Dein roter Faden in wirren Zeiten
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Aus: Ausgabe vom 05.04.2025, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Bildreportage

Koloniale Tradition umgekehrt

»A World in Common«: Eine Ausstellung zeitgenössischer afrikanischer Fotografie in Berlin
Von Matthias Reichelt
Dawit L. Petros: »Untitled (Prologue III)« (Nouakchott, Mauretanien, 2016)
Lebohang Kganye: »Re Shapa Setepe sa Lenyalo II« (Südafrika, 2013)
Hassan Hajjaj: »Rider in Pink«
Rotimi Fani-Kayode: »Adebiyi« (1989)
Atong Atem: »Dit« (2015)
George Osodi: »Hadizatu Ahmedu Magajiya of Knubwada« (2012)

Dem Ausstellungshaus C/O ist es zu verdanken, dass die in Kollaboration mit der Tate Gallery of Modern Art in London entstandene Exhibition in Berlin zu sehen ist. Das zentrale Foto der Ausstellung ist einer Serie von Dawit L. Petros (* 1972, Eritrea) entnommen. Es zeigt einen Mauretanier in traditioneller Kleidung, der mit beiden Armen einen gerahmten Spiegel schultert. Der Spiegel gibt die Landschaft wieder und verbirgt gleichzeitig den Kopf des Porträtierten. In diesem Motiv manifestiert sich der über Jahrhunderte formierte koloniale Blick der europäischen Betrachter, die Land und Körper als ausbeutbar wahrnehmen, aber Identität und Persönlichkeit der Ausgebeuteten ignorieren.

Von Achille Mbembe, dem aus Kamerun stammenden Philosophen, ist das Postulat »A World in Common« als Titel entlehnt, mit dem Mbembe zum Denken einer gemeinsamen Welt auffordert, aber in Umkehrung der kolonialen Tradition anregt, sie aus der afrikanischen Position zu sehen.

In der Ausstellung werden die Werke von 23 aus Afrika stammenden, dort und in der Diaspora lebenden Künstlern gezeigt, die in die drei Kapitel »Identität und Tradition«, »Gegenerzählungen« und »Zukunftsentwürfe« gegliedert wurden. Im ersten Kapitel sind unter anderem große und brillante Farbfotografien von George Osodi (* 1974, Nigeria) zu bewundern, der Königinnen und Könige in seinem Heimatland porträtiert hat. In ihrer würdevollen Selbstpräsentation symbolisieren sie nicht nur eine weltliche, sondern auch eine spirituelle Macht. Die 1990 geborene südafrikanische Künstlerin Lebohang Kganye widmete ihrer 2010 verstorbenen Mutter ein konzeptuelles Projekt. Dafür inszenierte sie sich mit Kleidung und Körperhaltung wie ihre Mutter und reproduzierte beide Motive leicht versetzt in einem Bild, als ob die Mutter als ein Schatten ihrer selbst erscheint.

Die simbabwische Autorin Yvonne Vera (1964–2005) befand 1999 in einem Essay: »Die Kamera war oft ein schreckliches Instrument. In Afrika, wie in den meisten Teilen der besitzlosen Welt, gehört die Kamera zu den kolonialen Utensilien, zusammen mit dem Gewehr und der Bibel.« Afrikanische Künstler haben sich schon lange des vormals kolonial genutzten Instruments bedient, um damit eine eigene Perspektive auf ihre Geschichte zu zeigen und der alten kolonialen Fremdbestimmung, die immer noch in vielen Köpfen nachwirkt, selbstbewusst zu begegnen. Sie setzen der kolonialen Pmjjjrojektion ein Bild der Selbstermächtigung entgegen. Dekonstruktion der kolonialistischen Bilder sind aber nur ein Teil, denn es geht auch darum, die afrikanische Wirklichkeit mit ihren gesellschaftlichen Widersprüchen und der Vielfalt des kulturellen Lebens zu zeigen, wie dies zum Beispiel in der gleichwohl farbenfrohen wie muster- und ornamentreichen Serie des marokkanischen Künstlers Hassan Hajjaj (* 1961) der Fall ist. Er porträtiert Musiker und andere charakter- und ausdrucksstarke Menschen mit ihren individuellen Moden und umrahmt die Porträts ihrer Selbstinszenierungen ornamental mit Bildern alltäglicher und lokaler Produkte.

Übrigens existiert in der britischen Tate Modern mit dem »Africa Acquisitions Committee« bereits seit 2011 eine Instanz, die sich ausschließlich dem Erwerb afrikanischer Kunst widmet. Ein Resultat der zumindest im musealen Bereich stattfindenden Auseinandersetzung mit dem Erbe des britischen Kolonialismus.

Die Ausstellung ist bis zum 7. Mai im C/O Berlin zu sehen.

co-berlin.org/de

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