein Flag« gilt, bezweifelt das niederländische Onlinesatiremagazin Nieuwspaal. Es mangele am Gegner: »Russland verweigert Teilnahme an NATO-Übung in Leeuwarden«, titelte das Magazin am Montag spöttisch.
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