Das gute Gespür der Rechten
Von Arnold Schölzel
Im Internetportal Telepolis, laut Eigenbezeichnung »Onlinemagazin für Politik und Medien im digitalen Zeitalter«, veröffentlicht Chefredakteur Harald Neuber am Donnerstag einen Artikel unter der Überschrift »Marxistenblatt mit Millionenlast: Ist die junge Welt am Ende?« Der Autor war von 1999 bis 2008 jW-Redakteur, arbeitete für die kubanische Nachrichtenagentur Prensa Latina und leitete den Aufbau des Lateinamerikanachrichtenportals Amerika 21.
Der erste Satz seines Artikels ist dessen Kern: »Die Tageszeitung steckt wie die Linke in der Krise.« Das stimmt immer – der Text erschien just an dem Datum, zu dem vor 30 Jahren die junge Welt von ihrem damaligen Besitzer eingestellt wurde. Die Mitarbeiter wurden nach Hause komplimentiert, übernahmen aber die Zeitung, die mit steigender Auflage bis heute existiert.
Heute stimmt der Satz von der Krise der Linken und der jW auch, erscheint allerdings kurz nach dem überraschenden Zuwachs der Partei, die sich Die Linke nennt, bei den Bundestagswahlen als grobe Vereinfachung. Ein Staat, der sich und die Bevölkerung »kriegstüchtig« machen will, hilft bei Krisen der Linken selbstverständlich nach. Hierzulande nutzt er gegen jW, die sich selbst als tägliche Zeitung gegen Krieg versteht, nicht zuletzt geheimdienstliche Mittel. In der BRD wurde dazu etwa unter dem irreführenden Namen »Verfassungsschutz« als Gesinnungspolizei ein auch im übrigen Westen einmaliger Inlandsgeheimdienst geschaffen. Nach Auffassung des Bundesinnenministeriums soll er dieser Zeitung »den Nährboden« entziehen. Das Instrument dafür, die Nennung in den Jahresberichten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, definierte der Jurist Jürgen Seifert in den 70er Jahren als »hoheitliche Verrufung«.
Neubers Artikel ist eine Verrufung ohne dieses Attribut, fügt sich aber in die amtliche geschmeidig ein. Das macht neben dem Eingangssatz vor allem der Schluss deutlich. Da heißt es unter der Zwischenüberschrift »Wenig Zuspruch, viel Missionsgeist« zum Beispiel: »Von den linken Flügeln der SPD und der Grünen bis zu Kleinststrukturen wie der jungen Welt – sie alle wähnen sich in dem Irrglauben, für die Mehrheit zu sprechen.« Wo Linke nach Neubers Meinung in jeder Ausprägung einem Wahn nachjagen, gilt des Autors Ehrfurcht folgerichtig im nächsten Satz dem Realismus auf der erfolgsverwöhnten rechten politischen Seite: »Das Gegenteil ist der Fall: Während die Rechten ein unglaublich gutes Gespür für Emotionen und Befindlichkeiten in der Bevölkerung entwickelt haben und dies medial und kommunikativ effektiv zu nutzen wissen, glauben viele Akteure der Linken, den Menschen etwas beibringen oder vorschreiben zu müssen. Hier die Antiimperialisten, dort greise DKPisten, hier die Klimaaktivisten, dort die Fürsprecher der NATO und einer ›wertegeleiteten Außenpolitik‹.«
Letztere sind gegenwärtig mal wieder besonders erfolgreich bei der Schaffung einer Massenbasis für den dritten Anlauf der in Deutschland Mächtigen zu dem, was beim ersten Mal »Platz an der Sonne« genannt wurde. Das unglaublich gute »Gespür für Emotionen und Befindlichkeiten«, das beim Kriegstüchtigmachen verlangt wird und das Neuber so beeindruckt, verzichtet auf Wissen. Es spricht für sich, dass das bei Neuber nicht mehr vorkommt. Richtig ist: Nicht nur die herrschenden Gedanken sind heute mit dem Internet die Gedanken der Herrschenden, sie beherrschen auch die Emotionen.
Dem Trend folgt nun offenbar auch der Telepolis-Chefredakteur. Sein Gefühlsausbruch in Textform ist handwerklich haarsträubend, liefert statt Tatsachen interessierte Interpretationen und vor allem eine Reihe von Unwahrheiten zur Lage der jungen Welt. Fakten stören sehr, wenn das Gespür gut ist.
Dem Trend folgt nun offenbar auch der Telepolis-Chefredakteur. Sein Gefühlsausbruch in Textform ist handwerklich haarsträubend, liefert statt Tatsachen interessierte Interpretationen und vor allem eine Reihe von Unwahrheiten zur Lage der jungen Welt. Fakten stören sehr, wenn das Gespür gut ist.
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